Volltext: Arbeit & Wirtschaft - 1960 Heft 09 (09)

allerdings keine umfassende Regelung
der arbeitsrechtlichen Beziehungen dar,
sondern beschränkt sich lediglich auf
die Angleichung der Rechte.
Da aber nun die umfassende Arbeit
des Sozialministeriums zur Diskussion
vorliegt, wird der Arbeiterkammertag
mit dem eigenen Entwurf vorerst nicht
an die gesetzgebende Körperschaft
herantreten. Sollte sich jedoch die Be¬
handlung des Entwurfes zum Arbeits¬
gesetzbuch längere Zeit verzögern, so
könnte auf den Entwurf des Arbeiter¬
kammertages als vorläufige, aber rasch
realisierbare Interimslösung zurückge¬
griffen werden. In diesem Falle könnte
dieser in engen Grenzen gehaltene An¬
gleichungsentwurf des Arbeiterkammer¬
tages eine Vorstufe zu der angestreb¬
ten umfassenden Neugestaltung des ge¬
samten Arbeitsrechtes sein und diese
Neugestaltung wesentlich erleichtern
„Vollbeschäftigung"
Zumindest während einiger Sommer¬
monate gibt es in Österreich sehr wenig
Stellensuchende. Die „industrielle Re¬
servearmee" ist klein geworden. Im
Winter ist das anders. Da gibt es reich¬
lich „disponible Arbeitskräfte", wie man
in wissenschaftlicher Terminologie sagt.
Der Herr Bundeskanzler hat sich aus¬
gerechnet, daß trotzdem in Österreich
Vollbeschäftigung herrsche — im Durch¬
schnitt. Aber diesem Durchschnitt haftet
so wie jedem Durchschnitt ein Fehler
an. Er ist eine Abstraktion von der
Wirklichkeit, und tausende Bedienstete
aus dem Hotel- und Gastgewerbe und
aus der Bauwirtschaft, die jedes Jahr
monatelang arbeitslos sind, merken von
der Vollbeschäftigung sehr wenig. Um
das zu ändern, müßte noch vieles
geschehen.
Sorgen
Man klagt über den Rückgang des
Fremdenverkehrs; man spricht von
sinkender Reiselust, und das Hotel- und
Gastgewerbe zeigt sich darüber besorgt.
Ist das schlechte Wetter an dem Rück¬
gang schuld? Es ist natürlich einer der
Gründe für den schlechten Besuch. Aber
da ist auch das unzulängliche Service,
das allzu viele Betriebe ihren Kunden
bieten. Man redet sich auf den Mangel
an Personal aus und klagt, daß viele
gute Kräfte ins Ausland gehen. Man
sagt darüber auch den Reportern seine
Meinung, aber man „vergißt" dabei gern
die unsozialen Zustände zu schil¬
dern, die in vielen Fremdenverkehrs¬
betrieben herrschen. Man vergißt, dar¬
über zu reden, weil man sie ganz in der
Ordnung findet. Ist es da ein Wunder,
wenn so manche gute Arbeitskraft ins
Ausland geht?
Vulgärökonomie
Um ein ideologisches Mäntelchen war
das free enterprise niemals verlegen.
Wie sollte es jetzt anders sein, da die
USA wieder vor einer wirtschaftlichen
Rezession zu stehen scheinen. Schuld
sei beileibe nicht die unkontrollierte
Investitionspolitik der Unternehmungen,
welche Disparitäten zwischen Erzeugung
und Bedarf geschaffen hat, schuld sei
vielmehr, wie die Wiener „Presse"
durchblicken läßt, die „von keiner¬
lei Konjunkturrücksichten beeinflußte
Lohnpolitik der Gewerkschaften".
„Auslese"
Jeder Student, der alle Prüfungen mit
Auszeichnung bestanden hat, wird durch
die Promotio sub auspiciis praesidentis,
die Überreichung des Doktordiploms in
Anwesenheit des Staatsoberhauptes,
geehrt. Jeder? Einstweilen ja! Aber man
munkelt, daß es anders werden soll.
Man spricht von einem Gesetzentwurf,
in dem es heißt, daß man nur sub
auspiciis promovieren kann, wenn man
alle Prüfungen innerhalb „einer durch¬
schnittlich normalen Studiendauer" ab¬
gelegt hat. Das würde alle Studenten
treffen, die keinen „gutsituierten" Vater
haben. Denn welcher echte Werkstudent,
der sich Leben und Studium selbst ver¬
dienen muß, kann schon sein Studium
zeitgerecht beenden?
Verletzte Menschenwürde
In der Justiz ist man von der Brauch¬
barkeit des sogenannten Lügendetektors
keineswegs restlos überzeugt. Tausende
amerikanische Privatfirmen hingegen
haben für ihn eine Verwendung ge¬
funden. Sie versuchten herauszufinden,
ob der eine oder der andere Bedienstete
etwas gestohlen hat. Zuerst probierte
man den „lie detector" bei Leuten aus,
die schon einmal gestohlen hatten. Dann
entdeckte man ein neues Anwendungs¬
gebiet: man will bei neu aufgenom¬
menen Angestellten herausfinden, ob sie
von der Konkurrenz als Spion geschickt
wurden und ob der Stellenbewerber
einen Dauerposten sucht oder nur vor¬
übergehenden Verdienst.
Ist das noch mit der Freiheit des
Arbeitnehmers und mit seiner Men¬
schenwürde zu vereinbaren?
Startgleichheit
Keines Menschen jährliche Leistung
ist 10.000 Pfund Sterling wert, schrieb
Arthur Lewis vor einigen Jahren. Denn
niemand, so schrieb dieser bedeutende
englische Nationalökonom, leiste 29mal
so viel wie ein gewöhnlicher Arbeiter,
OEEC-Revision perfekt
Die Bestrebungen zur Revision der-
OEEC, mit dem Ziel, auch den Verei¬
nigten Staaten und Kanada die Vollmit¬
gliedschaft in einer alle westeuro¬
päischen Länder umfassenden Wirt¬
schaftsorganisation zu ermöglichen,
haben in den letzten Wochen eine deut¬
lichere Form angenommen.1 Ein Haupt¬
argument für die Umgestaltung der
OEEC zur sogenannten OECD (Organi¬
sation for Economic Cooperation and
Development) besagte ja bekanntlich,
daß die Wirtschaftshilfe der westlichen
Industrieländer an unterentwickelte
Gebiete koordiniert und dadurch wirk¬
samer gemacht werden müßte.
Hinter dieser Formel stand jedoch,
allmählich immer mehr hervortretend,
das Ansinnen vorerst der Nordameri¬
kaner und dann insbesondere Frank¬
reichs, die handelspolitischen Kompeten¬
zen der OEEC, die ihren eigentlichen
Lebensinhalt ausmachten, zu beschrän¬
ken oder überhaupt zu beseitigen. Der-
1 Siehe den Beitrag „Liquidation oder Re¬
form der OEEC?", Arbeit und Wirtschaft,
6/1960, S. 165 ff.
der damals 6 oder 7 Pfund in der Woche
verdiente.
Wie unlängst die Frankfurter All¬
gemeine Zeitung berichtete, halten die
deutschen Unternehmungen nichts von
solchen Feststellungen. Bereits 1958 gab
es 104 deutsche Aktiengesellschaften, die
ihren 435 Vorstandsmitgliedern jährlich
mehr als je 122.700 D-Mark zahlten. An
der Spitze standen zwölf Handelsgesell¬
schaften, die im Durchschnitt sogar Be¬
züge von 171.300 D-Mark gewährten, das
sind mehr als eine Million Schilling.
Warum das hier erzählt wird? Weil es
bemerkenswert ist und weil es zeigt, daß
die Herstellung des „gleichen Starts für
alle" ein sehr schwieriges Problem dar¬
stellt. Man mache sich darüber keine
Illusionen.
15 Millionen Kilogramm
Marillen
wurden heuer geerntet. Es war die beste
Ernte seit vier Jahren, schrieb Die
Presse. Und Das Kleine Volksblatt
berichtete von einer Marillenschwemme.
Es war allerdings eine Marillen¬
schwemme besonderer Art, nämlich
eine, von der man kaum etwas merkte.
Nur ganz wenige Tage gab es das Kilo¬
gramm Marillen um 5 Schilling. Dann
stieg der Preis wieder stark an. Warum
es trotz einer Rekordernte auf den
Märkten nicht mehr Marillen gab? Weil
die Bauern direkt an die Konsumenten
verkauften, behaupten die einen, weil
zu viel exportiert wurde, sagen die
anderen; sogar in Italien interessierte
man sich laut Presse heuer für unsere
Marillen. Und wenn nicht exportiert
worden wäre? Dann hätten tausende
Steigen Marillen verfaulen müssen wie
im Frühjahr das Gemüse. Denn die
Spannen müssen angeblich gehalten
werden.
Auf Antrag der Arbeiterkammern und
des Gewerkschaftsbundes sollen die
Spannen des Obst- und Gemüsehandels
jetzt von der Paritätischen Kommission
überprüft werden.
artigen Bestrebungen war nun die
Mehrheit der westeuropäischen Regie¬
rungen, auch jene fast aller EWG-Part¬
ner und natürlich besonders die der
EFTA-Mitglieder, abgeneigt, und sie
versuchte, bei den verschiedenen Be¬
ratungen so viel wie möglich vom
Wesentlichen der OEEC zu bewahren.
So kam es zu Kompromissen, auf die
wir noch genauer eingehen wollen. Ins¬
gesamt läuft jedoch, vor allem wegen
der hartnäckigen Haltung Frankreichs
und trotz verschiedener Konzessionen
von seifen der USA, das Ergebnis der
OEEC-Debatte eher auf eine Liquida¬
tion denn eine Revision hinaus. Die
OECD scheint mehr der Versuch eines
Alibis als der Ersatz für eine Einrich¬
tung zu sein, die beim Wiederaufbau
der westeuropäischen Wirtschaft viele
gute Dienste geleistet hat.
Im einzelnen nahmen die Verhand¬
lungen zur Gründung der OECD fol¬
genden Gang: Die im Jänner 1960 von
der Atlantischen Wirtschaftskonferenz
mit der Erstellung der Reorganisations¬
vorschläge beauftragte Expertengruppe,
genannt die „Vier Weisen", legte Mitte
Internationale Wirtschaft
256
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.