Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1963 Heft 03 (03)

Die zweite Phase umfaßt die Jahre 1940 bis 1944. Sie
wird in der erwähnten Broschüre als „Phase der Reife
und Selbstbesinnung" bezeichnet. Ihre Träger waren —
so paradox das auch für den Uneingeweihten klingen
mag — die aus der KZ-Haft, meist nur vorübergehend,
entlassenen österreichischen Patrioten. Nur wer diese
eigenartige „Hochschulfunktion" der Konzentrationslager
kennt, wird den geistigen Reifungsprozeß der Wider¬
standsbewegung nacherleben können:
„In den Konzentrationslagern gab es in den Baracken und
Arbeitskommandos Österreicher unterschiedlicher politischer
und weltanschaulicher Herkunft. Da arbeitete in einem Stein¬
bruch ein gewesener christlichsozialer Minister neben einem
früheren sozialdemokratischen Gewerkschaftssekretär.
Und ein mit stinkendem Inhalt gefüllter Kübel mußte von
einem katholischen Priester und einem sozialistischen Schrift¬
steller getragen werden. Das gemeinsame Erlebnis der KZ-
Haft brachte diese Männer einander menschlich, bald aber
auch politisch näher.
Sie erkannten in kameradschaftlich geführten Diskussionen,
daß sie trotz aller ideologischer Unterschiede, die weder ge¬
leugnet noch verwischt wurden, etwas gemeinsam hatten:
Das Bekenntnis zu Österreich, verbunden mit dem glühenden
Wunsch, dieses Österreich möge wieder frei und unabhängig
werden."
Die verschiedenen Widerstandsgruppen haben sich be¬
müht, alles in ihrer Kraft stehende zu tun, um das krieg¬
führende Nazideutschland zu schwächen, und den Alliier¬
ten zu helfen. Diese zutiefst defaitistische Haltung der
Widerstandskämpfer war ein natürlicher Ausdruck ihres
Patriotismus, ihrer Treue zum eigenen Vaterland:
War es doch klar, daß die Niederlage Deutschlands im
Zweiten Weltkrieg die Voraussetzung für die Auferste¬
hung eines freien, unabhängigen Österreich war. Ein
guter Österreicher konnte daher unter dem Begriff
„Pflichterfüllung" nur eines verstehen: Es ist meine
Pflicht, die deutsche Kriegsführung zu schädigen, die
deutsche Niederlage zu beschleunigen. Ist doch jede „ver¬
räterische" Handlung gegen das Dritte Reich zugleich eine
patriotische Tat für Österreich.
Daß ein unter Zwang dem Todfeind des eigenen Lan¬
des geleisteter Eid von einem patriotischen Österreicher
nicht gehalten werden konnte, nicht gehalten werden
durfte, versteht sich wohl von selbst. Dieses Nicht-Ein¬
halten des Hitler geleisteten Eides spielte vor allem in der
dritten Phase des Widerstandskampfes eine wesentliche
Rolle als die Widerstandskämpfer in Teilen Österreichs
zum bewaffneten Kampf gegen die deutsche Fremdherr¬
schaft übergingen, und es einzelnen von ihnen auch ge¬
lang, mit den Alliierten noch vor Kriegsende zu verhan¬
deln, wodurch die schlimmsten Zerstörungen, insbeson¬
dere in Wien, verhindert werden konnten.
Nicht wenige Österreicher sind als Soldaten und Offi¬
ziere der deutschen Wehrmacht mit den Widerstandsgrup¬
pen im eigenen Land und mit den Nachrichtendiensten
der Alliierten in Verbindung gestanden. Manche Nieder¬
lage der deutschen Wehrmacht ist auch auf das Wirken
dieser aufrechten Österreicher, die im wahren Sinn des
Wortes ihre Pflicht erfüllten, zurückzuführen.
Wie groß die Opfer der österreichischen Widerstandsbe¬
wegung waren, konnte bis jetzt authentisch nicht festge-
X
ivr
1945: Und das war das Ende
schossene Stephansdom.
der von der SS in Brand ge¬
stellt werden. Aber aus den vorliegenden, unvollstän¬
digen Angaben ist zu erkennen, daß sie wesentlich größer
gewesen sein müssen, als ursprünglich angenommen
wurde. Die darüber informierende Literatur verdient es,
im zeitgeschichtlichen Unterricht an den österreichischen
Schulen ausführlich behandelt zu werden.2
Mit Worten kaum zu schildern ist das Leiden der jüdi¬
schen Bevölkerung im annektierten Österreich. In jenen
furchtbaren Märztagen des Jahres 1938 wurden jüdische
Frauen und Männer, Greise und Kinder öffentlich gede¬
mütigt, mißhandelt und beraubt. Der braune Pöbel zwang
Mütter und Großmütter, kleine Angestellte und angese-
1 Einen Teil dieser Dokumentation findet der Leser in dem Büch¬
lein: Das einsame Gewissen (Die NS-Justiz in Österreich und ihre
Opfer) von Maria Szecsi und Karl Stadler, Verlag Herold, Wien Mün¬
chen. Von besonderem Wert ist der Dokumentarische Anhang, der auch
Auszüge aus den berüchtigten „Richterbriefen" Thieracks enthält.
Das Büchlein wurde in der Dezembernummer 1962 von „Arbeit und
Wirtschaft" kurz besprochen.
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