Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1950-51 Heft 10 (10)

ARBEIT UND WIRTSCHAFT HERAUSGEBER ÖSTERREICHISCHER ARBEITERKAMMERTAG UND ÖSTERREICHISCHER GEWERKSCHAFTSBUND REDAKTEUR: ERNST LAKENBACHER . lahrgang 1, Mai 1961 Nummer 10 Dr. JOSEF HAAR (Wien): Ideologie der Verbrauchergenossenschaft Die Form der Genossenschaft als einer Gemeinschaft von nicht ge¬ schlossener Mitgliederzahl, die der Förderung bestimmter wirtschaft¬ licher Interessen dient, war den Menschen schon seit jeher bekannt; denken wir an die uralte Form der bäuerlichen Weide- oder Siedlungs¬ genossenschaft. Die genossenschaft¬ liche Wirtschaftsform als Selbsthilfe¬ einrichtung der Verbraucher wurde jedoch erstmalig Mitte des 19. Jahrhunderts angewandt. Die Konsumgenossenschaft wurde damals eigentlich aus einer praktischen Er¬ wägung heraus geboren, nämlich an die Stelle des unbeschränkten Ver¬ dienstes a m Konsumenten den Dienst für den Konsumenten zu setzen. Diese Überlegung wurde frühzeitig zu einer bestimmten Gei¬ steshaltung, zu einer Ideologie ent¬ wickelt, die bald feste Formen an¬ nahm und Grundsätze entwickelte: den Grundsatz der offenen Mitglied¬ schaft, der demokratischen Verwal¬ tung, der Rückvergütung, der Bar¬ zahlung, der Förderung der genos¬ senschaftlichen Erziehung. Wollen wir der Konsumgenossenschaftsbe¬ wegung das nötige Verständnis ent¬ gegenbringen, dann müssen wir uns in erster Linie mit diesen Prinzipien auseinandersetzen. Mitgliedschaft Der Grundsatz der offenen Mit¬ gliedschaft besagt, daß der Beitritt zur Konsumgenossenschaft jedem freisteht, daß niemandem der Ein¬ tritt verwehrt werden darf, gleich¬ gültig, welcher Rasse oder welt¬ anschaulichen Richtung er angehört. Je weiter der Kreis der Mitglieder sich ausdehnt, desto größer werden die Erfolge des gemeinsamen Unter¬ nehmens sein, desto günstigere Ein¬ kaufsmöglichkeiten vermag die Ge¬ nossenschaft dem einzelnen Mitglied zu bieten, desto vorteilhafter wird die Hausfrau die Bedürfnisse ihrer Familie in der Genossenschaft decken können. Dieser Grundsatz mag viel¬ leicht vielen als selbstverständlich erscheinen, er war aber in den An¬ fängen der Genossenschaftsbewe¬ gung sehr umstritten. Zum Teil be¬ stand nämlich die Tendenz, den Beitritt neuer Mitglieder einzu¬ schränken, um die bereits erzielten Vorteile einem engeren Kreis vorzu¬ behalten. Heute sind solche Bestre¬ bungen längst überwunden und die Konsumgenossenschaften sind bei¬ müht, so viele Mitglieder wie möglich zu gewinnen. Es ist nun in aller Welt üblich, daß die Konsumgenossen¬ schaften auch an Nichtmitglieder verkaufen, um diesen die Möglichkeit zu geben, die Vorteile des genossen¬ schaftlichen Einkaufs kennenzu¬ lernen. Verwaltung Den Grundsatz der demokratischen Verwaltung in der Konsumgenossen¬ schaft gewährleistet die absolute Gleichberechtigung der Mitglieder. Jeder Genossenschafter hat die glei¬ chen Rechte und Pflichten, er ist am Besitz und an der Verwaltung der Genossenschaft im gleichen Ausmaß beteiligt. Die Gesamtheit der Mit¬ glieder wählt nach dem Grundsatz des gleichen Wahlrechtes ihre Ge¬ nossenschaftsorgane, Vorstand und Aufsichtsrat. Bei der Konsumgenos¬ senschaft hat jedes Mitglied, ob Mann oder Frau, eine Stimme, gleichgültig, wie viele Geschäftsan¬ teile es besitzt, zum Unterschied von den sonstigen Wirtschaftsgesell¬ schaften, bei denen der Kapital¬ anteil, das Aktienpaket, die Stamm¬ einlage, für das Stimmrecht entschei¬ dend sind. Die Konsumgenossenschaft ist also keine Kapitalgesellschaft, sondern eine Personalgesellschaft. Sie be¬ zweckt in ihrem eigentlichen Sinn auch nicht die Erzielung eines mög¬ lichst hohen Ertrages des Grund¬ kapitals, sondern die Wahrung der wirtschaftliehen Interessen ihrer Mitglieder durch gemeinsamen Ge¬ schäftsbetrieb. Gewiß — auch die Konsumgenossenschaft kann es sich nicht leisten, eine Unterbilanz auf¬ zuweisen, auch sie muß Überschüsse erzielen, um ihr Unternehmen weiter zu entwickeln. Aber ihr Leitmotiv bleibt der Dienst an der Mitglied¬ schaft, nicht der Verdienst, während das Streben nach optimalem Ge¬ winn das Wesen der kapitalistischen Unternehmung ausmacht. Daß die Genossenschaften ihr Geschäft auf solider kaufmännischer Basis auf¬ bauen, ist nichts anderes als die erste Voraussetzung für die erfolgreiche und dauerhafte Erfüllung ihrer wirt¬ schaftlichen Zweckbestimmung. Das ist nicht ein Kennzeichen des kapi¬ talistischen Systems, sondern der elementare Grundsatz allen Wirt¬ schaftens. Der wesentliche Unter¬ schied des genossenschaftlichenWirt¬ schaftssystems in seiner praktischen Auswirkung besteht aber darin, daß nicht einige wenige Privatpersonen oder Gruppen Nutznießer der Er¬ trägnisse werden, sondern daß die breite Masse der Mitglieder in den Besitz der genossenschaftlichen Er¬ übrigung kommt. Es ist vom sozialen Standpunkt wesentlich besser, vielen etwas zu bieten, als wenigen vieles. Rückvergütung Der Grundsatz der Rückvergütung im Verhältnis zum Einkauf der Mit¬ glieder bedeutet eine vollkommene Abkehr von der Ertragsverteilung in der Privatwirtschaft. Nicht die Kapitalbeteiligung, sondern die Lei¬ stung des Mitgliedes, die Höhe des Warenbezugs bei der Genossenschaft ist entscheidend für die Verteilung der genossenschaftlichen Erübrigung. Dieser Grundsatz hat einerseits einen praktischen Wert, da er umsatz¬ steigernd wirkt, andererseits einen ideellen Wert dadurch, daß er den gerechtesten Verteilungsschlüssel darstellt. Diejenigen Mitglieder, die durch ihre Umsatzleistung am mei¬ sten zur Bildung der genossenschaft¬ lichen Erübrigung beitragen, erhal¬ ten auch den höchsten Anteil an dieser. Die Rückvergütung ist also

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