Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1960 Heft 09 (09)

sollen wir gar zum „Unternehmergeist", gespeist aus den
Quellen des Protestantismus, Zuflucht nehmen? Gewiß
muß die ökonomische Analyse „durch eine Art verglei¬
chender historischer Anthropologie ergänzt werden. In¬
dessen hat aber die ökonomische Analyse ihre eigentliche
Aufgabe noch keineswegs erfüllt, nämlich die Folgen und
unmittelbaren Ursachen von Unterschieden wie von Än¬
derungen in der Rate der Akkumulation klarzustellen".
(S. 56.) Und das ist das Ziel, das sich Mrs. Robinson in
dem vorliegenden Werke stellt.
Die kapitalistischen Spielregeln
Es geht ihr dabei um die Akkumulation im Kapitalis¬
mus, einem „System, das sich nicht nur als lebensfähig,
sondern auch als bemerkenswert produktiv in bezug auf
den Wohlstand erwiesen hat". (S. 40.) Unter den „kapitali¬
stischen Spielregeln" gehören die Produktionsmittel einer
kleinen Zahl von Personen, die die Arbeitskraft einer
großen Zahl zu einem vertraglich festgesetzten Lohn kau¬
fen, ihre Arbeit organisieren und den Überschuß des
Arbeitsproduktes über die Lohnsumme als Einkommen
einstecken. (S. 5.) Profit ist ein Mittel zur Akkumulation:
„Der Unternehmer sucht Profite zu machen, nicht um
sich dem Konsum hinzugeben, sondern um sein Unter¬
nehmen zu erhalten und auszudehnen. Es geht darum,
so viel Profit wie möglich zur Vergrößerung der Pro¬
duktionskapazität hineinzustecken." (S. 40.) Hätte der
Rentier-Aspekt den Unternehmer-Aspekt überwogen, so
wäre das System nicht so lange toleriert worden und hätte
nicht so floriert wie es tatsächlich der Fall war. (S. 392.)
Die kapitalistischen Spielregeln fördern die Gro߬
produktion und die Anwendung hochentwickelter Tech¬
niken. Die Unternehmer können große Massen von Ar¬
beitern einspannen und sich die Vorteile der Arbeits¬
teilung zunutze machen; „ihre große Finanzkraft erlaubt
ihnen, ihre Arbeiter mit komplizierten Geräten auszu¬
rüsten, und der Kampf, die Konkurrenz zu unterbieten,
zwingt sie dazu; dies erhöht die Leistung je Beschäftigten
weit über das hinaus, was ein Handwerker leisten kann.
Dadurch wird verhindert, daß die Kontrolle der Produk¬
tion, sofern einmal konzentriert vorhanden, wieder ge¬
streut wird, und so wird sichergestellt, daß die Spiel¬
regeln in Kraft bleiben". (S. 6.) Natürlich sind sie das
Produkt eines Konflikts, dem zwischen Arbeit und Eigen¬
tum; aber dieser schuf erst die Voraussetzungen für eine
Großproduktion, und die Spielregeln dienen eben dem
Zweck, „Akkumulation und technischen Fortschritt unter
Bedingungen der Ungewißheit und der unvollkommenen
Kenntnis zu ermöglichen. Gewiß, zuviel Störungen, Be¬
trug und Konflikt würden eine Wirtschaft in Stücke
reißen. Daß der Kapitalismus sich bis auf den heutigen
Tag erhalten hat, ist jedoch ein Beweis dafür, daß gewisse
Prinzipien der Kohäsion in seine Konfusion eingebettet
sind." (S. 60.) „Faktisch besteht die Existenzberechtigung
der kapitalistischen Spielregeln darin, daß sie den tech¬
nischen Fortschritt begünstigen." (S. 65.)
Womit Mrs. Robinson keinerlei moralisches Werturteil ver¬
bindet! Sie zeigt nicht nur im weiteren, wie prekär jegliche
Stabilität auch im günstigsten Fall unter den kapitalistischen
Spielregeln ist, sondern auch, daß sie gerade vom Standpunkt des
technischen Fortschritts häufig versagen. Und die Feststellung
bedeutet auch keinerlei Rechtfertigung des Privatbesitzes an
Kapital oder der Kapitaleinkommen, etwa als „Lohn der Absti¬
nenz" oder des „Konsumverzichts durch Warten". „Der Lohn des
Sparens ist ein Zuwachs an Vermögen, verbunden mit der Er¬
wartung künftiger zusätzlicher Einkommen. Gegenwärtige Ein¬
kommen aus Besitz können eventuell als Lohn früheren Sparens
bezeichnet werden, aber es muß nicht der jetzige Eigentümer
sein, der gespart hat; er kann zu seinem de-facto-Besitz an Ver¬
mögen auch durch Erbschaft oder durch andere — moralische
oder unmoralische, legale oder illegale — Mittel gekommen sein.
Da ferner vorwiegend aus Profiten gespart wird und die Real¬
löhne um so niedriger sind, je höher die Profitrate ist, wird die
Abstinenz, die man mit dem Sparen verbindet, hauptsächlich
von den Arbeitern geübt, die dafür keine »Belohnung« erhal¬
ten." (Seite 393.) Ähnlich ist es mit dem Begriff des „Wartens":
„Arbeit braucht Zeit, aber die Zeit leistet keine Arbeit. Wo die
Produktionsmittel — Land, Geräte, Material — nicht so reichlich
vorhanden sind, um allen erdenklichen Anforderungen nachzu¬
kommen, muß es Eigentum geben, damit sie wirksam genützt
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werden. Wenn die Spielregeln kollektives Eigentum ausschließen,
muß es Privateigentum geben. Es ist die Knappheit an Kapital¬
gütern, nicht eine Produktivität der Zeit, die Einkommen aus
Besitz ermöglicht... Auf eine nebulose Art und Weise wird der
Besitz an Kapital mit der Idee einer Vermehrung des Bestands
an Kapital vermengt, so daß die moralische Zustimmung, die die
Tätigkeit des Sparens und Investierens gewöhnlich erhält, einen
freundlichen Glanz auf die Tätigkeit des Einheimsens von Zinsen
wirft." (S. 394.) „Kapital, gleichgültig wem es gehört, ist eine
notwendige Voraussetzung, damit Arbeit und Naturreichtum
produktiv sind. Aber es ist kein von ihnen unabhängiger Pro¬
duktionsfaktor." (S. 311.)
Das analytische Grundmodell
Zur Analyse der Ursachen und der Folgen unterschied¬
licher und sich verändernder Akkumulationsraten bedient
sich Mrs. Robinson einer Reihe von „Modellen" zuneh¬
mender Kompliziertheit (und Wirklichkeitsnähe). Das
heißt, die zunächst drastischen Vereinfachungen werden
sukzessive modifiziert, die zunächst weitreichenden Ab¬
straktionen sukzessive abgebaut, die konkrete Vielfalt der
Wechselwirkungen im realen Leben immer besser erfaßt.
An dieser Vorgangsweise ist nichts Besonderes, es geht
nur immer darum, ob „richtig" vereinfacht wird; darum,
ob nicht von Wesentlichem, für die Wirklichkeit Entschei¬
dendem abstrahiert wird, so daß zwar (wie etwa bei der
„statischen" Betrachtungsweise der „Neoklassiker") lo¬
gisch „alles in Ordnung" sein mag, das konstruierte
Modell aber zur Erkenntnis dynamisdher Bewegungs¬
gesetze (wie der Akkumulation) irrelevant und daher un¬
brauchbar ist. Mrs. Robinson ist dieser Gefahren und der
entsprechenden Anforderungen an den „Modellbau" in
höchstem Maße gewärtig und ihr Wirklichkeitssinn ist
ihrer überragenden Kraft der Logik durchaus ebenbürtig.
Hier die wichtigeren Merkmale ihres grundlegenden
„einfachen Modells" (S. 63 bis 71): Es gibt (zunächst) nur
zwei Klassen: Arbeiter und Unternehmer. Die Arbeiter
besitzen nur ihre Arbeitskraft, haben alle die gleiche
Qualifikation und Leistungskraft und erhalten einen ein¬
heitlichen Lohn, den sie zur Gänze konsumieren. Die
Unternehmer besitzen die Produktionsmittel und organi¬
sieren die Produktion; von ihrem Konsum (ihrer Eigen¬
schaft als „Rentiers") wird abstrahiert (in der späteren
Modifizierung des Modells kommt auch der Rentier ins
Bild und damit der Konsum aus Profiten). Die konsumier¬
baren Waren sind qualitativ unveränderlich, ebenso wie
die Zusammensetzung des gesamten dem Konsum dienen¬
den „Warenkorbes". Der für einen bestimmten Produk¬
tionsfluß erforderliche Bestand an Produktionsmitteln ist
durch die jeweilige Produktionstechnik starr bestimmt.
Der technische Fortschritt (der in gewissem Sinne die
Quintessenz des Kapitalismus und der kapitalistischen
Akkumulation ist und von dem zu abstrahieren selbst im
simpelsten Modell absurd wäre) verläuft (um Index-
Schwierigkeiten'bei der Bewertung von Produktionsver¬
änderungen zu vermeiden) derart, daß Verbesserungen
der Produktionsmethoden keinerlei Änderung in der Zu¬
sammensetzung des Warenkorbes bringen. Die Unter¬
nehmer rechnen mit gleichbleibenden Profitraten, erwar¬
ten einen gleichmäßigen technischen Fortschritt und neh¬
men Abschreibungen auf der Grundlage dieser Erwartun¬
gen vor. Es gibt keine knappen natürlichen Hilfsquellen,
wie Mineralien oder Land (und daher keine Grund- oder
Differentialrenten); sämtliche Produktionsmittel sind pro¬
duzierbar und reproduzierbar. Das Wachstum der Bevöl¬
kerung und des Arbeitskräftepotentials ist unabhängig
von der Akkumulation. Die kapitalistischen Spielregeln
sind seit langem in Kraft, die Mindestgröße der Unterneh¬
mungen ist ziemlich ansehnlich. Es herrscht laisser-faire,
also keinerlei staatlicher Interventionismus in der Wirt¬
schaft. Es gibt keinen Außenhandel (geschlossene Wirt¬
schaft!). Es gibt keinerlei Kostenvorteile dank größerem
Umfang oder größerer Stufenleiter der Produktion, und
da auch Land nicht knapp (also frei verfügbar) ist, sind
die Produktionskosten unabhängig vom Produktions-
umfang.
Auf Grund dieser drastisch vereinfachenden Annah¬
men (die der Reihe nach modifiziert werden) wird unter-
        

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