Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1953-54 Heft 09 (09)

ARBEIT UND WIRTSCHAFT
HERAUSGEBER
ÖSTERREICHISCHER ARBEITERKAMMERTAG
UND ÖSTERREICHISCHER G EWE R K S C H A FTS B U N D
REDAKTEUR: ERNST LAKENBACHER
7. Jahrgang 1. A p r i 1 1954 Nummer 9
Banken und Kapitalmarkt
Von einem Bankfachmann
Die wachsende Arbeitslosigkeit ruft begreiflicher¬
weise den Wunsch wach, das „unbeschäftigt" bei den
Banken deponierte Geld in den Wirtschaftsablauf ein¬
zubauen und damit Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen.
Verbunden sind diese Wünsche mit mehr oder weniger
scharfen Angriffen auf die Banken, denen unzureichende
Wirtschafts- und Finanzpolitik vorgeworfen wird, spe¬
ziell den verstaatlichten Instituten, welche die ihnen
primär obliegenden Pflichten versäumten.
Eine sachliche Stellungnahme zur Bedeutung des
Problems setzt voraus, daß wir uns über zweierlei einig
sind: daß mit geld-, kredit- und steuerpolitischen Ma߬
nahmen allein die grundlegenden Wirtschaftsprobleme
nicht gelöst werden können, andererseits der fiscal policy
(Finanzpolitik des Staates) im long run (auf lange Sicht)
eine entscheidende Stellung in der Stabilisierung der
Gesamtwirtschaft zukommt. Also weder Keynes noch
Hajek1).
Ist dieser Rahmen einmal außer Streit, dann müssen
wir uns über die Größenordnung des Wirtschaftspoten¬
tials der Banken beziehungsweise der Kreditinstitute ins
klare kommen. Dabei müssen wir uns vor allem vor einer
Überschätzung des sogenannten Bankensektors in acht
nehmen. Vielleicht kommen wir indirekt zu einem
brauchbaren Ergebnis, wenn wir von der Verwendung
des Volkseinkommens ausgehen.
Das Volkseinkommen ist im wesentlichen die Summe
der Einkommen der Selbständigen in allen Wirtschafts¬
zweigen (Unternehmergewinne), der Löhne und Gehälter
der Arbeiter und Angestellten und der unverteilten Rein¬
erträge juristischer Personen; rechnen wir noch hinzu
die indirekten Steuern, den Saldo des Wirtschafts¬
verkehrs mit dem Ausland von 3,7 Md., dann kommen
wir zu dem sogenannten verfügbaren Güter- und Lei¬
stungsvolumen. Dieses betrug pro 1951 rund 67 Md.,
pro 1952 70 Md. und verteilte sich wie folgt:
Bruttoinvestitionen 14 Md-
öffentlicher Konsum 9 Md.
Privater Konsum , 46,2 Md.
Veränderungen In der Lagerhaltung 1,5 Md.
Innerhalb dieser Gruppen ist im Wirtschaftsablauf
ein Changement (wechselseitiger Austausch) bis zu einem
gewissen Grad möglich. Je höher die Investitionsrate,
das ist der Anteil der Bruttoinvestitionen, an eben diesem
Gütervolumen, liegt, desto mehr nähern wir uns einer
gesunden dynamischen Gesamtwirtschaft. Diese Inve¬
stitionsrate liegt seit Kriegsende in denmeisten modernen
'). Der englische Volkswirtschafter Lord Keynes steht hier als
Vorkämpfer der staatlichen Intervention, der Österreicher Hajek,
aer Jetzt in den USA lebt, als ihr Bekämpfer.
Industriestaaten bei etwa 20 Prozent, ihr Absinken be¬
deutet Arbeitslosigkeit. Es ist daher eine der wesentlichen
Fragen der Volkswirtschaftspolitik, diese Investitionen
möglichst hoch zu halten.
Die Investitionen, und zwar öffentliche und private,
zusammen im Betrage von etwa 14 bis 15 Md., wurden
bisher im wesentlichen aus folgenden Quellen bestritten:
a) Eigenfinanzierung aus den Abschreibungen der Un¬
ternehmungen und den nicht entnommenen Gewinnen,
b) die von den Banken und Sparkassen gewährten
Kredite,
c)* Inlandsanleihen aus dem sogenannten Kapitalmarkt,
d) die Zuschüsse aus den Budgets des Staates und der
sonstigen Gebietskörperschaften,
e) schließlich noch die Zuschüsse aus dem Ausland (ERP).
Wenn wir überlegen, daß 1. die langfristige Finan¬
zierung aus Counterpartmitteln — derzeit die einzige
Investitionstätigkeit Österreichs zu c — praktisch bei¬
nahe aufhört, da aus dem Wiederverwendungskonto ver¬
gleichsweise nur mehr bescheidene Beträge für Inve¬
stitionen fließen können; daß 2. die Eigenfinanzierung
mit Aufhören des inflatorischen Trend sicherlich rück¬
läufig sein muß; 3. die Inlandsanleihen im Verhältnis
zum Bedarf bisher bescheidene Beträge abwerfen und
4. die Steigerung der öffentlichen Abgaben nur mit einer
entschiedenen Reform des Steuersystems allenfalls mög¬
lich sein würde, dann wird uns bewußt, welche Bedeu¬
tung der Mobilisierung des Kapitals, das bei den Kredit¬
instituten niederschlägt und weiter einem gutfunktio¬
nierenden Kapitalmarkt zukommen muß2).
Es sind einige Fragen, die an den monetären Sektor
— es handelt sich keineswegs nur um die Banken —
herangetragen werden: Ohne Zweifel ist in den Kassen
der Kreditinstitute disponibles Geld vorhanden; kann
dieses Geld in den Wirtschaftsprozeß eingeschaltet wer¬
den, wofür und vor allem auf welche Frist kann es aus¬
geliehen werden, zu welchen Zinssätzen soll es verliehen
werden?
Daß diese Versorgung der Wirtschaft mit Krediten
der wichtigste Zweck der Bankenverstaatlichung ist,
geht aus den seinerzeitigen parlamentarischen Verhand-
*) Manche Volkswirte sehen einen Ausweg in einer das bisherige
Ausmaß weit übersteigenden Ausdehnung unseres Exports. Nun ist
Ausweitung des Exports sicherlich ein Mittel, die Produktionsüber¬
schüsse unterzubringen. Die Frage aber, ob unsere Wirtschafts¬
struktur durch die bisherigen Investitionen einen solch grund¬
legenden Wandel erfahren hat, daß unsere Aktivität gegen den
Ansturm der Liberalisierung gesichert und mehr noch, daß sie
fähig ist, im Export den Ausfall der Investitionskonjunktur zu
ersetzen, ist offen.
        

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