Volltext: Arbeit & Wirtschaft - 1931 Heft 21 (21)

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Laufe des Jahres 1931 etwa anderthalb Millionen
Frauen in den Wirtschaftsprozeß ein¬
bezogen werden sollen, das bedeutet beinahe eine
Verdoppelung der Zahl der arbeitenden Frauen.
Diese Erweiterung des Anteils der Frau am Wirtschafts¬
leben könnte sicherlich ein gewaltiger Faktor in bezug auf
die tatsächliche Befreiung der Frau sein; da aber keinerlei
Hoffnung besteht, daß diese Einbeziehung der Frau von
einem entsprechenden Ausbau der Kinderheime, Krippen,
Kindergärten und Speiseanstalten, in denen die Arbeiterin
zu einem erschwinglichen Preis ihre Mahlzeiten einnehmen
könnte, begleitet wird, steht es unzweifelhaft fest, daß die
Frau noch sehr große Opfer auf dem Altar der Industriali¬
sierung und der „Generallinie" wird darbringen müssen.
Die Sowjetgesetzgebung schützt die Frauen¬
arbeit sowohl in bezug auf das Verbot der Nachtarbeit
als auch in bezug auf die Beschränkung der Arbeitszeit
und das Verbot der Frauenarbeit in besonders gesundheits¬
schädlichen Industriezweigen. Aber schon seit 1925 sind
immer häufiger „Durchbrechungen" auf diesem
Gebiet zu verzeichnen, immer häufiger gibt es Kon¬
flikte zwischen den Arbeitsschutzbehörden und den so¬
genannten „Frauenabteilungen", die gegen die „Gleich¬
stellung" der Frau mit dem Manne in bezug auf Nacht¬
arbeit, Arbeit unter Tag usw. protestieren; die Funktionäre
des Volkskommissariats für Arbeit finden sich immer
häufiger mit den Anordnungen der Betriebsleitungen ab,
die die Frau auf diese Weise dem Manne „gleichstellten",
und sie begründen ihre Zurückhaltung mit der Befürchtung,
daß ein besonderer Schutz der Frauenarbeit zu einer end¬
gültigen Hinausdrängung der Frau aus der Produktion
führen könnte. Besonders stark waren diese Stimmungen
in der Zeit der NEP, als es in der Sowjetunion eine starke
Arbeitslosigkeit gab und jeder mit Zähnen und Klauen
seine Arbeitsstelle verteidigen mußte. Anders ist es heute:
Es gibt gegenwärtig keinen Mangel an Arbeits¬
gelegenheit in der Sowjetunion, es herrscht im
Gegenteil eine große Arbeiterknappheit. Und nun zwingen
„staatspolitische Erwägungen" erneut zu einem Kampf um
die Einbeziehung der Frau in die Produktion, aber die
gleichen Erwägungen veranlassen die Behörden, ihre
Augen zu verschließen vor der erzwungenen Rekordarbeit
der Frau, vor ihrer Teilnahme am „sozialistischen Wett¬
bewerb", die häufig eine endlose Verlängerung der
Arbeitszeit zur Folge hat, vor der Beschäftigung der
Frau unter Tag (im Donezbecken) und vor allen mög¬
lichen anderen Verletzungen der Arbeitsgesetzgebung.
Eine Reihe von Erhebungen hat gezeigt, daß die
Frauenarbeit in mancher Beziehung rentabler ist als die
Männerarbeit: Die Frauen haben größere Ausdauer
bei der Arbeit, finden sich leichter mit allen Un¬
bequemlichkeiten der Arbeitsbedingungen ab und sind von
der „Fluktuation der Arbeitskräfte", das heißt von dem
Hinüberwechseln aus einem Betrieb in den anderen, was
gegenwärtig ein sehr akutes Problem ist, weniger an¬
gesteckt. Die Fluktuation stellt sich zum Beispiel in den
Roten Putilowwerken bei den Männern auf 50 Prozent, bei
den Frauen aber nur auf 7'2 Prozent! In den Kolotnna-
werken, wo Tausende von Arbeitern beschäftigt sind, be¬
trägt die Fluktuation bei den Männern 55'3 Prozent, bei
den Frauen nur 27 Prozent usw. Auch in bezug auf
Arbeitsdisziplin erscheint die Frau den Betriebsleitungen
als zuverlässiger: Verletzungen der Arbeitsdisziplin sind
bei nur 22'5 Prozent der beschäftigten Frauen festzustellen,
während sich der entsprechende Prozentsatz bei den
Männern auf 62'3 Prozent stellt! Das gleiche ist auch in
bezug auf das Nichterscheinen zur Arbeit usw. festzustellen.
Das alles führt dazu, daß die Frau ein gern ge¬
sehener Arbeiter ist. Nichtsdestoweniger bleibt die
Entlohnung der Frauenarbeit hinter der der Männer¬
arbeit zurück. Im Durchschnitt „bleibt der Verdienst der
Frauen hinter dem Verdienst der Männer im gleichen
Berufe um nicht weniger als 11 bis 13 Prozent zurück.
Freilich gilt dies am meisten für die Textilindustrie. Aber
dieser Industriezweig zeigt nicht nur den höchsten Prozent¬
satz der Teilnahme der Frauen, sondern absorbiert auch
53'2 Prozent aller in der großen und mittleren Industrie der
Sowjetunion beschäftigten Arbeiterinnen." (W. Borodin,
„Die Frauenarbeit in der Textilindustrie", in „Statistitsche-
skoje Obosrenije", 1929.)
Noch größer ist die Differenz in der Ent¬
lohnung der männlichen und weiblichen Angestell-
t e n. Der Prozentsatz der weiblichen Angestellten ist sehr
hoch, die Gesamtzahl der weiblichen Angestellten betrug
1928 156.645 beziehungsweise 14'4 Prozent der Gesamtzahl
der Angestellten. Seitdem ist der Anteil der Frau an den
Angestelltenberufen weiter gestiegen. Die Differenz im
Arbeitsverdienst entspringt auch der verschiedenen
Gestaltung der Tarife, obgleich hier die Unterschiede nicht
sehr groß sind, in der Hauptsache aber der Tatsache, daß
die Frauen vorwiegend bei schlechtbezahlten Arbeiten be¬
schäftigt werden: so beträgt der Anteil der Frauen unter
dem Büro- und Aufwartepersonal 90 Prozent. Allgemein
läßt sich sagen, daß, je bedeutender nach Funktion und
Umfang die Tätigkeit, um so größer der Prozentsatz der
beschäftigten Männer ist. Darüber hinaus ist aber die Be¬
zahlung der gleichen Arbeitsverrichtungen nicht immer
dieselbe. In den einzelnen Berufen stellen sich die Monats¬
gehälter wie folgt:
Männer Frauen
R u b e 1
Buchhalter .... 103'2 66 6
Kontoristen .... 69 61'6
Kassierer 80 4 50 2
Kanzleiangestellte 48 414
Büroboten .... 31 28
Das gleiche ist auch in der Industrie der Fall. Die voll-
kommenere Technik und die größere Mechanisierung der
Arbeit müßten eigentlich eine weitergehende Verwendung
der Frauenarbeit ermöglichen, „aber bis jetzt liegen die
Dinge so, daß die Frauenarbeit mehr in den weniger
qualifizierten Berufen verwendet wird, — die Frauen
arbeiten als Ungelernte und Hilfsarbeite¬
rin n e n, in Berufen also, die eine größere körperliche
Anstrengung erfordern als die qualifizierten Berufe und
für den weiblichen Organismus infolgedessen schädlicher
sind". (Marschewa, „Die Frauenarbeit 1931", in „Woprosy
Truda", Nr. 1.) Lydia Dan
WEIBLICHE BERUFSBERATUNG UND
LEHRMÄDCHENFRAGEN
Die Inanspruchnahme des Lehrlingsschutzes durch die
Lehrmädchen. Wirtschaftskrise und Mangel an Lehrstellen,
Abwanderung der weiblichen Jugendlichen von den ge¬
lernten Berufen zur Hilfsarbeit, aber auch geringer Glaube
an Selbsthilfe bei den Mädchen haben im Jahre 1930 die
Zahl der Lehrmädchen, die bei den Lehrlingsschutzstellen
der Wiener Arbeiterkammer Rat und Schutz gesucht
haben, sinken lassen. 558 Wiener und 82 niederösterreichi¬
sche Mädchen wären es im Vorjahr, 474 und 64 im Jahre
1930. Iii stärkerem Maß haben nur die Schneider- und
Modistenlehrmädchen den Lehrlingsschutz in Anspruch ge¬
nommen, bei allen anderen Berufen sind Abnahmen zu ver¬
zeichnen — besonders stark bei den Wäschewaren¬
erzeugerinnen. Die Inanspruchnahme verteilt sich fol¬
gendermaßen:
Wien Niederösterr.
Kleidermacherinnen 195 33
Wäschewarenerzeugerinnen . . . .. 77 6
Praktikantinnen 63 10
Modistinnen 60 2
Friseurinnen 10
Wirkwarenerzeugerinnen 20 2
Chemischputzerinnen, Buchdrucke¬
rinnen, Miedererzeugerinnen, je . 3 —
Kürschnerinnen, Färberinnen, je . 2 —
Hutmacherinnen, Industrie¬
malerinnen, Photographinnen, je . 1 1
Bei den drei Buchdruckerinnen handelt es sich um aus¬
gelernte Hilfsarbeiterinnen. Bei den Beschwerden weib¬
licher Lehrlinge stehen ungesetzliche Arbeitszeit und Be¬
schäftigung zu nichtgewerblichen Arbeiten an der Spitze.
Es wäre sehr zweckmäßig, wenn die Lehrlingsschutz¬
stellen in ihren Berichten durch Trennung des statistischen
Ausweises nach Geschlechtern ein genaueres Bild der
Schäden, denen Lehrmädchen ausgesetzt sind, ermöglichen
würden.
Eigentümer Verleger. Herausgeber- Anton H u e b e r, Sekretär. — Verantwortlicher Redakteur: Eduard S t r a a s. Redakteur, beide Wien I. Eben-
üorterstrnfle 7 - Druck ..Vorwärts". Wien V. Rechte Wienzeile «7.
        

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