Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1960 Heft 09 (09)

sucht, in welcher Wechselwirkung Änderungen in Löh¬
nen, Profiten, Arbeitskräftepotential, Produktionstechnik,
Grad der Konkurrenz (beziehungsweise des Monopols)
und Akkumulation zueinander stehen. Wie man sieht, ist
selbst die Abgrenzung, die Herausschälung der Bedingun¬
gen für das „einfache" Modell keine ganz einfache Sache.
Ungeachtet aller nachfolgenden Modifikationen liefert
aber dieses Modell die Grundlage für die Herausarbeitung
der wichtigsten Merkmale der Akkumulation unter den
„kapitalistischen Spielregeln". (S. 73 bis 84.)
Lohn und Profit bei gegebener Produktionstechnik: Die Diffe¬
renz zwischen gesamter Lohnsumme und Gesamt(netto)produkt
eines Jahres ist gleich dem Gesamtprofit und (da es keinen Kon¬
sum aus Profiten gibt!) gleich dem Zuwachs an Kapital. Der
Reallohn wird bestimmt durch die Produktion pro Kopf der im
Konsumsektor beschäftigten Arbeiter und das Verhältnis zwischen
der Beschäftigung im Konsumgütersektor und der Beschäftigung
im Produktionsmittel- (Investitionsgüter-, Kapitalgüter-) Sektor.
Das heißt im Effekt, daß die Unternehmer eine bestimmte Zahl
Arbeiter zur Erzeugung von Produktionsmitteln sowie jene
weitere Zahl von Arbeitern beschäftigen, die erforderlich ist,
um „Lohngüter" für sämtliche beschäftigten Arbeiter zu liefern.
Geldmäßig ausgedrückt: bei gegebenem Nominallohn ist der
jährliche Gesamtwert der Konsumwaren gleich der Lohnsumme
im Konsumgütersektor plus der Lohnsumme im Kapitalgüter¬
sektor, und der Bruttoprofit3 vom Verkauf der Konsumgüter
gleich der Lohnsumme für Kapitalgüter.
Profite und Akkumulation: Profite setzen voraus, daß das
Produkt je Arbeiter größer ist als die Reproduktionskosten seiner
Arbeitskraft. Aber daß die „technischen" Bedingungen für einen
solohen Überschuß vorhanden sind, genügt nicht, damit Profite
tatsächlich gemacht werden. Dazu ist es auch notwendig, daß
die Unternehmer investieren. Wenn die Unternehmer nicht pro¬
fitieren, können sie nicht akkumulieren; wenn sie nicht akku¬
mulieren, können sie keinen Profit machen. Im ersteren Fall
herrscht Stagnation aus Armut (technischer Rückständigkeit), im
letzteren aus Sättigung.
Monopol und Reallohn: Wachsende Monopolisierung (Kar-
tellisierung) führt zu Preissteigerungen. Setzen sich die Arbeiter
nicht entsprechend zur Wehr, so sinken die Reallöhne, der Absatz
von Konsumgütern und die Beschäftigung im Konsumgütersektor.
Die Beschäftigung im Kapitalgütersektor bleibt zunächst unver¬
ändert und die Bruttoprofite im Konsumgütersektor ebenfalls.
Der Bruttoprofit pro Beschäftigtem steigt in dem Maße, wie die
Beschäftigung je Kapitaleinheit fällt.4 Aber mit wachsender
Uberkapazität im Konsumgütersektor sinken die Bestellungen für
Ersatz- oder Neuinvestitionen, es kommt auch im Kapitalgüter¬
sektor zur Arbeitslosigkeit und die Profitrate sinkt. „Jeder Unter¬
nehmer, für sich genommen, zieht Gewinn aus einem niedrigen
Lohn im Verhältnis zu seinem eigenen Produkt, aber alle zu¬
sammen leiden unter der Absatzbeschränkung, die niedrige Real¬
löhne mit sich bringt."
Überschuß an Arbeitskräften: Nehmen wir an, Bevölkerung
und Arbeitskräftepotential wachsen rascher als die Akkumula¬
tion. Die Unternehmer drücken die Löhne. Was weiter? Wenn
sie ihre Akkumulation bloß dem physischen Umfang nach auf¬
rechterhalten, so bleibt die Beschäftigung im Kapitalgütersektor
unverändert, aber die Lohnsumme dieses Sektors und damit die
Bruttoprofite im Konsumsektor sinken im selben Verhältnis wie
die Löhne. Bei vollkommener Konkurrenz sinken die Preise im
selben Verhältnis und der Reallohn bleibt —? trotz der schwachen
Verhandlungsposition der Arbeiter — unverändert. Da die Akku¬
mulationsrate auf das Wachstum der Bevölkerung nicht reagiert
hat, wachsen die Zahl der Arbeitslosen und die Arbeitslosenrate
weiter. Werden die Preise durch Kartelle hochgehalten, so ist
es noch schlimmer, denn mit niedrigeren Reallöhnen und unver¬
änderter Beschäftigung im Kapitalgütersektor sinken Absatz und
Beschäftigung im Konsumgütersektor; die Entstehung von Uber¬
kapazität im Konsumgütersektor bedeutet weniger Bestellungen
für Investitionsgüter und die Akkumulation sinkt ab. Halten
die Unternehmer die Akkumulation aber angesichts der gesun¬
kenen (Geld-)Löhne dem Wertumfang nach aufrecht, dann steigt
die Beschäftigung im Investitionsgütersektor und die Lohnsumme
hier sinkt weniger als die (Geld-)Löhne. Die Preise fallen weniger
als die (Geld-)Löhne und der Reallohn sinkt. Mit dem wachsenden
Maschinenbestand steigt die Beschäftigung im Konsumgüter¬
sektor;5 und da Maschinen jetzt (angesichts der Aufrechterhal¬
tung der Akkumulation nach Wertumfang) rascher akkumuliert
3 Mrs. Robinson gebraucht hier den Ausdruck „Quasi-Rente",
definiert als Überschuß von Verkaufserlös über laufende Produk¬
tionskosten; „Profit" ist bei ihr der Überschuß von Quasi-Rente
über Grundrente und Amortisationskosten. Leihzinsen, Dividen¬
den und die Privatausgaben (Konsum) der Unternehmer (die erst
später berücksichtigt werden) fließen aus dem so definierten
Profit. (S. 13.)
4 Vergessen wir nicht die Annahme, daß die Produktions¬
kosten unabhängig vom Produktionsumfang, also auch vom Grad
der Kapazitätsausnutzung, sind!
5 Die Produktionstechnik und damit das Verhältnis von Be¬
schäftigten und in Produktion stehenden Anlagen werden ja
zunächst als starr gegeben betrachtet!
werden, hat sich die Nachfrage nach Arbeitskräften wenigstens
teilweise dem gestiegenen Angebot angepaßt. (Hält die Akkumu¬
lationsrate aber noch immer nicht Schritt mit der wachsenden
Bevölkerungs- und Arbeiterzahl, so kann sich der Prozeß fort¬
setzen, bis die Löhne das absolute Existenzminimum erreichen.
Die Akkumulation ist dann — physisch — bei ihrer höchstmög¬
lichen Rate angelangt, und der Bevölkerungszuwachs wird durch
Malthusianisches Elend auf die entsprechende Rate beschränkt.)
Mangel an Arbeitskräften: Nehmen wir an, das Kapital wird
rascher akkumuliert als Bevölkerung und Arbeiterangebot wach¬
sen. Mit steigendem Maschinenbestand (und immer unter der
Annahme gleichbleibender Technik, also mangels irgendeiner
Mechanisierung oder Rationalisierung!) entsteht Mangel an Ar¬
beitskräften und die Unternehmer versuchen einander Arbeits¬
kräfte durch höhere Löhne abzujagen. Geben die Unternehmer
des Investitionsgütersektors sie nicht her (und erhöhen die Löhne
entsprechend), so steigen die Preise ebenso rasch oder rascher,
der Reallohn bleibt unverändert und die Akkumulation wird
behindert. Ziehen die Konsumgüterindustrien die Arbeiter aber
mit Erfolg an sich, so steigt die Lohnsumme im Kapitalgüter¬
sektor langsamer als die (Geld-)Löhne, die Konsumgüterpreise
steigen ebenfalls weniger; Reallöhne, Konsumgüterproduktion
und Konsum steigen und die Akkumulationsrate sinkt.
Der Mechanismus, wird betont, durch den die Akkumulations¬
rate sich an ein steigendes Arbeitsangebot anpaßt, funktioniert
besser, wenn die Rate schrumpfen als wenn sie wachsen soll;
ein Uberschuß an Arbeitskräften im Verhältnis zum Bestand an
Kapital entwickelt sich nur zu leicht mit nachlassenden Investi¬
tionen und um sich greifender Stagnation, während andererseits
die Unternehmer nicht daran denken, bei überschüssiger Ka¬
pazität zu akkumulieren, so daß eine im Verhältnis zu den
Arbeitsreserven zu hohe Akkumulationsrate so oder so auf jeden
Fall eingeschränkt wird.
Zusammenfassend zeitigt das Grundmodell folgende
Ergebnisse: Bei starrer Produktionstechnik, keinem Kon¬
sum aus Profiten und Anpassung des Arbeitsangebotes an
die Nachfrage ist die aus einer gegebenen Situation sich
entwickelnde Akkumulationsrate begrenzt: 1. Durch den
potentiellen Überschuß über das Existenzminimum der
beschäftigten Arbeiter; 2. innerhalb dieser Grenze durch
den Überschuß über die Reallöhne, die die Arbeiter ge¬
willt und imstande sind, zu verteidigen (indem sie bei
allfälligen Preissteigerungen sofort entsprechende Lohn¬
erhöhungen durchsetzen und so eine „Inflationsbarriere"
gegen eine Senkung der Reallöhne errichten (S. 48 und 84);
3. innerhalb dieser Grenze durch die Energie, mit der die
Unternehmer die Akkumulation betreiben; 4. (wo das
Arbeitskräfteangebot unabhängig von der Nachfrage der
Unternehmer nach Arbeitern ist) durch die Wachstums¬
rate des Arbeitskräftepotentials. Bleibt die Akkumulation
unter dieser Wachstumsrate, dann steigt die Arbeitslosig¬
keit, langfristig betrachtet.
Im weiteren werden die vereinfachenden Annahmen
der Reihe nach modifiziert. Zunächst durch Berücksichti¬
gung des technischen Fortschritts, aber noch immer unter
der Annahme starrer technischer Produktionskoeffizienten
(S. 85 bis 100), dann durch Berücksichtigung der Tatsache,
daß die Produktionskoeffizienten auch bei gegebenem
Stand des technischen Wissens keineswegs starr gegeben
sind, sondern daß es einen breiten Fächer (ein „Spektrum")
von Möglichkeiten gi'bt, Arbeit und Kapital (Arbeitskräfte
und produktive Ausrüstungen) zu kombinieren, deren je¬
weilige Auswahl und Realisierung vom herrschenden
Niveau der Reallöhne abhängt (S. 101 bis 158), und schlie߬
lich durch Betrachtung der Akkumulation unter den Be¬
dingungen sowohl des technischen Fortschritts als auch
der Wahl von verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten
von Arbeit und Kapital (S. 159 bis 172). Dabei wird er¬
örtert, welches die Bedingungen für eine stetige, harmo¬
nische, störungsfreie Entwicklung sind — und wie un¬
wahrscheinlich es ist, daß sie tatsächlich realisiert werden.
Das unerreichte Ideal des Goldenen Zeitalters
„Die erste Voraussetzung für die reibungslose Ent¬
wicklung einer fortschrittlichen Wirtschaft ist, daß der
Bestand an Maschinen (als Produktionskapazität) in einem
Tempo wächst, das der wachsenden Produktion je Ar¬
beiter angemessen ist, wobei die Konkurrenz sicherzu¬
stellen hat, daß sich die Preise im Verhältnis zu den
(Geld-)Löhnen so bewegen, daß die Produktionsanlagen
normal ausgelastet sind — das heißt derart, daß das
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