Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1931 Heft 21 (21)

ARBEIT
UND
WIRTSCHAFT
HERAUSGEGEBEN VON ANTON HUEBER
REDAKTEURE: EDUARD STRAAS, VIKTOR STEIN, DR. EDMUND PALLA UND DR. J. HANNAK
IX. JAHRGANG 1. NOVEMBER 1931 HEFT 21
BANKPOLITIK UND WIRTSCHAFTSKRISE
Von Stephan Wirlandner
Seit dem Tag, an dem die deutsche Reichsregierung
die Bankfeiertage anordnete, um den Ansturm der in¬
ländischen und ausländischen Gläubiger auf die deut¬
schen Banken abzuwehren, ist die Währungs- und
Kreditkrise nicht mehr zum Stillstand gekommen. In
wenigen Wochen wurde zunächst England und von
dort rückwirkend fast der ganze europäische Kon¬
tinent erfaßt. Die Schaffung einer Garantievereini¬
gung der amerikanischen Banken deutet darauf hin.
daß selbst Amerika sich in diesen Tagen nicht mehr
sicher fühlt und Vorkehrungen treffen will, um eine
weitere Ausbreitung der Finanzkrise zu verhindern.
Etwas voreilig wurde im vergangenen Frühjahr
von einer bereits vollzogenen Liquidation der Krise
und von einem Wiederaufstieg der Wirtschaft ge¬
sprochen. Die letzten Ereignisse haben bewiesen, daß
dieser Prozeß noch nicht abgeschlossen, der Tiefpunkt
wahrscheinlich auch jetzt noch nicht erreicht ist. Die
Währungsschwierigkeiten und die zoll- und handels¬
politischen Maßnahmen, die im Zusammenhang damit
getroffen wurden, haben eher zu einer weiteren Ver¬
schärfung der Krise geführt und die Spannungen im
Preisgefüge (Verhältnis der Inlandpreise zu den Welt¬
marktpreisen, der Rohstoffpreise zu den Preisen der
Fertigwaren usw.) erhöht.
Die wachsende Differenzierung in der Preisgestal¬
tung wurde schon bisher als Ursache der besonderen
Heftigkeit und Langwierigkeit der Krise bezeichnet.
Die -Schuld wurde zunächst den kartellmäßigen Bin¬
dungen der Wirtschaft und den Einflüssen der staat¬
lichen Subventions- und Zollpolitik zugeschrieben.
Etwas weniger wurde die sehr wirkungsvolle Einflu߬
nahme der Banken auf diese Verhältnisse betont. Erst
im Zusammenhang mit der Finanzkrise wurde diesen
Tatsachen ein größeres Augenmerk zugewendet und
durch Felix Somary zuletzt („Deutscher Volkswirt"
vom 4. und 11. September 1931) eingehender be¬
handelt.
Seiner Meinung nach hätten die Banken bei den
ersten Sturmzeichen auf den Weltmärkten mit den
Krediteinschränkungen beginnen müssen, um schon in
dieser Zeit weitere Investitionen zu verhindern und
gegen das „Einfrieren" ihrer Kredite Vorkehrungen zu
treffen. Eine solche Kreditpolitik, frühzeitig genug an¬
gewendet, hätte den Banken ermöglicht, nach Eintritt
der Wirtschaftskrise die Kredite zu kündigen und da¬
durch das mit Hilfe der Kartelle und Zölle gefestigte
Preisniveau zu erschüttern und die Liquidation der
faulen Unternehmen herbeizuführen.
Es ist bekannt, daß die Banken, besonders in
Mitteleuropa, mit der Industrie aufs engste verbunden,
diese Wege nicht gegangen sind. Weit über die eigene
Kapitalkraft und die des heimischen Marktes hinaus
wurden die industriellen Unternehmen mit kurz¬
fristigen Auslandmitteln versorgt und die Betriebs¬
kredite so reichlich gewährt, daß die Liquiditäts¬
grenze überschritten wurde und dieselben schließlich
als Anlagekredite fungierten. Die Banken konnten des¬
halb bei Eintritt der Krise die Liquidation der Unter¬
nehmen nicht herbeiführen, sie mußten vielmehr, um
eine Entwertung ihrer Debitorenkonti und den Ver¬
lust der bisher eingeräumten Kredite zu verhindern,
neue zusätzliche Kredite gewähren.
Durch diese großzügige Kreditpolitik wurde also
zweierlei verschuldet. Zunächst wurde die Liquidation
jener Industrieunternehmungen ' vermieden, die in¬
folge ihrer technischen Rückständigkeit oder durch
Kapitalfehlleitungen die Rentabilitätsgrenze unter¬
schritten hatten. Die Lagerbestände konnten durchge¬
halten und der Preissturz der industriellen Fertig¬
waren, der infolge der Zwangsverkäufe hätte eintreten
müssen, verhindert werden. Damit aber auch die
Möglichkeiten, daß Realkapitalien (Maschinen, Roh¬
stoffe) Unternehmern zugefallen wären, die mit Hilfe
der billig erworbenen und von Bankschulden befreiten
Produktionsmittel die Erzeugung aufgenommen und
der Wirtschaft neue Antriebskraft gegeben hätten.
Die Unternehmen blieben scheinbar lebensfähig —
die Banken aber wurden indessen illiquid. Dies war
die zweite ungewollte Wirkung dieser Kreditpolitik.
Der Preissturz auf den inländischen, vom Weltmarkt
durch Zollmauern geschützten Warenmärkten wurde
gehemmt, aber der Kurssturz auf den Aktienmärkten
konnte infolge der internationalen Verbundenheit
dieser Märkte nicht abgestoppt werden. Zwar wurden
durch die Banken selbst oder durch die Industrie¬
unternehmen mit Hilfe der Banken Aufkäufe durch¬
geführt — aber die Erfolge waren viel geringer als
auf den Warenmärkten. Die Debitorenkonti der
Banken blieben relativ unverändert, bei ihnen trat
keine Entwertung ein, aber der Wert der Effekten-
konti schmolz unter der Baissebewegung der Aktien¬
märkte zusammen.
Hatten die Banken, um den Verlust der Anlage¬
kredite zu vermeiden, die Industrieunternehmungen
gestützt und die Aktionäre vor Verlusten bewahrt,
so wurden sie selbst, je weiter die Krise fortschritt,
        

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