Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1953-54 Heft 06 (06)

gelernten Arbeitnehmer ist aber auch auf berufsbedingte
und soziale Erschwernisse zurückzuführen. Die Kluft
zwischen den Arbeitsbedingungen im Gastgewerbe und
in anderen Wirtschaftszweigen ist im Laufe der letzten
vier Jahrzehnte immer breiter geworden. Während es
bis zum ersten Weltkrieg auch in anderen Wirtschafts¬
zweigen eine 11- bis 12stündige Arbeitszeit und vielfach
noch Sonntagvormittagarbeit gab, ist heute die 44- bis
48-Stunden-Woche und ein eineinhalb- oder zweitägiges
Wochenende in fast allen Berufen die Regel. Überdies
brachte dort der technische Fortschritt gesündere
Arbeitsräume und verringerte die körperliche An¬
strengung. Im Gastgewerbe ist der technische Fort¬
schritt noch verhältnismäßig gering; er führte nicht zur
Vergrößerung der Betriebseinheiten, sondern nur zur
Verringerung der Beschäftigtenzahl. Die Nacht- und
Sonntagsarbeit ist geblieben. Die Verkürzung der
Arbeitszeit auf 48 Wochenstunden ist zwar im Kollektiv¬
vertrag festgelegt, hat sich aber tatsächlich noch nicht
völlig durchgesetzt. Die Beschäftigung im Gastgewerbe
ist nach wie vor meist mit schwerer körperlicher Be¬
anspruchung verbunden. Die Situation auf dem Arbeits¬
markt und die Struktur der gastgewerblichen Arbeit¬
nehmer ist also unbefriedigend und im Hinblick auf die
Zukunft des österreichischen Fremdenverkehrs be¬
sorgniserregend.
Notwendige Reformen und Maßnahmen
Welche Maßnahmen notwendig wären, um die Fach¬
arbeiterkrise im Hotel- und Gastgewerbe im Hinblick auf
die Erfordernisse des Fremdenverkehrs zu beheben, er¬
gibt sich von selbst. Vor allem ist eine bessere Berufs¬
ausbildung bei den Lehrberufen notwendig. Die jungen
Kellner und Köche sollen den Anforderungen des mo¬
dernen Fremdenverkehrs gewachsen sein; es genügt
daher nicht, sie in der traditionellen, unzulänglichen
Meisterlehre heranzubilden. Andererseits verlangen ge¬
rade diese Berufe eine betriebsnahe Ausbildung, also
praktisches Erlernen der notwendigen Fähigkeiten.
Die Ausbildungsform, die diese beiden Forderungen
berücksichtigt, scheint in der in Wien bereits seit Jahren
erprobten „Sonderklassen-Vorlehre" gefunden zu sein.
Die Lehrlinge besuchen vorerst ein Jahr lang nur die
Berufsschule, um in täglichem theoretischen und prak¬
tischen Unterricht zuerst die wichtigsten Berufsgrund¬
lagen zu erlernen und auch die notwendige besondere
Fremdenverkehrserziehung zu erhalten. Erst das zweite
und dritte Lehrjahr verbringen die Lehrlinge in den
Lehrbetrieben. Diese Kombination von Meisterlehre und
Lehrwerkstätte hat sich nicht nur sehr gut bewährt,
sondern ist auch verhältnismäßig billig. Ihre Mehrkosten
gegenüber dem normalen Berufsschulunterricht betragen
in Wien für zwei Sonderklassen pro Schuljahr 120.000 S.
Dieser Betrag wird von der Gemeinde Wien, den gast¬
gewerblichen Unternehmerfachgruppen und der Ge¬
werkschaft der gastgewerblichen Arbeiter aufgebracht.
Es ist bemerkenswert, daß sich ähnliche Ausbildungs¬
formen unabhängig voneinander in den USA, in Schwe¬
den, in Jugoslawien, in Norwegen und auch in anderen
Fremdenverkehrsländern durchgesetzt haben.
Auch für die angelernten gastgewerblichen Fach¬
arbeiter wäre eine systematische Schulung vor allem
durch Fachkurse, die während der Wintermonate durch¬
geführt werden sollten, unbedingt notwendig, um die
Wirkungen der außerordentlich starken Fluktuation zu
bekämpfen.
Alle diese Maßnahmen können freilich nur Erfolg
haben, wenn durch Regelung der Arbeitsvermittlung
dafür gesorgt wird, daß die ausgebildeten Fachkräfte
auch Arbeitsplätze erhalten. Es müßte die Regel sein,
daß zuerst die Facharbeiter und die berufszugehörigen
Hilfskräfte beschäftigt und berufsfremde Arbeitskräfte
erst bei zusätzlichem Bedarf zugelassen werden. Leider
ist es in vielen gastgewerblichen Saisonbetrieben gerade
umgekehrt.
Im Interesse der Hebung der Fachleistung und Ver¬
minderung der Fluktuation der Arbeitnehmer im Gast¬
gewerbe müßte mit geeigneten Mitteln die Verlängerung
der Saison angestrebt werden, um den Arbeitnehmern
wenigstens eine Beschäftigung von fünf Monaten zu ge¬
währleisten, die ihnen denAnspruch auf das Arbeitslosen¬
geld sichert. Erst die planvolle Heranbildung der Fach¬
arbeiter und die Lenkung der Arbeitskräfte durch einen
obligatorischen Arbeitsnachweis kann den Leistungs¬
standard heben und die Arbeitslosigkeit so vermindern,
daß der Berufsflucht Einhalt geboten wird.
Soziale Gleichstellung — Schlüssel zur Leistungs¬
steigerung
Schließlich, aber nicht zuletzt, ist auch die soziale
Gleichstellung der gastgewerblichen Arbeitnehmer mit
den Dienstnehmern in anderen Wirtschaftszweigen eine
unausweichliche Notwendigkeit. Wenigstens die Lohn-
und Arbeitsbedingungen müssen annähernd die gleichen
sein wie in anderen Berufen; nur dann werden sich auf
die Dauer brauchbare Arbeitskräfte bereit finden, die
berufsbedingten Erschwernisse, die eine Beschäftigung
im Gastgewerbe mit sich bringt, willig zu tragen.
Es muß auch angenommen werden, daß die Arbeits¬
losigkeit in Österreich in absehbarer Zeit behoben wird
wie in allen zivilisierten Staaten. In den USA, den nor¬
dischen Staaten, England, der Schweiz kennt man keine
nennenswerte Arbeitslosigkeit mehr. Nur in unstabilen
oder unterentwickelten Ländern überschreitet die Ar¬
beitslosigkeit die erträgliche Grenze. Je mehr aber die
Vollbeschäftigung erreicht wird, desto schwerer wird es
sein, unter den gegenwärtig im Gastgewerbe be¬
stehenden sozial rückständigen Verhältnissen die Ar¬
beitskräfte zu sichern, die es benötigt.
Hier entsteht für die Arbeitgebervertretung und für
die Gewerkschaft der Arbeitnehmer eine große Verant¬
wortung. Die Unternehmer sind in der toten Saison die
Stärkeren, die Gewerkschaft hätte es während der Frem¬
densaison leichter, Forderungen durchzusetzen. Aber
soziale Kämpfe wirken sich im Fremdenverkehrssektor
viel nachhaltiger aus als in Produktionsbetrieben. Das
hat der große Streik in Frankreich im Sommer dieses
Jahres gezeigt.
Die beiden Interessenvertretungen müßten daher im
Interesse des Fremdenverkehrs sozial gerechte Lohn-
und Arbeitsbedingungen einvernehmlich festsetzen, ohne
Rücksicht auf Außenseiter, die nicht verstehen wollen,
daß sozialer Friede im Hotel- und Gastgewerbe eine der
wichtigsten Voraussetzungen für die ganze Fremden¬
verkehrswirtschaft ist und daß soziale Gerechtigkeit
auch im Gastgewerbe den Schlüssel zur Lösung aller
Arbeitnehmerprobleme bildet. Schließlich kommt ein
Großteil unserer ausländischen Gäste aus hochzivilisier¬
ten Ländern, und sie können sich in Österreich nicht
wohl fühlen, wenn in den Fremdenverkehrsbetrieben
soziale Disharmonien bestehen.
Gerechte soziale Verhältnisse, Betriebsdemokratie
und eine harmonische Betriebsatmosphäre können im
Hotel- und Gastgewerbe entsprechend zu einer Lei¬
stungssteigerung beitragen, denn die persönlichen Lei¬
stungen der Arbeitnehmer sind wesentlich abhängig
von ihrer wirtschaftlichen und sozialen Lage, und diese
Leistungen sind es, die dazu beitragen können, aus
Gästen dauernde Freunde Österreichs zu machen.
OTTO LEICHTER (New York):
Der amerikanische Süden und die
Gewerkschaften
Auf der Jahrestagung des Congress of Industrial Or¬
ganization in Cleveland ist, wie auf jeder größeren
CIO-Tagung, die Rassenfrage besprochen worden. Im
Süden der USA ist die Frage der Rassengleichberechti¬
gung vor allem eine Negerfrage. Im Westen, wo die
        

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