ARBEIT
UND
WIRTSCHAFT
HERAUSGEGEBEN VON ANTON HUEBER
REDAKTEURE: EDUARD STRAAS, VIKTOR STEIN, DR. EDMUND PALLA UND DR. J. HANNAK
X. JAHRGANG 1. MARZ 1932 HEFT 5
DAS GEBOT DER STUNDE:
ARBEITSBESCHAFFUNG!
Von Wladimir Woytinsky (Berlin)
Der Bundesausschu� des Allgemeinen Deutschen
Gewerkschaftsbundes hat am 16. Februar einstimmig
eine Entschlie�ung angenommen, die nach einer ein�
drucksvollen Schilderung der ungeheuren Krise, unter
deren Druck die deutsche Arbeiterklasse steht, die
Forderungen der deutschen Gewerkschaften wie folgt
geltend macht:
Die Gewerkschaften anerkennen nach wie vor
die Notwendigkeit, der allgemeinen Wirtschafts�
krisis durch eine aktive Au�enpolitik entgegen�
zuwirken. Innerpolitische Ma�nahmen allein k�nnen
nicht dauernd helfen und sind im Erfolg abh�ngig
von einer baldigen internationalen Verst�ndigung.
Aber m�glich als ein Anfang und entscheidend in
der heutigen Situation im eigenen Lande ist eine
Arbeitsbeschaffung gro�en Ausma�es.
Die unverkennbaren Schwierigkeiten dieser Auf�
gabe entheben die Reichsregierung nicht der Not�
wendigkeit, sie unverz�glich in Angriff zu nehmen.
Dei; Finanzierung der Arbeitsbeschaffung stehen
keine un�berwindlichen Schwierigkeiten entgegen.
Den verh�ngnisvollen Deflationsexperimenten der
- Notverordnungen mu� endlich eine positive Politik
der Wirtschaftsf�rderung folgen.
Die Gewerkschaften sind �berzeugt, da� bei
ernster Zusammenarbeit des Reiches, der L�nder,
der Gemeinden, der Reichsbahn und der Reichspost,
der Reichsbank und der �brigen verantwortlichen
K�rperschaften das Finanzierungsproblem gel�st
werden kann.
Von der planm��igen Arbeits�
beschaffung h�ngt die Existenz von
Volk und Staat ab. Nur die tatkr�ftige Be�
k�mpfung der Arbeitslosigkeit kann den inneren
Frieden im Reiche sichern und das Vertrauen auf
die Zukunft Deutschlands im Inland und im Aus�
land wieder herstellen.
Die Tragweite dieser Resolution wird durch den
Beschlu� unterstrichen, einen au�erordentlichen Kon�
gre� der Gewerkschaften einzuberufen, der den Ruf
nach durchgreifenden Ma�nahmen zur Arbeits�
beschaffung unter Einsetzung des Ansehens und des
Gewichts der gesamten Bewegung vor der �ffent�
lichkeit vertreten wird.
Damit hat der Bundesausschu� ein wirtschafts�
politisches Aktionsprogramm aufgestellt, das auch f�r
die Bruderorganisationen im Ausland von Bedeutung
sein d�rfte. Freilich ist die Forderung nach der Ar�
beitsbeschaffung f�r die Arbeiterbewegung nicht neu,
neu ist es aber, da� die Arbeitsbeschaffung gro�en
Ausma�es bei der heutigen Lage als Kernpunkt der
gewerkschaftlichen Wirtschaftspolitik erkannt wird.
Mit seiner Resolution bekennt sich der ADGB. zur
Arbeitsbeschaffung als zu dem wichtigsten Mittel der
p o s i t i v e n W i r t s c h a f t s f � r d e r u n g und stell t
diese Politik den verh�ngnisvollen Defla�
tionsexperimenten entgegen.
Die unmittelbare Veranlassung zu diesem Be�
schlu� � abgesehen von seiner theoretischen Be�
gr�ndung � war die Massenarbeitslosigkeit, die in
den letzten Monaten (nicht zuletzt unter der Wirkung
der deflationistischen Politik der Regierung) einen er�
sch�tternden Umfang angenommen hat. Einige Zahlen
werden ausreichen, um zu zeigen, wie unertr�glich
die Lage des deutschen Arbeitsmarktes ist. Ende
J�nner 1932 waren von je 100 Gewerkschaftsmit�
gliedern :
Arbeitslos Kurz- Voll�arbeiter besch�ftigte
In der Metallindustrie .... 437 31'4 24"9
� � Textilindustrie .... 30'0 38'6 31*4
� � chemischen Industrie . 34'0 36'4 29'6
� � Schuhindustrie . . . .40*1 34'8 25'1
im Holzgewerbe 64'0 12'2 23'8
in der Tabakindustrie .... 44*1 29'2 267
im Baugewerbe . 88'0 � 12'0
In s�mtlichen Berufen . . . . 44'3 22'2 33 5
In den Listen der Arbeitsnachweise werden �ber
6 Millionen Arbeitslose gez�hlt. Diese Listen enthalten
aber nicht alle Erwerbslosen: diejenigen, die keine
Aussicht haben, Unterst�tzung zu bekommen oder
durch den Arbeitsnachweis eine Stelle zu erhalten �
und es gibt Hunderttausende von solchen Arbeitslosen
im Reiche � haben keine Veranlassung, sich in diese
Listen eintragen zu lassen.
Die Arbeitslosigkeit verbreitet sich lawinenartig:
mit der zunehmenden Erwerbslosigkeit schrumpft der
Binnenmarkt zusammen, die Produktion der Ver�
brauchsg�terindustrien geht zur�ck, und als Folge
        

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