Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1960 Heft 09 (09)

aufgenommen wurden). Was sich nun auf dem Arbeits¬
markt herausbildet, ist das bilaterale Monopol (E. Schnei¬
der, S. 320 ff. und S. 346 f.). Wenn wir bei der Termino¬
logie der Märchenwelt eine Anleihe machen, so ringen
jetzt nicht mehr viele Zwerge, sondern zwei Riesen mit¬
einander. Dieses Phänomen des „collective bargaining" ist
speziell in der angelsächsischen Wirtschaftswissenschaft
eingehenden Untersuchungen unterzogen worden. Aus
den zahlreichen theoretischen Erörterungen geht eines
mit großer Sicherheit hervor: daß der Sachverhalt viel
zu komplex ist, um ausschließlich mit den Mitteln der
„reinen Theorie" bewältigt werden zu können. Das Ver¬
halten der beiden Marktparteien — Gewerkschaften und
Unternehmerverbände — ist zu sehr von ständig wech¬
selnden, konkreten ökonomischen und sozialen Gegeben¬
heiten abhängig, als daß sich eine generelle Theorie ab¬
leiten ließe, die auch einen Aussagewert hat. Eine der
jüngsten Publikationen auf diesem Gebiet, M. Bouchards
„Lohntheorie und Kollektivverträge"8 wollen wir ab¬
schließend noch kurz besprechen.
Die ökonomische Rolle der Gewerkschaft
Nach Bouchard kann und wird es niemals das Ziel
der Gewerkschaft sein, einen Lohn zu erzielen, der größer
ist als das Produkt des Grenzarbeiters, oder die Zahl der
Beschäftigten zu verringern. Daher ist die Rolle der
Gewerkschaft „eher negativ", und „es ist übertrieben, ihre
Stärice als monopolistische Macht zu qualifizieren": „Weit
davon entfernt, eine monopolistische Situation zu er¬
zeugen, tritt sie in einen monopsonistischen Zusammen¬
hang9 ein, den sie zum Nutzen der Arbeiter zu korrigieren
sucht." Der Gedanke Preisers ist also bei Bouchard bereits
die Grundlage geworden. Für Bouchard übt daher die
Gewerkschaft, obwohl unter keinem öffentlich-rechtlichen
? Maurice Bouchard, Theorie du Salaire et Conventions col-
lectives, Montreal 1957.
• Das Nachfragemonopol wird speziell im angloamerikani-
schen Bereich oft als „Monopson" bezeichnet.
Titel, „eine analoge Funktion aus wie der Staat, der teil¬
weise die monopolistische Ausbeutung des Konsumenten
verhindert, indem er dem Monopol einen Preis aufzwingt,
der den Grenzkosten gleich ist".10
Die Rolle der Gewerkschaft ist daher, um den wenig
glücklichen Ausdruck Bouchards („negativ") zu ver¬
meiden, nicht offensiv, sondern defensiv: sie verhindert
die monopsonistische Ausbeutung der Arbeiter. Bouchard
zeigt dann selbst an einem Beispiel, daß das Eingreifen
der Gewerkschaft zu einem Resultat führt, das erreicht
worden wäre, wenn auf beiden Seiten vollständige Kon¬
kurrenz geherrscht hätte. Auch Bouchard ist also der An¬
sicht, die allgemein angenommene Obergrenze des Lohnes
(Lohn gleich Produkt des Grenzarbeiters) werde nicht
überschritten.
Die vorliegende Betrachtung sollte keine geschlossene
Theorie bieten, keinen Gegenbeweis gegen die Auffassung
bilden, die Gewerkschaften hätten eine „Monopolstellung".
Sie sollte nur zeigen, daß die Dinge viel komplizierter
sind, als gemeinhin angenommen wird, und daß man sich
die Sache etwas zu leicht macht, wenn man Gewerk¬
schaftsfreunde mit dem Hinweis auf monopolistische
Praktiken abwimmelt. Die „Monopolstellung" der Ge¬
werkschaften ist keineswegs so unbestreitbar feststehend,
wie es speziell neoliberale Autoren vorgeben. Es ist nicht
ohne weiteres von der Hand zu weisen, wenn Bouchard
sagt: „Wenn es unbedingt notwendig ist, die Natur der
gewerkschaftlichen Macht anzugeben, ist es besser, sie als
eine Korrektur der monopsonistischen Macht des Unter¬
nehmers anzusehen, als sie ohne Einschränkung als mono¬
polistische Macht zu zeigen."11
" Beim Monopol ist nämlich der Preis im Gewinnmaximum
stets höher als die Kosten des letzten Stückes Ware, das gerade
noch produziert und abgesetzt wird (die sogenannten Grenz¬
kosten).
11 ,,S' il faut absolument preciser la nature du pouvoir 6cono-
mique syndical, il vaut mieux le considerer comme une correc-
tion du pouvoir monopsonique de l'employeur que de le presenter
sans nuance comme un pouvoir monopolistique." Bouchard, op.
cit., S. 237.
Heiner Stempell (Köln):
Die bundesdeutsche Krankenversicherung
Wie sie ist und wie sie werden konnte
Seit der letzten großen Reform der sozialen Krankenver¬
sicherung Deutschlands sind 50 Jahre vergangen. Seit¬
dem hat sich nicht allein in Deutschland mehr ereignet
als sonst in einem Halbjahrhundert, aber die Kranken¬
versicherung hat ihre Bewährungsprobe gut, vielleicht
sogar vorbildlich bestanden. Das Urteil wird der Sozial¬
geschichtsschreiber von morgen zu fällen haben. Nun
aber sollten zu Nutz und Frommen der Krankenversicher¬
ten, also beileibe nicht etwa nur wegen Verstreichens
einer langen Zeit, alle Erfahrungen des In- und Auslands
verwertet werden.
Erst in jüngster Vergangenheit hat sich beispielsweise
gezeigt, wie überlastet die Krankenkassen nicht nur mit
Auftragsangelegenheiten des Staates und anderer Sozial¬
leistungsträger sind: Aufeinanderfolgende, wahrscheinlich
sogar unmittelbar zusammenhängende außerordentliche
Hitze- und Grippewellen haben viele Kassen in härtere
Bedrängnis gebracht als je zuvor. Freilich hat dazu auch
ein Gesetz wesentlich beigetragen, das zwar gut gemeint,
aber durchaus systemwidrig war: Man konnte einfach
nicht mehr umhin, den Arbeiter hinsichtlich der Lohn¬
fortzahlung im Krankheitsfall dem Angestellten gleich¬
zustellen; man schloß einen Kompromiß, der einerseits
den Arbeiter beschwichtigen, andererseits dem Arbeit¬
geber nicht weh tun sollte. Hauptleidtragende waren die
Kassen, vor allem aber die Versicherten. Die Kassen mu߬
ten ihren Mitgliedern von Gesetzes wegen immer höhere
Beiträge abfordern. Manche Ortskrankenkasse mußte
den zuständigen Gemeindeverband um „die erforderliche
Beihilfe aus eigenen Mitteln" ersuchen. Statt die Kassen,
wie es risikogerecht wäre, vom Lohnersatz überhaupt zu
befreien oder wenigstens für die ersten sechs Wochen
der Arbeitsunfähigkeit wegen Krankheit zu entlasten,
bürdete man ihnen noch mehr auf. Kurzum, der Arbeiter
mußte die Wohltat der Quasi-Lohnfortzahlung selbst be¬
zahlen.1
Systemwidrige „Verbesserungen" scheinen sich also
wirklich nicht zu bewähren. Trotzdem scheint die Bundes¬
regierung mutig genug zu sein, neue Systemwidrigkeiten
zu versuchen. Ihr Entwurf eines Gesetzes zur Neuregelung
der gesetzlichen Krankenversicherung läßt diesen Schluß
zu. Damit wird nämlich vorgeschlagen, das herkömmliche
Sach- oder Naturalleistungssystem mit dem sogenannten
Kostenerstattungsverfahren der privaten Krankenver¬
sicherung zu koppeln. Besser verständlich ist das viel¬
leicht so: Zwar soll die Kasse die Leistungen des Arztes,
des Apothekers usw. für den Versicherten wie bisher
honorieren, aber nicht mehr pauschal durch einen ver¬
traglich vereinbarten Anteil amBeitragsaufkommen. Nach
dem Entwurf müßte die Kasse auch weiterhin einen er¬
heblichen Anteil der Kosten jeder einzelnen Leistung für
die Heilung des Versicherten erstatten, und ausgerechnet
der kranke Versicherte müßte aus seiner Tasche ebenfalls
für jede einzelne Leistung eine sogenannte „Inanspruch-
1 Übrigens hat man auch erkannt, daß sogar der 50prozentige
Arbeitgeber-Beitragsanteil zur Sozialversicherung vom Arbeit¬
nehmer selbst verdient werden muß.
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