Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1963 Heft 03 (03)

Josef Hindels
—
Vor 25 Jahren
Als Österreich von Nazideutschland
überfallen wurde
Am 13. März 1938 gab es in unserem Land keinen in¬
nenpolitischen Regimewechsel, keinen von Österreichern
herbeigeführten „Umbruch". Was sich damals ereignete,
war das Schulbeispiel einer brutalen Annexion. Die
überlegenen Militärstreitkräfte einer fremden Großmacht
überfielen ein kleines Land und verkündeten nach voll¬
zogenem Gewaltakt: Dieser Staat hat aufgehört, zu existie¬
ren; er ist für immer von der Landkarte verschwunden.
Und wie das bei Annexionen stets der Fall ist, wur¬
den die Eindringlinge nicht müde, alles zu beseitigen,
was an die Geschichte, was an die nationale Eigenart der
Unterworfenen erinnert: Sogar der Name „Österreich"
mußte verschwinden. Nichts sollte mehr darauf auf¬
merksam machen, daß auf dem Territorium des annek¬
tierten Landes einst ein selbständiger Staat existiert hatte,
dessen Bürger sich Österreicher nannten. Aber haben diese
nicht selbst die Zerstörung ihrer staatlichen Souveräni¬
tät begrüßt?
Es ist leider wahr: Eine hysterisch grölende Minderheit
der österreichischen Bevölkerung hatte damals der Ver¬
gewaltigung des eigenen Landes zugestimmt. Und die
Goebbelspropaganda hielt dieses beschämende Schauspiel
der Selbsterniedrigung in Bild und Ton fest: Damit sollte
vor allem dem Ausland bewiesen werden, wie glücklich
die Österreicher waren, daß es kein Österreich mehr gab.
Zum Symbol dieser frechen Geschichtslüge wurde das
Bild vom hakenkreuzgeschmückten Wiener Heldenplatz,
auf dem eine fanatisierte Menge dem „Führer" zujubelt.
Was die Goebbelspropaganda freilich nicht zeigte, das
waren die Transporte zehntausender österreichischer
Patrioten in die Gestapokeller, Zuchthäuser und Kon¬
zentrationslager. Und was damals vom Ausland nicht ge¬
sehen wurde, nicht gesehen werden konnte, das waren
die vielen aufrechten, anständig gebliebenen Österreicher,
die zu Hause oder im Kreis zuverlässiger Freunde um
Österreich trauerten und die braunen Horden verfluchten.
Über den Verlauf jener dramatischen Entwicklung, die
zum 13. März 1938 führte, liegen heute eine Reihe zeit¬
geschichtlicher Untersuchungen vor. Der Verfasser die¬
ses Artikels ist aber zu der Überzeugung gekommen, daß
der Bericht eines Engländers, der jede Episode selbst mit¬
erlebte, uns heute, 25 Jahre später, noch immer viel zu
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1938: Der Anfang vom Ende. Hitler und Himmler in Wien.
sagen hat, wahrscheinlich mehr als die trockene Darstel¬
lung anderer, denen das persönliche Erlebnis fehlt oder
die es verdrängt haben: Ich meine den Journalisten G. E.
R. Gedye, Verfasser des Buches: „Die Bastionen fielen".1
Wer ist dieser englische Augenzeuge unserer tiefsten
Erniedrigung? Gedye war fast zwanzig Jahre als Bericht¬
erstatter amerikanischer und englischer Zeitungen tätig.
Die letzten Jahre, bis zu seiner Ausweisung durch die
Gestapo, verbrachte er in Wien. Nach seiner Rückkehr
ereignete sich etwas merkwürdiges, an das heute zu er¬
innern, von besonderer Bedeutung ist: Der englische Ver¬
lag, der das Buch „Die Bastionen fielen" bestellt hatte,
lehnte nach Vorlage des Manuskriptes die Veröffentli¬
chung kategorisch ab.
Und die konservative Londoner Zeitung „Daily Tele¬
graph" stellte Gedye ein ungeheuerliches, allen Traditio¬
nen englischer Fairness widersprechendes, Ultimatum:
Entweder er verzichte darauf, seinen Erlebnisbericht aus
der letzten Phase der österreichischen Tragödie zu publi¬
zieren oder er verliere seine Stelle als Korrespondent des
„Daily Telegraph".
1 G. E. R. Gedye: Die Bastionen fielen. Übersetzt von Henriette
Werner und Walter Hacker, Danubin-Verlag, Wien.
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