Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1960 Heft 05 (05)

Den Zweck seiner Arbeit sieht der Ver¬
fasser in erster Linie in der Schilderung
jener sozialen Erscheinungen, die im
Sinne der Kriminologie Verbrechen sind,
und in dem Versuch, sie zu erklären, dann
aber auch mit Hilfe der Soziologie Rand¬
erscheinungen und Grenzgebiete zum
Verbrechen zu erfassen, die strafrechtlich
nicht immer relevant sind. Kriminologie
und Soziologie haben vieles gemeinsam,
vor allem die rationale, wissenschaftliche
Grundhaltung. Die Relativität strafrecht¬
licher Vorschriften, sagt Middendorf},
gelte nicht nur im historischen Rückblick,
sondern auch beim Vergleich verschiede¬
ner Rechtsysteme untereinander. Im Be¬
reich der Sittlichkeitsdelikte bestehen
zwischen einzelnen Ländern, auch des¬
selben Kulturkreises, beträchtliche Unter¬
schiede, wie zum Beispiel die Strafbar¬
keit von Homosexualität unter Männern,
Abtreibung, Bigamie, Blutschande, Pro¬
stitution und andere. In Italien ist das
Küssen im Kino und in der Öffentlichkeit
verboten, in Österreich hat der Oberste
Gerichtshof im Jahre 1957 entschieden, die
herrschenden Sitten und Gepflogenheiten
hätten den Kuß zu einer Einrichtung des
gesellschaftlichen Lebens gemacht, die
ihm den Charakter der Anstößigkeit oder
gar der Unzucht nahmen.
Durch die soziologische Untersuchung
des Verbrechens erhält man Kenntnis vom
Einfluß der Umwelt, des Geschlechtes, des
Alters sowie der gesellschaftlichen Grup¬
pen verschiedener Art auf das asoziale
Verhalten.
In einer Schlußbemerkung verläßt der
Autor, wie er selbst erklärt, den Boden
der nüchternen wissenschaftlichen Be¬
trachtung, indem er der Hoffnung Aus¬
druck gibt, daß es zu einer Erneuerung
aus dem christlichen Glauben kommen
möge, „zu einer neuen Gesellschafts¬
ordnung, einer neuen Rangordnung der
Werte und zur Schaffung eines endgülti¬
gen Sittengesetzes".
Ein reichhaltiges Literaturverzeichnis
vervollständigt dieses mit großer Sach¬
kenntnis verfaßte Werk. a. D.
Willy Brandt: Mein Weg nach Berlin.
Aufgezeichnet von Leo Lania, Kindler-
Verlag, München i960, 384 Seiten, 18.50 D-
Mark. — Die Berlin-Krise, die Ende
1958 durch Chruschtschows offensive Er¬
klärungen ausgelöst worden war, hat
Willy Brandt, Regierender Bürgermeister
von Berlin seit 1957, in das Licht öffent¬
licher Betrachtung gerückt. Sein Weg
nach Berlin erzählt nicht nur die Ge¬
schichte seines Lebens, sondern eigentlich
zwei Geschichten, seine und die Geschichte
Berlins nach 1945.
Der Bericht, in dem der 1913 in Lübeck
geborene Brandt schildert, wie er zum
Leiter der Berliner Verbindungsstelle des
Parteivorstandes der SPD bestellt und
1957 Regierender Bürgermeister der Stadt
wurde, ist zusammengestellt von Leo
Lania, und von Brandt so weitgehend
autorisiert, daß er zumeist in der Ichform
geschrieben werden konnte. Wir folgen in
diesem Bericht Willy Brandt von seinen
Kindheitstagen in Lübeck über seine
Emigration in Norwegen und Schweden
in das Nachkriegsdeutschland und beglei¬
ten ihn auf seiner Weltreise im vergan¬
genen Jahr, die ihn in die wichtigsten
Staaten der westlichen Welt geführt hat.
Der Kampf um und für die Millionen¬
stadt Berlin tritt in diesem Buch in allen
seinen Phasen in plastischer Weise hervor.
„Meinen eigenen Weg nach Berlin möchte
ich nicht nur im biographischen Sinn ver¬
standen wissen", meint Brandt, da die Er¬
lebnisse und Erfahrungen, die er auf die¬
sem Weg gemacht habe, ihn zu klarerer
Erkenntnis und tieferen Einsichten ge¬
führt hätten. Berlin bilde eine Frage an
das Gewissen der Menschen, eine Heraus¬
forderung an die Vernunft. -nn
William A. Garrett: Verkaufen per
Telefon. Econ-Verlag, Düsseldorf 1959,
294 Seiten, Preis 134.65 Schilling. — Der
amerikanische Autor hat während mehr
als einem Vierteljahrhundert das Ver¬
kaufen per Telephon zu einer ganz spe¬
ziellen Technik entwickelt, die er als
„neueste Absatztechnik" bezeichnet. In
Amerika gewinne sie immer mehr an Be¬
deutung. Warum diese ganz besonderen
Anstrengungen, um verkaufen zu können,
die nicht nur in Amerika, sondern auch
bei uns in immer verstärktem Maß ge¬
macht werden? Garrett sagt es unver¬
blümt: „Durch den Einfluß von Schule,
Rundfunk, Fernsehen, Nachrichten und
Reisen sind unsere Kunden keine Tölpel
mehr, die auf alles und jedes herein¬
fallen." Deshalb werden nicht nur in
Amerika, sondern auch bei uns immer
größere Summen für Werbungskosten aus¬
gegeben. In Österreich waren es im Jahre
1958 schon eine Milliarde Schilling. Aus
demselben Grund erscheinen auch immer
mehr Bücher, insbesondere amerikanische,
in deutscher Sprache, welche die Kunst
der Werbung und des Verkaufs lehren
sollen. Eine gewisse Werbung mag man
der Wirtschaft wohl zugestehen, aber die
allzu hohen Kosten dieser Werbung ver¬
teuern das Produkt für den Konsumenten,
der doch nicht durch Werbung und Ver¬
kaufstechnik betäubt werden will, sondern
dessen Kaufinteresse vor allem durch
Qualitätsverbesserungen und Preisermäßi¬
gungen geweckt werden kann. Ginge es
nach dem Verfasser, dann sollte der un¬
unterbrochene Strom von Werbung aus
Radio und Fernsehen, in Zeitungen und
Zeitschriften noch durch das Telephon
verbreitert werden. Ganz abgesehen von
diesen Erwägungen werden in dem Buch
technische Einrichtungen und Dienste des
Telephons behandelt, die dem Verkauf
dienen könnten, aber dem Verkäufer
weder in Deutschland noch in Österreich
zur Verfügung stehen. Kurze Zeit nach
Erscheinen des Buches wurde in New
York ein Kaufhaus eröffnet, das aus mehr
als 300 Telephonzellen besteht. In den
Kabinen liegen Kataloge, nach denen man
alles bestellen kann. Der Kunde gibt
seinen Auftrag über das Telephon an die
Zentrale und diese durch den Fern¬
schreiber an die Hauptversandstelle. Von
hier aus werden die Waren per Nach¬
nahme versandt. M N
Hans Viktor Schulz-Klingauf: Selbst¬
bedienung. Der neue Weg zum Kunden.
Econ-Verlag, Düsseldorf 1960, 400 Seiten,
zahlreiche Abbildungen und Zeichnungen
28 D-Mark. — Auf einer internationalen
Studientagung von Kaufleuten in Zürich
(1958) wurde davor gewarnt, heute noch
Kapital in Bedienungsläden zu investie¬
ren, da diese Verkaufsform zumindest im
Lebensmittelhandel in wenigen Jahren
überholt sein werde. Tatsächlich ist die
Selbstbedienung als neue Verkaufsform
drauf und dran, den europäischen Einzel¬
handel umzuformen. In Europa sind es
vor allem Schweden und die Schweiz, die
auf dem Gebiet der Selbstbedienung am
weitesten fortgeschritten sind. In Schwe¬
den und England waren es die Konsum¬
genossenschaften, die sich als erste auf
die Selbstbedienung einstellten und damit
Schrittmacher des übrigen Einzelhandels
wurden. In Österreich steht das System
der Selbstbedienungsläden noch am An¬
fang, machte aber in letzter Zeit schnelle
Fortschritte. Aber auch in den Ostblock¬
staaten nimmt die Zahl der Selbstbedie¬
nungsläden ständig zu. Ende 1954 wurde
in der Sowjetunion der erste Selbst¬
bedienungsladen eröffnet, 1959 gab es
bereits 11.000 Selbstbedienungsläden. Im
Rahmen des Siebenjahrplanes sollen
45.000 Selbstbedienungsläden neu errichtet
werden. Auch in der Tschechoslowakei, in
Polen, Ungarn und in Ostdeutschland
nimmt die Zahl der Selbstbedienungs¬
läden ständig zu.
In dem vorliegenden Buch erhält der
Leser erschöpfende Auskunft über die
Entwicklung und Praxis, die Probleme
und Aufgaben, die Vorzüge und Zukunfts¬
aussichten der Selbstbedienung. Schulz-
Klingauf — seit Jahren Leiter der Selbst-
bedienungs-Planungszentrale in einem der
größten westdeutschen Einzelhandels¬
unternehmen — legt auch die Gründe
dar, die dazu führten, daß das System
der Selbstbedienung von den Konsumen¬
ten willkommen geheißen wird. In allen
Ländern, in denen Befragungen der Kon¬
sumenten stattgefunden haben, wurde die
neue Verkaufsmethode von der über¬
wiegenden Mehrheit als Fortschritt be¬
zeichnet.
Mit Recht erklärt der Autor, daß die
Selbstbedienung kein attraktiver „Ver¬
kaufsschlager" sei, sondern eine ratio¬
nellere Verkaufsmethode, die es möglich
macht, die Warenverteilung billiger durch¬
zuführen. Der Autor verspricht nicht nur
den Selbstbedienungsläden für Lebens¬
mittel eine Zukunft, sondern auch der
Selbstbedienung bei Konsumgütern aller
Art. Die Furcht, daß sich die Diebstahls¬
quote in den Selbstbedienungsläden er¬
höhen könnte, widerlegt der Autor mit
einer vom Institut für Selbstbedienung im
Jahre 1959 durchgeführten Erhebung, die
eine Diebstahlsquote in Selbstbedienungs¬
betrieben von nur 0,1 bis 0,5 Prozent des
Umsatzes ergeben hat. Die Selbstbedie¬
nung könne nur dort erfolgreich sein, wo
Unternehmer oder Betriebsleiter und Per¬
sonal die Diebstahlsfurcht überwunden
hätten.
Das Buch, das ein Warenverteilungs¬
system untersucht, das im Ausland schon
als „die Betriebsform des leistungsfähigen
Handels der Zukunft" angesehen wird,
kann den in Betracht kommenden Kreisen
in Österreich wertvolle Anregungen
geben. (Siehe auch Dr. Franz Lettner
[Linz], „Die Selbstbedienung setzt sich
durch", Arbeit und Wirtschaft Nr. 4/1959.)
F. N.
Stellung der Arbeitnehmer in der mo¬
dernen Wirtschaftspolitik. Herausgegeben
von Universitätsprofessor Dr. Dr. Hans
Bayer, Verlag Duncker & Humblot, Berlin
1959, 349 Seiten, broschiert 28 D-Mark. —
Mit obigem Thema beschäftigte sich vom
15. September bis 3. Oktober 1958 die Inter¬
nationale Tagung der Sozialakademie
Dortmund, einer staatlich-wissenschaft-
lichen Akademie des Landes Nordrhein-
Westfalen. Dr. Viktor Kleiner, Kammer¬
amtsdirektor der Arbeiterkammer Ober¬
österreichs, der an dieser Tagung teil¬
genommen hatte, berichtete der Vollver¬
sammlung der Arbeiterkammer für Ober¬
österreich über die Ergebnisse der Dort¬
munder Tagung. Die wesentlichsten Teile
dieses Berichts sind in Arbeit und Wirt¬
schaft Nr. 3/1959, erschienen.
Das gedruckte Protokoll der Tagung
bringt in seinem ersten Abschnitt das
grundlegende Referat des Leiters der
Sozialakademie in Dortmund, Professor
Dr. Dr. Hans Bayer, und die Ausführun¬
gen des stellvertretenden Generalsekretärs
des Internationalen Bundes Freier Gewerk¬
schaften, Hans Gottfurcht, der die Stel¬
lung der Arbeitnehmer in der Wirtschafts¬
politik vom internationalen Blickpunkt
aus beleuchtete.
Im zweiten Abschnitt des Protokolls
fügen sich die einzelnen Darstellungen
über die Probleme und Aufgaben einer
Mitwirkung der Arbeitnehmer an der
Wirtschaftspolitik in Deutschland zu einem
Gesamtbild der Lage und der Entwick¬
lungsmöglichkeiten in Deutschland.
In einem dritten Abschnitt folgen die
Länderreferate, und zwar: europäische
Länder, USA und Indien.
Das Schlußwort von Professor Dr. Dr.
Bayer gibt einen Rückblick auf die Ta¬
gungsergebnisse und unternimmt den Ver¬
such eines Ausblicks auf die Anwendungs¬
möglichkeiten. -nn
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