Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1953-54 Heft 06 (06)

darum mußte erst die Presse, wie einst
vor Troja der Warner Laokoon, unter
Zuhilfenahme der Hydra des Streiks
mundtot gemacht, abgewürgt werden.
Nichts von alledem haben diese Stüm¬
per, die Amerikaner, unternommen.
Nicht einmal das Taft-Hartley-Gesetz,
das den Solidaritätsstreik ausdrücklich
verbietet, haben sie angewendet. Die
Regierung hat nicht eingegriffen und
niemand hat sich aufgeregt oder auch
nur entrüstet. Die Lithographen waren
in einen Lohnstreik getreten? Nun, es
ist ihr gutes Recht, die einzige Ware,
die sie besitzen, ihre Arbeitskraft, so
teuer als möglich zu verkaufen. So wie
es das gute Recht der Käufer dieser
Ware war, eine Preiserhöhung abzu¬
lehnen. Man wird sich schließlich schon
einigen, denn die Unternehmer möch¬
ten ihre Zeitung herausbringen, deren
Nichterscheinen ihnen schwere Verluste
verursacht, und die Arbeiter möchten
arbeiten und ihren Lohn verdienen.
Und so geschah's.
Die neue Betriebsatmosphäre
Aus den USA ist die Parole gekom¬
men, eine neue Betriebsatmosphäre
zu schaffen, die Beziehungen zwischen
Unternehmungsleitung und Betriebs¬
belegschaft näher, wärmer, mensch¬
licher zu gestalten. Die Anregung ist in
Österreich auf fruchtbaren Boden ge¬
fallen, wie das nachfolgende Dokument
beweist.
Ein österreichisches Kartell der
Textilindustrie sucht nach einem Aus¬
weg, um der Liberalisierung seiner
Erzeugnisse zu entgehen. Wenn die freie
Einfuhr gleicher Auslandswaren zuge¬
lassen wird, könnte die Konkurrenz
die Kartellpreise gefährden. In diesem
Augenblick der Gefahr geht man daran,
„human relations" zu den Betriebsräten
herzustellen, um sie ins Feuer zu
schicken.
Aus dem Protokoll der Versammlung
des Kartells, auf dem diese Maßnahme
ins Auge gefaßt wurde, entnehmen wir:
„Eine Gefahr besteht in der Stellungnahme
der Arbeiterkammer, welche an der Einfuhr
von billigen Waren im Interesse der Kon¬
sumenten interessiert Ist. Der Vorsitzende
hält es daher für wichtig, daß vor allem die
Betriebsräte auf die große Gefahr der
drohendgn Arbeitslosigkeit aufmerksam ge¬
macht werden, welche durch die Liberalisie¬
rung gegeben erscheint. Es kann damit ge¬
rechnet werden, daß die Betriebsräte auf
die Gewerkschaft dementsprechend einwir¬
ken und damit die bevorstehenden Verhand¬
lungen mit der Arbeiterkammer günstig be¬
einflussen.
Wir quittieren zunächst mit Dank die
Anerkennung des von der gleichen Seite
oft geleugneten Tatbestands, daß die
Arbeiterkammer im Interesse der Kon¬
sumenten handelt. Dagegen will man
die Betriebsräte mobilisieren, will ihnen
weismachen, daß die Liberalisierung
Arbeitslosigkeit nach sich zieht, wäh¬
rend in Wahrheit die überhöhten Preise
den Verbrauch abschnüren. Mit einer
Preisanpassung an das Weltmarkt¬
niveau würde man neue Käuferkreise
gewinnen, den Absatz steigern und
damit die Arbeitsplätze der Beschäf¬
tigten besser festigen als durch die
Fernhaltung jeglicher Auslandskonkur¬
renz. Zu einer Preisherabsetzung kann
aber nach jahrzehntelanger Erfahrung
ein österreichisches Kartell nur unter
dem Druck eines Wettbewerbs gebracht
werden, den es nicht zu beherrschen
vermag, eben eines ausländischen.
Zeitgemäße Dogmatik
Und nun, nachdem wir uns mit den
Methoden vertraut gemacht haben, die
von der österreichischen Unternehmer¬
schaft — nicht nur itn der Textilindu¬
strie — angewandt werden, um die
Liberalisierung zu konterkarieren, wen¬
den wir uns der Lektüre eines Artikels
zu, in dem die Industrie, das Organ der
österreichischen Industriellenvereini¬
gung, der Arbeiterkammer „doktrinäre
Haltung" und „unzeitgemäße Dogmatik"
vorwirft, welche „die Wirtschaft" — die
Wirtschaft, das sind diesmal sie allein,
unter Ausschluß der Arbeitnehmer; die
gehören nur dazu, wenn man glaubt,
die Betriebsräte mißbrauchen zu kön¬
nen — „zu einem Vorgehen zwingt, mit
dem sie sich keinesfalls auf die Dauer
abfinden kann: zum Verzicht auf die
Liberalisierung" — blutenden Herzens
und tränenden Auges, wie alle Ein¬
geweihten wissen — „wichtiger Positio¬
nen infolge Verweigerung eines aus¬
reichenden Zollschutzes".
Damit stellt sich zunächst die Frage:
Was ist ausreichender Zollschutz? Oder
anders formuliert: Wer bestimmt, wann
Zollschutz ausreichend ist? Die Unter¬
nehmer meinen: sie allein. Ihre Methode
ist sehr einfach. Wenn irgendwoher die
Gefahr droht — erst droht, noch gar
nicht eingetreten ist —, daß österreichi¬
sche Monopolistenpreise auf Auslands¬
angebote stoßen, gehen sie zur Bundes¬
wirtschaftskammer und verlangen eine
so beiläufig über den Daumen, nicht
zu knapp geschätzte Zollerhöhung. Sie
behaupten, nur die Differenz zwischen
dem inländischen Fabriksabgabe- und
dem niedrigeren Importpreis aus¬
gleichen zu wollen. Darüber, daß die
Arbeiterkammer die Behauptungen der
Unternehmer nicht unbesehen für bare
Münze nimmt, sondern eine Uberprü¬
fung fordert, ist die Industrie ehrlich
empört.
In jedem anderen Land würde „die
Wirtschaft" selbst zunächst nach ande¬
ren Methoden suchen, um der ausländi¬
schen Konkurrenz standzuhalten. In
Österreich wird diese Möglichkeit nicht
einmal gedanklich in Erwägung gezo¬
gen. Es ist absolut nicht einzusehen,
warum österreichische Unternehmun¬
gen, denen eine Arbeiterschaft und An¬
gestellte zur Verfügung stehen, die es
an Fleiß, Geschicklichkeit und Können
mit jedem Land aufnehmen und sich
mit einer weitaus bescheideneren
Lebenshaltung begnügen als die Arbeit¬
nehmer der Konkurrenzländer, dem
Wettbewerb des Auslands nicht stand¬
zuhalten vermöchten. Wenn sie es nicht
vermögen, dann kann das nur an den
Unternehmungsleitungen liegen. Dafür
aber den österreichischen Verbraucher
zur Zahlung höherer als der Weltmarkt¬
preise heranzuziehen* ist Taschendieb¬
stahl.
Immer wieder in diesen Monaten
wiederholt sich zum Beispiel dieses:
Da ist, meist mit starkem Einsatz von
ERP-Krediten, die zu ausnahmsweise
günstigen Bedingungen abgegeben wer¬
den, ein Betrieb ausgeweitet, rationali¬
siert oder neu gegründet worden, um
die österreichische Wirtschaft mit einem
Erzeugnis zu beliefern, das bisher aus
dem Ausland bezogen wurde. Das ist
sehr verdienstvoll; sinnvoll ist es aber
nur, wenn dem österreichischen Markt
dieses Produkt zu einem Preis zur Ver¬
fügung gestellt wird, der nicht höher
ist als der Importpreis. Nun fordert
man für diese Betriebe einen Schutz¬
zoll, offenbar doch nur, um ihn auf den
Inlandspreis aufzuschlagen. Daß die
Arbeiterkammer darauf nicht blind
eingeht, ist eine doktrinäre Haltung und
unzeitgemäße Dogmatik.
Die Industrie meint, daß sie auf die
Dogmatiker der Arbeiterkammer einen
Eindruck mache, wenn sie ihnen mit
den „einsichtigen, weil dem Wirt¬
schaftsleben näherstehenden Kreisen
der SPÖ" droht, von denen sie behaup¬
tet, daß sie „die kompromißlose und
kurzsichtige Haltung der Arbeiterkam¬
mer in der Zollfrage" nicht billigen,
„zumal von der Ablehnung eines aus¬
reichenden Zollschutzes auch verstaat¬
lichte Betriebe betroffen werden". Sie
erwartet, „die Dogmatiker der Arbeiter¬
kammer würden von den im prakti¬
schen Wirtschaftsleben stehenden Kräf¬
ten innerhalb der Sozialistischen Partei
noch rechtzeitig zur Räson gebracht".
Die Industrie verkennt aber völlig die
Situation. Die Arbeiterkammern sind
eine gesetzliche Interessenvertretung
der Arbeiter und Angestellten, nicht
eine sozialistische Parteiinstitution.
Unseres Wissens sind es auch die ver¬
staatlichten Unternehmungen nicht.
Mit Speck fängt man Mäuse, und so
werden Kreise der SPÖ, die die Herren
von der Industrie sonst nicht gerade
mit Kosenamen belegen, mit dem
Epitheton „einsichtig" ausgezeichnet.
Wir fürchten, die Industrie wird ihre
Falle vergebens mit einem so saftigen
Köder ausgestattet haben.
Noch ein doktrinärer
Dogmatiker
Der österreichische Volkswirt (27. 11.
1953) schreibt im Leitartikel:
Wenn man ausländische Konkurrenz¬
industrien zum Vergleich heranzieht, so
ist hervorzuheben, daß in der Schweiz
seit Jahren die Textileinfuhr voll libe-
ralisiert ist, hinsichtlich der meisten
Positionen fast kein Zollschutz besteht
und die Löhne weit höher als in Öster¬
reich sind; trotzdem gedeiht die dortige
Textilindustrie sehr gut und beschäftigt
alle verfügbaren Arbeiter; die öster¬
reichische Textilindustrie hat ungefähr
die gleichen Frachtbedingungen wie die
nächsten Textilzentren in Süddeutsch¬
land, Elsaß, Schweiz und Italien, zahlt
bedeutend niedrigere Löhne und, soweit
sie über eigene Wasserkräfte verfügt,
niedrigere Kraftkosten. Sie hat — ab¬
gesehen natürlich von der Schweiz —
eher kleinere Kriegsschäden als die aus¬
ländischen Konkurrenzbetriebe erlitten,
aber an Kurswertdifferenzen und dann
durch Rohmaterialzuteilungen zum offi¬
ziellen Devisenkurs seinerzeit Sonder¬
gewinne erzielt, die ein Vielfaches der
Kriegsschäden ausmachen. Sie konnte
ferner ihre Modernisierung zum Teil
mit billigen ERP-Krediten und Devisen¬
zuweisungen zum offiziellen Kurs finan¬
zieren, so daß auch ihre Amortisations¬
quote eher niedriger als die der aus¬
ländischen Konkurrenzbetriebe ist. —
Daß die Konsumentenvertreter dieser
Industrie den Hochschutzzoll nicht auf
dem Präsentierteller apportieren, sollte
sogar die „Industrie" begreifen.
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