Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1960 Heft 07 (07)

ARBEIT UNDWIRTSCHAFT
HERAUSGEBER: ÖSTERREICHISCHER ARBEITERKAMMERTAG UND ÖSTERREICHISCHER GEWERKSCHAFTSBUND
14. Jahrgang 1. Juli 1960 Nr. 7
Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Weber (Wien):
Konsumgenossenschaften in Österreich1
Das so gestellte Thema könnte leicht dazu führen, in
sehr enger Auslegung einfach ein Bild von der Be¬
deutung, dem Umfang und der Entwicklung der Konsum¬
genossenschaften in Österreich zu zeichnen. Ich möchte
jedoch das Thema weiter verstehen und zunächst über
den Begriff der Genossenschaften im allgemeinen und der
Konsumgenossenschaften im besonderen, dann genauer
über den ökonomischen Aspekt der Genossenschaften und
erst zuletzt nur über die Konsumgenossenschaften in
Österreich sprechen. Diese scheinbare Abschweifung vom
vorformulierten Thema wird sich dadurch als gerecht¬
fertigt erweisen, daß die Klärung des Begriffes und alle
dabei auftretenden Probleme — vor allem die wirtschaft¬
lichen — auch spezifisch für die österreichischen Konsum¬
genossenschaften erheblich sind.
Allgemeines zum Begriff
Eine oberflächliche Betrachtung könnte die Diskussion
des Begriffes der Genossenschaft als Zeitverschwendung
erscheinen lassen, denn der Ausdruck „Genossenschaft"
ist wohl allen geläufig. Ähnlich dem Erfahrungsobjekt
der Praxis verhält es sich mit dem Erkenntnisobjekt der
Wissenschaft. Schon im ersten Studienabschnitt lernt der
Student der Rechte die Gegenüberstellung von Genossen¬
schaften und „Gemeinderschaften" (wie den Hausgemein¬
schaften), wobei der Begriff der Genossenschaft sehr ver¬
schiedenartige Erscheinungsformen umfaßt, die überdies
im Laufe der geschichtlichen Entwicklung mannigfachen
Änderungen unterworfen waren. Die sogenannten Er¬
werbs- und Wirtschaftsgenossenschaften der Neuzeit, zu
denen auch die Konsumgenossenschaften gehören, sind
also nur eine der unterschiedlichen Genossenschafts¬
formen. (Siehe zu diesem Begriff die späteren Ausführun¬
gen über die juristische Seite!)
Gerade die Verschiedenartigkeit dessen, was unter ein
und demselben Begriff der Genossenschaft verstanden
wird beziehungsweise verstanden werden kann, sollte
davor warnen, ihn in sachlicher Diskussion ohne nähere
Erläuterung zu verwenden. Die Schwierigkeit vergrößert
sich noch dadurch, daß neben die Verschiedenartigkeit
der Erscheinungsformen die unterschiedlichen Betrach¬
tungsmöglichkeiten des bereits eingeengten Begriffes der
Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften treten. Wäh¬
rend bei den Genossenschaftsgründungen der heutigen
Zeit in den entwickelten Ländern das ökonomische Motiv
im Vordergrund steht, dem sich, seit die Genossenschaft
rechtlich als eine Unternehmungsform sui generis aner¬
kannt wird, ein juristischer Aspekt anschließt, waren die
ersten modernen Erwerbs- und Wirtschaftsgenossen¬
schaften — für die Konsumgenossenschaften werden hier
die Pioniere von Rochdale im Jahre 1844 hervorgehoben —
wohl auch wirtschaftliche Gründungen (damals noch ohne
rechtliche Sonderregelung); vielleicht noch stärker stan¬
den bei ihnen aber aus den Gegebenheiten der damaligen
1 Diesen Ausführungen liegt ein Vortrag zugrunde, den der
Verfasser, der auch geschäftsführender Direktor des Forschungs¬
instituts für Genossenschaftswesen an der Universität Wien ist,
in der Arbeitsgemeinschaft katholischer Verbände gehalten hat.
Zeit soziale Momente im Vordergrund, die zur Entwick¬
lung einer eigenen Genossenschaftsideologie führten.
Das Schwergewicht meiner Ausführungen soll auf den
wirtschaftlichen Fragen liegen, für die eine genauere
Abgrenzung und eine werturteilsfreie Diskussion leichter
möglich ist. Um der Gesamterscheinung „Genossenschaft"
voll gerecht zu werden, sollen jedoch vorweg einige Züge
der anderen Momente kurz gestreift werden.
Die soziale und ideologische, in ihrer weiteren Ent¬
wicklung vielfach schon politische Seite der modernen
Genossenschaften erklärt sich aus ihrer Entstehung. Die
ersten Genossenschaften wurden als „Kinder der Not" be¬
trachtet, als ein Versuch jener Kreise, die sich im Zeit¬
alter des wirtschaftlichen Liberalismus und der kapitali¬
stischen Wirtschaft existentiell nicht genügend geschützt
erachteten, ihre wirtschaftliche und soziale Lage durch
einen auf der Selbsthilfe beruhenden Zusammenschluß zu
verbessern. Primär gehörten zu diesen Gruppen die
Bauern (deren sich Raiffeisen annahm), die kleinen
Gewerbetreibenden (Schulze-Delitzsch) und dieKonsumen¬
ten (Konsumgenossenschaften nach dem Muster von Roch¬
dale). Es ist daher nicht überraschend, wenn die ersten
wissenschaftlichen und praktischen Betrachtungen eher
sozialpolitisch und sozialreformerisch waren. So beschreibt
G. J. Holyoake (The History of Co-operation. Revised and
completed edition, second impression. London 1906),
welcher als der Geschichtsschreiber der Pioniere von
Rochdale angesehen werden kann, diese Genossenschaft
als „self-defensive individualism, made attractive by
amity, strengthened by interest, and rendered effective by
association" — sich selbst verteidigender Individualismus,
anziehend durch gutes Einvernehmen, gestützt durch das
gemeinsame Interesse und wirksam gemacht durch den
Zusammenschluß — (2. Band, S. 666). An die neue Form
des Zusammenschlusses wurden sehr große Hoffnungen
geknüpft, die bereits im Programm der Pioniere von
Rochdale zum Ausdruck kommen; ihre Gesellschaft sollte,
sobald dies praktisch ist, darangehen „to arrange the
powers of production, distribution, education, and govern-
ment, or in other words to establish a self-supporting
home colony of united interest, or assist other societies in
establishing such colonies" — die Kräfte von Produktion,
Verteilung, Erziehung und Verwaltung abzustimmen,
oder (mit anderen Worten) eine sich selbst helfende
Interessentengemeinschaft einzurichten, oder die Bildung
anderer solcher Gemeinschaften zu unterstützen — (zitiert
nach F. Hall and W. P. Watkins: Co-operation. A Survey
of the History, Principles and Organisation of the Co-
operative Movement in Great Britain and Ireland.
Manchester 1934, S. 86). Ihr Programm sah ferner den
Wohnungsbau wie auch, nur nebenbei bemerkt, den Bau
eines alkoholfreien Hotels vor. Ab 1852 setzte sich die
Regel durch, daß 2V2 Prozent des Gewinnes für Erzie¬
hungszwecke verwendet werden müßten.
Die Wunschträume fanden ihren utopischen Höhe¬
punkt im „Co-operative Commonwealth", wie es Gide,
ausgehend von den Konsumgenossenschaften, zunächst
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