Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1963 Heft 03 (03)

Ludwig Popper
Gesundheitsprobleme
im Wohlfahrtsstaat
Jede Zeit hat ihre eigenen Gesundheitsprobleme: Der
Nachtwächterstaat konnte sich noch darauf beschränken,
durch Quarantänemaßnahmen das Übergreifen von Epi¬
demien einzudämmen, eine immerhin wichtige Aufgabe
zu einer Zeit, da mehr als die Hälfte sämtlicher Todes¬
fälle durch Infektionskrankheiten verursacht wurde; und
er hat den Betrieb von Spitälern für Mittellose gefördert.
Später, im liberalen Staat um die Jahrhundertwende,
wurden umfassendere Maßnahmen notwendig. Einerseits
forderte die aufstrebende Arbeiterschaft Sicherung im
Krankheitsfall und Versorgung mit den nötigen Heil¬
mitteln, andererseits verlangte die Staatsräson, daß gegen
die laut Berichten der Assentierungskommissionen immer
mehr überhandnehmende Wehruntüchtigkeit der jungen
Arbeiter in den rasch an Größe zunehmenden Städten
Wirksames unternommen werde. So ist es kein Zufall,
daß gerade im Bismarckschen Deutschland die ersten um¬
fassenden Gesetze über Kranken- und Unfallversicherung
erlassen wurden. Österreich folgte bald nach, und später
schlössen sich die meisten anderen europäischen Länder
an.
Das neue Jahrhundert brachte die Rentenversicherung,
zuerst für die Angestellten, dann auch für die Arbeiter,
die noch viel weniger imstande waren, sich während ihres
Arbeitslebens die nötigen Beträge für die Sicherung ihres
Alters zurückzulegen.
Natürlich werden mit dem Fortschreiten der kulturellen
Entwicklung, der Erhöhung des Lebensstandards und der
Erschließung neuer und wirksamerer Behandlungsweisen
die Dinge nicht nur immer komplizierter, sondern auch
kostspieliger. Die Petroleumbeleuchtung in der Metropole
des Nachtwächterstaates war billiger als die spätere Gas¬
beleuchtung; diese reichte nicht aus und mußte durch das
elektrische Licht oder durch Neonröhren ersetzt werden,
wenn man den Erfordernissen des heutigen Großstadt¬
lebens und -Verkehrs gerecht werden wollte. Und ebenso
wie mit den Beleuchtungskosten verhält es sich mit den
Kosten einer zeitgemäßen und ausreichenden medizi¬
nischen Betreuung.
Dabei muß man auch noch berücksichtigen, daß die Ge¬
setzgebung — und das gilt natürlich auch für die Ge¬
sundheitsgesetze — der tatsächlichen sozialen Entwick¬
lung immer etwas nachhinkt. Manche unserer Sanitfits-
gesetze sind noch auf der Gaslaternenanzünderstufe ent¬
worfen worden und lassen dies deutlich erkennen. Aber
selbst unser verhältnismäßig so fortschrittliches All¬
gemeines Sozialversicherungsgesetz hat zwar die
Postulate des Jahres 1880 erfüllt: daß unsre Kinder nicht
mehr hungern und unsre Alten nicht mehr betteln gehen,
doch für viele der heute vordringlichsten Gesundheits¬
probleme hat es noch nicht die günstigste Lösung gefun¬
den.
In allen wirtschaftlich höher entwickelten Staaten sind
diese Probleme heute so ziemlich die gleichen, also mehr
solche des Wohlstandsstaates als bloß dem Wohlfahrts¬
staat eigentümlich, den man manchmal beschuldigt hat,
daß er sie erst hervorriefe.
Bevor ich auf diejenigen von ihnen eingehe, welche
heute die Ärzte und die Gesundheitspolitiker in erster
Linie beschäftigen oder beschäftigen sollten, muß ich mit
allem Nachdruck hervorheben, daß die Hebung des all¬
gemeinen Lebensstandards nicht schon automatisch zu
einer Erhöhung der Lebenserwartung führt. Dieser an¬
scheinend fast unausrottbare Irrtum beruht auf einer Ver¬
kennung der Tatsache, daß die statistisch berechnete mitt¬
lere Lebenserwartung in erster Linie von der Höhe der
Säuglingssterblichkeit beeinflußt wird. Als vor etwa
200 Jahren noch 60 von 100 Neugeborenen innerhalb des
ersten Lebensjahres starben, hätte die mittlere Lebens¬
erwartung dieser Generation bloß 36 Jahre betragen, auch
dann, wenn die 40 Überlebenden alle ein Alter von 89 bis
90 Jahren erreicht hätten. Wenn jetzt nur noch höchstens
5 Prozent unserer Neugeborenen im ersten Lebensjahr
sterben, so besagt eine mittlere Lebenserwartung von
66 Jahren durchaus nicht, daß diejenigen, die heute
ungefährdet über die Säuglingsperiode hinwegkommen,
die von der Tuberkulose und anderen Infektionskrank¬
heiten der jüngeren Altersgruppen verschont bleiben, nun
auch tatsächlich älter werden als ihre Väter oder Gro߬
väter, die vor 30 oder 60 Jahren das gleiche Glück hatten.
Es läßt sich vielmehr sehr genau statistisch nachweisen —
und ich habe hierüber bereits in einem früheren Artikel
berichtet —, daß die Lebenserwartung der 60jährigen
Männer bei uns und in Deutschland, aber auch in
Schweden und in den USA im letzten Jahrzehnt sich
verschlechtert hat.
Überalterung
Wenn man das Problem der Überalterung also nur aus
dem Gesichtspunkt betrachtet, daß die Menschen jetzt
eben erfreulicherweise um 20 bis 25 Jahre länger leben
als früher, so geht man nicht nur von einer bestenfalls
bloß teilweise richtigen Grundvoraussetzung aus, sondern
man verliert auch den Blick für die wirklichen Zusammen¬
hänge.
Wenn heute in Österreich und ähnlich, wenn auch nicht
so ausgeprägt, in vielen anderen europäischen Ländern,
die Überalterung besonders deutlich ist, so liegt dies vor
allem daran, daß jetzt die sehr geburtenstarken Jahr¬
gänge der Zeit bis zum ersten Weltkrieg im Rentenalter
sind oder sich ihm nähern, während bloß — oder über¬
wiegend — die zeitweilig äußerst dünn besetzten und
durch den zweiten Weltkrieg noch überdies dezimierten
19
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.