Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1953-54 Heft 06 (06)

Verantwortung für die Höherentwicklung der unterent¬
wickelten Länder muß bei ihren eigenen Regierungen
liegen, deren Bestrebungen durch internationale Organi¬
sationen unterstützt werden sollten, die nach einem auf
längere Zeit entworfenen Plan die aus der kolonialen
Unterdrückung sich befreienden oder befreiten Länder
höher entwickeln helfen. Das wäre ein entscheidender
Beitrag zur Steigerung des Lebensstandards und der
wirtschaftlichen Stärke der freien Welt.
RUDOLF ZACH:
Die Arbeitnehmer im Fremdenverkehr
Das Hotel- und Gastgewerbe ist zweifellos ein Eck¬
pfeiler der Fremdenverkehrswirtschaft. Allerdings wäre
es falsch, alle 42.000 gastgewerblichen Betriebe Öster¬
reichs als Fremdenverkehrsbetriebe zu bezeichnen. Man
kann bestenfalls alle Beherbergungsbetriebe zur Frem¬
denverkehrswirtschaft zählen, doch darüber hinaus nur
jene Gaststätten, die vermöge ihrer Größe, ihres Stand¬
orts und ihrer Struktur tatsächlich dem Fremdenverkehr
dienen.
In diesen gastgewerblichen Fremdenverkehrsbetrie¬
ben spielen die gelernten und angelernten Facharbeiter
eine überragende Rolle. Sie sind die eigentlichen Träger
des Wirtschaftszweiges, denn sie erbringen die Lei¬
stungen, die von den Fremden in Gastgewerbebetrieben
in Anspruch genommen werden, und zwar auf eine ganz
andere Art, als dies Facharbeiter in anderen Berufen zu
tun pflegen: Sie haben direkte Beziehung zum Kunden,
persönlichen Kontakt mit den Gästen. Ob die Fach¬
arbeiter, die den Gast empfangen und bedienen, Fremd¬
sprachenkenntnisse und Allgemeinwissen haben, wie sie
ihn beraten und betreuen, ob sie Einfühlungsvermögen
in die persönlichen oder nationalen Eigenarten der
Fremden haben, davon hängt es oft ab, ob der Gast
zufrieden ist, wie lange er in Österreich bleibt, ob er
wiederkommt und was er daheim über unser Land
erzählt. Aber auch die Leistung der qualifizierten
Küchenfachkräfte ist entscheidend, denn ihre Arbeits¬
produkte werden meist gleich nach der Fertigstellung
direkt dem Gast gebracht und die Qualität ihrer Arbeit
bestimmt die Qualitätsstufe des Betriebes.
Hier ist noch zu bedenken, daß im Gastgewerbe
schlechte Leistungen nicht nachträglich verbessert oder
beseitigt werden können, wie dies in technischen Be¬
rufen möglich und üblich ist. Zum Beispiel können in
einer Glühlampenfabrik schlechte Glühbirnen durch
Überprüfung als Ausschuß ausgesondert werden. Das ist
nur eine innerbetriebliche Angelegenheit. Für die Kun¬
den ist es gleichgültig, ob 10 Prozent oder 30 Prozent
der Produktion ausgesondert werden, sie bekommen nur
gute Glühbirnen. Des gastgewerblichen Facharbeiters
schlechte Leistung an dem Gast ist unabänderlich und
es merkt sie meist nur der Gast. Kehrt dieser dann in
seine Heimat zurück, so wird er kaum erzählen, er sei
mit diesem oder jenem Betrieb unzufrieden gewesen,
sondern er wäre in Österreich schlecht betreut worden.
Die Leistungen der gastgewerblichen Facharbeiter
siid also ein wichtiger Faktor im Fremdenverkehr und
sie können werbungsfördernd oder werbungshindernd
sein. Darum ist ein gut ausgebildetes und existenz¬
gesichertes Fachpersonal in den gastgewerblichen Frem¬
denverkehrsbetrieben eine eminent wichtige Voraus¬
setzung für die Entwicklung des Fremdenverkehrs. Im
Gegensatz dazu ist jedoch die fachliche Struktur der im
Gastgewerbe beschäftigten Arbeitnehmer sehr unbe¬
friedigend.
Die Zahl der männlichen und weiblichen gelernten
Kellner und Köche ist um mehr als die Hälfte geringer
als vor dem zweiten Weltkrieg und verringert sich aus
verschiedenen Gründen noch weiter. In den Sommer¬
monaten besteht Mangel an gelernten Fachkräften, im
Winter aber herrscht Arbeitslosigkeit. Bei den Köchen
betrifft sie mehr die jüngeren, bei Kellnern die älteren
Jahrgänge. Für die arbeitslosen Facharbeiter ist es ein
unerträglicher Zustand, immer von einer Sommersaison
zur anderen auf einen Arbeitsplatz warten zu müssen,
wobei die Saisonbeschäftigungen oft von sehr kurzer
Dauer sind.
Berufsflucht
Das führt zur Berufsflucht. Es flüchten gerade die
qualifizierten Facharbeiter, und unter diesen nicht die
ältesten, in andere Berufe. Aber auch auf natürliche
Weise — durch Tod, Alter und Krankheit — vermindert
sich die Zahl der gelernten Facharbeiter ständig, denn
der natürliche Ausgleich durch Heranbildung von Fach¬
arbeiternachwuchs ist völlig unzureichend. Es gibt
zuwenig Lehrbetriebe und zuwenig Lehrlinge; ein Teil
der vorhandenen Lehrlinge ist noch dazu in ungeeig¬
neten Lehrbetrieben beschäftigt und besucht unzuläng¬
liche Schulen. Die Anziehungskraft der gastgewerblichen
Berufe auf die Schulentlassenen ist leider sehr gering;
das hat eine schlechte Lehrlingsauslese zur Folge.
Die Situation wird noch verschärft durch den Abfluß
von Facharbeitern ins Ausland, vor allem in die Schweiz,
und zwar gerade in der Sommersaison. Die Schweiz
deckt nämlich den jährlichen Saisonspitzenbedarf an
Arbeitnehmern im Hotel- und Gastgewerbe durch aus¬
ländische Arbeitskräfte.
Auch bei den. angelernten Fachkräften ist die Situa¬
tion ungünstig. Wirtschafterinnen, Kassierinnen, Kö¬
chinnen, qualifizierte Küchenhilfskräfte und angelernte
Kellnerinnen entwickelten sich früher aus den unge¬
lernten Hilfskräften durch langjährige Beschäftigung
im Gastgewerbe. Die Fluktuation ist gegenwärtig derart
groß, daß angelernte Fachkräfte nur mehr in ganz
geringer Zahl ausgebildet werden. Alle diese Umstände
führten und führen zu einem Absinken des fachlichen
Leistungsniveaus im österreichischen Hotel- und Gast¬
gewerbe.
Diese Tatsachen gewinnen noch dadurch an Bedeu¬
tung, daß es im österreichischen Hotel- und Gastgewerbe
keinen Befähigungsnachweis gibt. Wer die Mittel hat,
kann sich einen gastgewerblichen Betrieb samt der not¬
wendigen Gewerbekonzession kaufen. Sehr oft führt
dann der Mangel an Fachkenntnissen zu einer un¬
richtigen Auswahl des Fachpersonals und Beschäftigung
von Berufsfremden, woraus sich für den Fremden¬
verkehr nur schädliche Folgen ergeben können.
Arbeitslosigkeit
Auch die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt des
Hotel- und Gastgewerbes zeigt eine für den österrei¬
chischen Fremdenverkehr sehr bedenkliche Tendenz.
Die Zahl der ganzjährig beschäftigten Arbeitnehmer ist
vom 1. Februar 1949 bis 1. Februar 1953 von 31.786 auf
35.763 gestiegen, also innerhalb von vier Jahren um fast
4000. Auch die Saisonspitze ist ansteigend: Sie betrug
im Jahre 1949 3646, im Jahre 1953 aber mehr als 12.000.
Dennoch ist die Zahl der gastgewerblichen Arbeitslosen
von Jahr zu Jahr größer geworden. Sie betrug am
1. Februar 1949 4865, am 1. Februar 1953 aber 9248. Im
Winter 1953/54 wird es erstmalig mehr als 10.000 gast¬
gewerbliche Arbeitslose geben, das sind 30 Prozent der
Beschäftigten.
Das bedeutet: Die Gesamtzahl der gastgewerblichen
Arbeitnehmer wird immer größer, die Zahl der gelernten
und angelernten Facharbeiter immer kleiner. Ursache:
In jedem Jahr sind zwei Drittel der Saisonarbeitskräfte
neu ins Gastgewerbe einströmende ungeschulte Hilfs¬
kräfte, die vornehmlich aus der Landwirtschaft stam¬
men. Sie werden von den Unternehmern den arbeits¬
losen Facharbeitern vorgezogen. Dem Arbeitslosen¬
reservoir werden nur die unbedingt benötigten
Facharbeiter entnommen, während die gastgewerb¬
lichen Hilfskräfte zum Teil auch während der Saison
arbeitslos bleiben und in andere Wirtschaftszweige
weiterwandern müssen.
Die starke Fluktuation der angelernten und un-
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