Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1960 Heft 09 (09)

seit langem war. In dem Bericht wird
auch auf die berechtigte Forderung des
niederösterreichischen Gewerbes nach
einem Ausbau des Pfuscherbekämpfungs¬
dienstes hingewiesen. Daß aber die Ein¬
führung der 45-Stunden-Woche das
Pfuscherwesen gefördert habe, wie in
dem Jahresbericht behauptet wird, muß
sehr bezweifelt werden. Ein umfang¬
reicher statistischer Anhang gibt einen
Überblick über die gewerbliche Wirt¬
schaft Niederösterreichs im Jahre 1959.
Hervorzuheben sind die anschaulichen
Diagramme und die schönen Photos aus
der Tätigkeit des Gewerbes. a n_
Ergebnisse der landwirtschaftlichen
Statistik im Jahre 1959. Herausgegeben
vom österreichischen Statistischen Zen¬
tralamt, Wien 1960, 117 Seiten, 50 Schil¬
ling. Die in dieser Studie veröffentlichten
Zahlen, die auch die Ergebnisse der nach
vierjähriger Unterbrechung wieder durch¬
geführten Rinderrassenerhebung bringt,
lassen unter anderem die Verdrängung
der Pferdekraft durch die steigende Moto¬
risierung der Landwirtschaft und die Ver¬
änderungen in der Bodennutzung er¬
kennen. Übersichtliche graphische Dar¬
stellungen ergänzen das Zahlenmaterial.
St. Z.
Das Miteigentum als Ordnungsfaktor der
modernen Industriegesellschaft. Vorträge
und Ergebnisse der Vierten gewerkschafts-
kundlichen Tagung. Herausgegeben von Jo¬
sef Taus. Schriftenreihe des Instituts für
Sozialpolitik und Sozialreform, Heft 13/1960,
72 Seiten. — Nationalrat Friedrich Hille-
geist regte auf der Tagung der Angestell¬
ten in der Privatwirtschaft vom November
1958 — nach einer kritischen Betrachtung
der Forderung der christlichen Fraktion
der Gewerkschaft auf Miteigentum der
Arbeitnehmer an den Produktionsmitteln —
eine Diskussion über diesen Fragenkom¬
plex an. Auf Grund dieser Initiative
wählte die gewerkschaftskundliche Tagung
des Instituts für Sozialpolitik und Sozial¬
reform, die im Jahre 1959 stattfand, dieses
Thema als Tagesordnungsgegenstand.
Nach einer Darstellung der Entwicklung
und der Formen des Miteigentums im
europäischen und überseeischen Ausland
(Dkfm. Dr. Bruno S. Herrmann) und einem
Referat über die Diskussion über das Mit¬
eigentum in der Deutschen Bundesrepu¬
blik, die der Mitarbeiter beim Haupt¬
vorstand der Deutschen Angestellten¬
gewerkschaft, Dr. Rupprecht Dittmar, er¬
stattete, sprachen über die Frage „Kann
das Miteigentum an den Produktionsmit¬
teln eine soziale Funktion erfüllen?" die
Abgeordneten des österreichischen Natio¬
nalrates Friedrich Hillegeist und Dr. Karl
Kummer.
Es komme in erster Linie gar nicht mehr
darauf an, sagte Abgeordneter Hillegeist,
wer der Besitzer der Produktionsmittel sei,
sondern darauf, welcher Gebrauch von die¬
sen Produktionsmitteln gemacht werde und
wieweit es möglich wäre, darauf Einfluß zu
nehmen, daß ihr Einsatz zum Nutzen der
Allgemeinheit und nicht ausschließlich
zum wirklichen oder vermeintlichen Vor¬
teil der einzelnen Eigentümer erfolge. Als
entscheidendes Problem unserer Zeit be¬
zeichnete der Referent die „Demokratisie¬
rung der Wirtschaft", von dessen richtiger
oder falscher Lösung die Gestaltung der
nächsten Zukunft abhängen werde. Der
Meinung, Mitbestimmung und Miteigen¬
tum wären vereinbar und diese Koordinie¬
rung werde noch bessere Wirkung haben,
widersprach Hillegeist, da das Miteigen¬
tum eine Unterstützung der Bestrebungen
darstelle, eine echte Mitbestimmung im
Interesse der Allgemeinheit zu verhindern.
Diesem Standpunkt gegenüber erklärte
Abgeordneter Dr. Kummer, daß die Ant¬
wort auf die Frage „Mitbestimmung oder
Miteigentum?" nur lauten könne: „Mit¬
bestimmung und Miteigentum." Erst in der
Zusammenfassung von Mitbestimmung und
Miteigentum liege der Ausgangspunkt
einer neuen gesellschaftlichen Ordnung,
einer Vervollkommnung der Demokratie.
In der den Referaten folgenden Diskus¬
sion wurden sowohl von den Referenten
als auch von dem Diskussionsredner Josef
Hindels die Standpunkte noch genauer
präzisiert. Die Tagung soll nach Wunsch
aller Teilnehmer die weitere Diskussion
über diese wesentliche Frage fruchtbarer
gestalten. R. N.
Johann Schasching: Kirche und indu¬
strielle Gesellschaft. Verlag Herder & Co.
Wien i960, 274 Seiten. — Die Katholische
Sozialakademie Wien hat mit dieser
Untersuchung die Herausgäbe einer
Schriftenreihe begonnen, die, auf Grund
der Prinzipien der Katholischen Sozial¬
lehre und unter Beachtung der Ergebnisse
der einzelnen Fachwissenschaften, zu den
gesellschaftlichen Problemen der Gegen¬
wart Stellung nehmen will. Da die Katho¬
lische Soziallehre ihre besondere Aufgabe
in der Wahrung der Werte des Menschen
innerhalb jeder gesellschaftlichen Situation
sehe, habe die Katholische Sozialakademie
vor allem anderen die Behandlung der
Frage angeregt: „Wo ist der Standort der
Kirche in der industriellen Gesellschaft?"
Es liegt im Wesen der Kirche, daß sie
sich in die jeweilige Gesellschaftsordnung
einzugestalten hat. Nun sind die festgefüg¬
ten Ordnungen der vorindustriellen
Gesellschaft in Bewegung geraten, und
die neuen Sozialstrukturen sind von der
Kirche noch nicht erfaßt. Auch die vor¬
liegende Untersuchung könne nur eine
Reihe von Folgerungen für den Standort
der Kirche in der industriellen Gesell¬
schaft geben, doch seien diese Folgerun¬
gen bei weitem für eine Soziologie der
Kirche nicht hinreichend.
Den Schlußfolgerungen, die die Unter¬
suchung zieht, sind eine Reihe von „sozio¬
logischen Röntgenaufnahmen" der indu¬
striellen Gesellschaft und eine Behandlung
von damit in Zusammenhang stehenden
Fragen vorangestellt; so die Frage des Kon¬
sums, des säkularisierten Staates, des
Managements, der Marktforschung, der
Gruppensoziologie und der Arbeiterschaft.
Als Kernfrage in der Bestimmung des
Standortes der Kirche in der industriellen
Gesellschaft betrachtet der Verfasser die
Fragen, ob diese Gesellschaft noch Struk¬
turen entwickle, die von der Kirche auf¬
genommen werden könnten, oder, wenn
das nicht der Fall sei, ob die Kirche noch
die Kraft besitze, durch ihre Präsenz und
ihre Aktivität diese Strukturen so zu
beeinflussen, daß sie mit ihr kommensura¬
bel werden, oder, falls keines von beiden
zutreffen sollte, was sonst über den Stand¬
ort der Kirche in dieser Gesellschaft aus¬
gesagt werden könnte. Eine erschöpfende
Antwort auf diese komplizierten Fragen
übersteige die Grenzen der vorliegenden
Skizze, weil dazu die nötigen Vorunter¬
suchungen und Detailstudien fehlen.
Die Beziehung zwischen Kirche und
Arbeiterschaft werde in entscheidendem
Maße von der soziologischen Situation der
Arbeiter bestimmt. Eine ganze Reihe von
Ereignissen und gesellschaftlichen Entwick¬
lungen habe die soziale Situation der
Arbeiter wesentlich beeinflußt, aber aus
dem Wandel der sozialen Situation der
Arbeiter könne man keineswegs auf das
Ende der Arbeiterschaft als gesellschaft¬
liche Großgruppe schließen.
Ein Querschnitt durch die religiöse
Situation der Arbeiterschaft zeige erstens
die negativen Aspekte, zweitens die posi¬
tiven Aspekte und drittens die Folgerun¬
gen. Zu den negativen Aspekten zählt der
Verfasser das „religionsfeindliche Erbe der
Vergangenheit", das aber im ständigen
Abbau begriffen ist, und die „Entfrem¬
dung", die den Arbeiter enger umgibt als
andere Schichten der Gesellschaft. Bei der
notwendigen Anpassung der Kirche an
die industrielle Gesellschaft darf sie ihre
Eigenart und die zu ihrem Wesen
gehörenden Zielsetzungen nicht verlieren.
Eine Form der Anpassung, bei der die
Kirche sich von einer Glaubensgemein¬
schaft zu einer sozialen Bewegung oder
einem Kulturverband wandeln würde, be¬
deutete eine Liquidierung der eigenen Exi¬
stenz. Die Kirche müsse aber wirklich
Kirche bleiben, um „jeder einseitigen Ver¬
gewaltigung und Okkupierung der Gesell¬
schaft durch ökonomische, soziale oder
kulturelle Strukturen Widerstand zu lei¬
sten".
Diese „Versuchsbohrung" — wie sich die
Arbeit selbst nennt — kann als beachtens¬
werter Beitrag zu der sehr wünschens¬
werten öffentlichen Diskussion, insbeson¬
dere über die Frage: „Kirche und Arbei¬
ter", betrachtet werden. ^
Erich Stern: Der Mensch in der zweiten
Lebenshälfte. Rascher-Verlag, Zürich 1955,
263 Seiten, 17.50 Schweizer Franken. Der
Autor betrachtet die Probleme des Alters
hauptsächlich vom psychologischen Blick¬
punkt, untersucht aber auch die körper¬
lichen Vorgänge, die mit dem Altern im
Zusammenhang stehen. Die Ergebnisse
seiner Untersuchungen stützen sich zu
einem erheblichen Teil auf Aussprachen
mit Menschen, die in die Sprechstunden
eines öffentlichen Krankenhauses kamen,
weil sie irgendwelche Altersbeschwerden
hatten. Ergänzt wurden diese Be¬
obachtungen auch durch solche außer¬
halb des Spitals und durch eine umfang¬
reiche Korrespondenz mit Patienten. Der
Autor stellte sich das Ziel, die Ent¬
wicklung des Menschen in der zweiten
Lebenshälfte bei den Menschen zu er¬
fassen, denen wir im täglichen Leben
begegnen.
Erst die Aufzeichnung der Vorgänge des
Alterns auf seelischem und körperlichem
Gebiet schaffe die Voraussetzungen der
psychischen Hygiene, deren Probleme der
Verfasser im letzten Kapitel seines auf¬
schlußreichen Buches bespricht.
Das im Anhang abgedruckte Literatur¬
verzeichnis läßt erkennen, wie stark die
Literatur über die junge Wissenschaft
„Gerontologie" schon angewachsen ist, die
Physiologie, pathologische Anatomie, Bio¬
chemie, klinische Medizin, Psychologie,
Soziologie, Volkswirtschaftslehre und
andere Wissenschaftszweige umfaßt.
—nn
Der alte Mensch in unserer Zeit. Eine
Vortragsreihe. Alfred-Kröner-Verlag, Stutt¬
gart 1958, 157 Seiten, 6 D-Mark. — Zwei in
gegensätzlicher Richtung verlaufende Phä¬
nomene sind es, die die Lage der Alten
heute kennzeichnen: die rasche Zunahme
des Anteils der oberen Altersklassen an
der Gesamtbevölkerung und die gleich¬
zeitige Abnahme der gesellschaftlichen
Nützlichkeit und der sozialen Stellung der
alten Leute, heißt es in einem der sechs
Vorträge namhafter Philosophen, deren
Ausführungen in dem vorliegenden Buch
abgedruckt sind. Im Vordergrund der Be¬
trachtungen stehen: das Altwerden als so¬
ziologisches Problem und die Altersver¬
schiebung in den letzten hundert Jahren.
Vor hundert Jahren hat ein Fünfzigjähri¬
ger als Greis gegolten. In der Deutschen
Bundesrepublik betrug Anfang der fünf¬
ziger Jahre der Anteil der fünfundsechzig
und mehr Jahre Alten an der Gesamt¬
bevölkerung 10 Prozent, in Frankreich 12,
in Großbritannien 11, in den USA 8 Pro¬
zent. Während die Alten bis vor wenigen
Jahrzehnten eine soziologisch nicht sehr
bedeutsame Gruppe waren, ist diese
Gruppe heute zu einem der Hauptpro¬
bleme der Soziologie geworden, weil es
sich um eine rascher als die Gesanjt-
bevölkerung wachsende Schicht handelt,
die nicht mehr recht in die Gesamtgesell¬
schaft hineinpaßt.
Hervorzuheben ist auch der Beitrag, der
vom Standpunkt des Psychiaters die seeli¬
schen Veränderungen im Alter bespricht.
Das Büchlein kann als Beitrag zu der noch
sehr jungen Wissenschaft vom Alter und
vom Altern (Gerontologie) betrachtet wer¬
den. ?—nn
        

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