ARBEIT UNDWIRTSCHAFT
HERAUSGEBER: �STERREICHISCHER ARBEITERKAMMERTAG UND �STERREICHISCHER GEWERKSCHAFTSBUND
14. Jahrgang I.Mai 1960 Nr. 5
Dr. Ernst Glaser:
Soziologische Hintergr�nde der Berufswahl
� �
Uber die soziologischen Hintergr�nde der Berufs�
w�nsche lie�e sich von mehreren Richtungen her
sprechen.1 Es sei mir gestattet, da� ich mir blo� eine
davon ausw�hle. Mein Ausgangspunkt sind die berufs�
soziologischen Ver�nderungen, die sich in unserer Zeit
abspielen, oder, anders ausgedr�ckt, die Umschichtungen
in der Berufsstruktur, die sich in der industriellen Gesell�
schaft vollziehen, und die damit zusammenh�ngenden
Ansichten �ber manche Erscheinungen, die im Berufs�
leben eine Rolle spielen.
Die Fragestellung ist, ob diesen Ver�nderungen heute
schon die ge�u�erten Berufsw�nsche Rechnung tragen,
das hei�t ob sich gleichzeitig mit solchen Umschichtungen
auch entsprechende Ver�nderungen der Berufsw�nsche
nachweisen lassen. Im speziellen wird dann zu pr�fen
sein, ob diese zweischichtigen Ver�nderungen parallel
und synchron verlaufen oder ob es St�rungen der Syn�
chronisation gibt. Es w�re ja m�glich, da� auf einem
Sektor die Ver�nderungen im Berufsleben schon voraus�
geeilt sind und die W�nsche der Berufsuchenden nach�
hinken. Vielleicht trifft auf einem anderen Gebiet aber
das Umgekehrte zu: die Berufsw�nsche zeigen schon Ten�
denzen, die in der Berufsstruktur noch gar nicht deutlich
sichtbar geworden sind.
Meine Ansichten �ber die Beziehung zwischen Berufs�
soziologie und Berufsw�nschen werden sich dabei im
Rahmen der � wie ich es ausdr�cken m�chte � Makro-
' Situation, in der* wir uns befinden, bewegen. Es mag sein,
da� manche Details daher nicht oder heute noch nicht
zutreffen f�r die konkrete Mikrosituation in �sterreich
oder in Wien oder einer Berufsgruppe in Wien. Ich ver�
suche n�mlich, diese Beziehung zwischen den Ver�nde�
rungen der Berufsstruktur und den Berufsw�nschen auf
dem Hintergrund der gesamten westlichen industriellen
Welt zu charakterisieren, zu der wir doch wohl in �ster�
reich geh�ren und deren Entwicklungstendenzen im all�
gemeinen auch auf uns zutreffen, selbst wenn sie heute
bei uns noch nicht so klar hervorgetreten sind wie in
anderen L�ndern.
Im ersten Abschnitt meiner Darlegungen sollen zu�
n�chst die beobachteten Ver�nderungen in der Berufs�
struktur gekennzeichnet werden. Ich nehme mir dabei
vor, neben der Aufz�hlung zugleich auch einige Worte
dar�ber zu �u�ern, durch welche Kr�fte diese Ver�nde�
rungen auf dem in Frage stehenden Gebiet vermutlich
herbeigef�hrt wurden.
Vielleicht finden wir zu diesem Katalog der Ver�nde�
rungen in der Berufsstruktur am leichtesten Zugang,
wenn wir uns erinnern, da� man f�r gew�hnlich drei oder
gar vier verschiedene Berufsbereiche zu unterscheiden
pflegt, die ungef�hr auch den Wirtschaftsbereichen ent�
sprechen, an die sie angeschlossen erscheinen.
Wir sprechen von �prim�ren Berufen", die der so�
genannten Urproduktion zugeh�ren, also haupts�chlich
landwirtschaftliche Berufe sind.
1 Diese Arbeit ist ein Auszug aus einem Vortrag, den
Dr. Glaser vor Berufsberatern des Arbeitsamtes f�r Jugendliche
in Wien gehalten hat.
Die �sekund�ren Berufe" sind dann diejenigen, in
denen man sich mit der Verarbeitung auf gewerblicher
oder industrieller Basis besch�ftigt, also die handwerk�
lichen und industriellen Berufe.
Die �terti�ren Berufe" haben f�r die Verteilung und
Verwaltung zu sorgen. Hieher geh�ren die Berufe des
Handels, des Verkehrs, aber auch alle B�roberufe, die die
b�rokratischen Aufgaben der allgemeinen Verwaltung in
der Wirtschaft und im �mterbetrieb durchf�hren. Ob
man die sogenannten Dienstleistungsberufe in diese
Gruppe einteilt oder zur n�chsten z�hlt, mag noch fraglich
erscheinen. Jedenfalls aber spricht man neuerdings auch
von �quart�ren Berufen", womit man diejenigen bezeich�
net, die bei allen Dienstleistungen der Freizeitindustrie
von heute notwendig werden. Eine solche Zurechnung
mag eindeutig sein, wenn es sich um einen Kinooperateur
handelt oder einen Reiseb�roangestellten. Schwieriger
wird es bei einem Kellner, einem Stra�enbahnschaffner
oder einem Autobuschauffeur, die alle gleichsam am
Wochentag als Berufe der normalen terti�ren Verteilung,
im speziellen des Verkehrs gelten, am Sonntag dann aber
bei der Befriedigung der Freizeitbed�rfnisse anderer
Menschen im quart�ren Berufssektor auftauchen. Trotz
solcher und �hnlicher Schwierigkeiten d�rfte jedoch �ber
die Berechtigung, diesen quart�ren Bereich einzuf�hren,
kein Zweifel herrschen, womit eigentlich schon etwas
Wesentliches �ber die Ver�nderungen in der damit ge�
kennzeichneten Berufsstruktur der modernen, industriel�
len Gesellschaft ausgesagt ist. Gehen wir diese Ver�nde�
rungen Schritt f�r Schritt in diesen vier Berufsbereichen
durch und beginnen wir damit die Aufz�hlung der
Punkte, die die Ver�nderungen charakterisieren.
Die wichtigsten Ver�nderungen der soziologischen
Struktur
1. Die Zahl der Menschen, die in der prim�ren Gruppe
der Berufe besch�ftigt ist, geht st�ndig zur�ck. Der Anteil
der Berufst�tigen in der Landwirtschaft hat sich in allen
Industriel�ndern im Laufe der letzten zwei Generationen
sehr stark reduziert. Er betr�gt in den meisten dieser
L�nder nur noch etwa 20 Prozent, in den Vereinigten
Staaten nur etwas mehr als 10 Prozent. Das hei�t, da�
um die Jahrhundertwende noch etwa jeder Landwirt oder
Landarbeiter einen anderen Menschen, der nicht in der
Landwirtschaft arbeitete, mit seiner H�nde Arbeit er�
n�hren mu�te, da� aber heute einer gen�gt, um vier oder
noch mehr andere zu ern�hren. Dieser Anstieg der land�
wirtschaftlichen Produktivit�t � denn darauf l�uft es
wohl hinaus � erkl�rt sich daraus, da� die Arbeit in der
Landwirtschaft immer mehr durch den Einsatz arbeit�
sparender technischer Ger�te ausgezeichnet ist und die
modernen Methoden der intensiven Bodenbewirtschaftung
und der Viehhaltung st�ndig wachsende theoretische
Kenntnisse von den Berufst�tigen dieser Gruppe ver�
langen. W�hrend diese Ver�nderung in der Gruppe der
prim�ren Berufe ziemlich allgemein bekannt ist, entging
vielen Beobachtern das, was sich
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