Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1953-54 Heft 06 (06)

Neger kaum mehr hinter den Weißen zurückstehen, ist
die Diskrimination gegen die Mexikaner, vor allem gegen
die Wanderarbeiter aus Mexiko, ein ernstes Problem. In
New York stehen vor allem die in den letzten Jahren
zu Zehntausenden neu angekommenen Portorikaner auf
der untersten Stufe der sozialen Leiter. Es wäre unauf¬
richtig, wollte man verschweigen, daß es auch einen
gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Antisemitismus
gibt; in New York City, der größten jüdischen Siedlung,
die es gegenwärtig in der Welt gibt — in New York City
leben mehr Juden als im Staate Israel —, ist es zum Bei¬
spiel so gut wie ausgeschlossen, daß ein Jude in einem
der großen Bankhäuser in der Wall Street eine An¬
stellung erhält: der amerikanische Finanzkapitalismus
hat sich bisher so gut wie judenrein gehalten ...
Die Industrialisierung im Süden
Sosehr Rassenfragen in allen Teilen der Vereinigten
Staaten eine gewisse Rolle spielen, so sind sie doch
nirgendwo ein so bedeutsames soziales Problem wie im
Süden. Und so viel andere Vorurteile sich auch hinter
der Rassenfrage verbergen mögen, so ist ihr Kern doch
im wesentlichen überall, und insbesondere im Süden, ein
wirtschaftliches Problem. Die Rassenfrage dient dazu,
den wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt aufzuhalten
und insbesondere die Arbeiter zu verhindern, sich ge¬
werkschaftlich zu organisieren. Auf diese einfache Formel
darf man insbesondere im Süden die Rassenfrage brin¬
gen, so stark auch irrationale Elemente und alter Aber¬
glaube ihren Einfluß ausüben mögen. Man kann sogar
sagen, daß die letzten Jahre diese rein wirtschaftliche
Zuspitzung des Problems noch verschärft haben.
Der Süden befindet sich in einem rasch fortschreiten¬
den Prozeß der Industrialisierung. Er hat mit dem zweiten
Weltkrieg begonnen, hat während des koreanischen
Krieges, als die amerikanische Industrie sich rasch aus¬
dehnte, große Fortschritte gemacht und ist insbesondere
auch durch das von der Regierung zur Finanzierung der
industriellen Expansion eingeführte Programm der
raschen Steuerabschreibungen gefördert worden. Diese
finanzielle Hilfe an die amerikanische Industrie bestand
darin, daß die Regierung in Washington verschiedenen
Industrien erlaubte, Ausgaben für die Neuerrichtung von
Fabriken durch Abschreibungen, das heißt also durch
eine buchmäßige Verringerung der Gewinne, demnach
durch Steuergeschenke, hereinzubringen. Solche Steuer¬
abschreibungen wurden vielfach auch dazu verwendet,
um die Wanderung der Industrie in den Süden zu
begünstigen. Für die Industrie ist der Süden eine
erwünschte Gegend, weil dort die Arbeitskräfte — unter
ihnen viele Neger — billig und die Gewerkschaften noch
schwach sind. Für die strategische Verteilung der
Rüstungsindustrie über das ganze Gebiet der USA ist
die Umsiedlung in den Süden erwünscht, weil er den
industriellen Zentren entrückt ist und Atombomben¬
angriffe auf den Süden kaum für möglich gehalten
werden.
Die Abwanderung der Industrie in den Süden ist
insbesondere für die Textilindustrie eine ernste Sorge.
Ein Funktionär der Textilarbeitergewerkschaft aus Wor-
cester in Massachusetts, Delegierter zum CIO-Kongreß
in Cleveland, bezeichnete als die ernsteste Sorge der
Gewerkschafter in Neu-England — dem ältesten indu¬
striellen Zentrum der Ostküste — die außerordentliche
Konkurrenz der Textilbetriebe im Süden. Es gibt jetzt
in Neu-England einen neuen Begriff: „Run-Away Facto-
ries" (Davonlaufende Betriebe). Sie verlegen einen immer
größeren Teil ihrer Produktion in den Süden, weil die
Betriebe dort billiger arbeiten und, da sie neu sind, mit
den modernsten Maschinen eingerichtet werden. In der
Nähe von New York City gibt es zum Beispiel in einer
der ältesten Hutfabriken seit Monaten einen Streik, weil
ein Teil der Produktion bereits nach Texas verlegt
worden ist und der Unternehmer sich weigert, eine kol¬
lektivvertragliche Garantie gegen eine weitere Abwande¬
rung in den nächsten drei Jahren zu gewähren.
Aber gerade das Beispiel der Textilindustrie zeigt,
daß die Konkurrenz des Südens nicht ausschließlich ein
Neger-, sondern ein Gewerkschaftsproblem ist. Paul
Christopher aus Knoxville, Tennessee, ist einer der besten
Kenner der gewerkschaftlichen und wirtschaftlichen
Lage im Süden. Als CIO-Direktor für den oberen Süden
betreut er die Organisationen in den Staaten Virginia,
Nord-Karolina, Kentucky und Tennessee, ein Terri¬
torium, ungefähr so groß wie Vorkriegsdeutschland. Auf
die Frage: „Ist es die Negerarbeit in den Textilbetrieben
des Südens, die den Lohndruck ermöglicht?" ist Chri¬
stophers Antwort: „Nein, in den Textilbetrieben des
Südens, insbesondere in den Staaten, die ich betreue,
sind auffallend wenig Neger beschäftigt. Es sind die
weißen Arbeiter, die zu niedrigen Löhnen arbeiten
müssen. Auch sie sind zum Teil nicht organisiert. Die
Negerfrage dient nur dazu, die gewerkschaftliche Organi¬
sierung zu hemmen."
Diese Einleitung führte zu einer allgemeinen Dis¬
kussion über die organisatorischen Verhältnisse im
Süden. Christopher ist mit den praktischen, gewerk¬
schaftlich greifbaren Erfolgen im Süden nicht übermäßig
zufrieden: „Was wir gegenwärtig machen, ist die grund¬
legende Arbeit. Praktische oder greifbare Resultate sind
vielfach noch nicht wahrnehmbar. Wir haben gegen¬
wärtig im CIO den größten Stab von gewerkschaftlichen
Organisationen, den wir jemals hatten. Wir arbeiten
intensiver als je zuvor. Die Arbeit ist so organisiert, daß
wir die Organisationsarbeit von den einzelnen Gewerk¬
schaften, die zuständig sind, besorgen lassen, aber ihnen
für ihre Arbeit zur Verfügung stehen. Das ist jetzt unsere
gegenwärtige Organisationspraxis im Süden und sie be¬
währt sich. Auf diese Weise wirken die bereits organi¬
sierten Mitglieder an der Gewinnung neuer mit."
Der Widerstand gegen die Gewerkschaften wächst
Im Zusammenhang mit der Gewinnung neuer Mit¬
glieder frage ich: „Wie steht es mit dem Widerstand
gegen die Ausbreitung der Gewerkschaften? Spüren Sie
im Süden verstärkte Hemmungen, und wie wirkt sich
das Taft-Hartley-Gesetz bei der Mitgliederwerbung aus?"
Christopher antwortet: „Der Widerstand der Unter¬
nehmer ist gegenwärtig viel größer. Der Taft Hartley
Act macht die Werbung neuer Mitglieder, besonders im
Süden, wo die Unternehmer entschlossen sind, ihn gegen
die Gewerkschaften auszunützen, und wo sie auch von
den »Politicians« (den Männern, die die politischen
Maschinen kontrollieren) unterstützt werden, viel größer.
Im allgemeinen kann man sagen, daß der Widerstand
gegen die Gewerkschaften im Süden nun schon wiedei
fast so groß ist wie in den dreißiger Jahren, bevor es die
Arbeiterschutzgesetze und insbesondere den Wagner-
Act1) gab."
„Der Widerstand", erzählt Christopher, „beginnt bei
den ersten Versuchen, eine gewerkschaftliche Organi¬
sation in einem Betrieb zu errichten; und sie beginnen
bei den weißen Arbeitern. Gegen ihre gewerkschaftliche
Organisierung wehren sich die Unternehmer am ent¬
schiedensten. Wir haben die allgemeine Erfahrung, daß
sie die Rassenfrage immer dann aufbringen, wenn sie
schon gar nichts mehr gegen die Ausbreitung der Ge¬
werkschaft tun können. Da werden die Unternehmer
unter den Arbeitern Bilder verbreiten, auf denen Philip
Murray — der verstorbene Präsident der CIO — gezeigt
wird, wie er einen Händedruck mit einem Neger wech¬
selt. Und dazu werden die Unternehmer sagen: Wollt Ihr
das? ... Und das wirkt am Anfang..."
„Es mag unglaublich erscheinen", fügt Christopher
hinzu, „aber wir müssen diesen Tatsachen in die Augen
sehen. Wann immer wir einen Organisierungsversuch
unternehmen, müssen wir erwarten, daß der Augenblick
kommen wird, in dem wir die Rassenfrage mit den
Leuten offen diskutieren müssen. Wir werden zunächst
') Dei Wagner-Act ist das Arbeitsrecht- und Gewerkschafts¬
gesetz, das von den amerikanischen Gewerkschaften als ihre cha™
angesehen wird und das durch den Taft Hartley Act abgelöst wurde.
12
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.