Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1963 Heft 03 (03)

Jahrgänge der Zwischenkriegszeit im Arbeitsleben stehen,
tine Besserung im Aufbau dieser ungünstigen Alters¬
pyramide wird erst ab etwa 1980 eintreten und damit
wird automatisch eine gewisse Entlastung des Pensions¬
aufwandes erfolgen.
Der Fehler, der zur heutigen ungünstigen Situation
geführt hat, liegt in der vollkommen passiven Bevölke¬
rungspolitik im ersten Drittel dieses Jahrhunderts. Para¬
doxerweise besteht nämlich die beste bevölkerungs¬
politische Maßnahme zur Bekämpfung der Überalterung
in einer Steigerung der Geburtenzahl. Als erstes west¬
europäisches Land hat dies Frankreich erkannt, wo ja
auch infolge der niedrigen Geburtenquote die Über¬
alterung stärker war als in anderen Ländern. Hohe Kinder-
und Familienbeihilfen haben seit 1944 die Geburtenzahlen
in diesem Land, dem seine Nachbarn „Volkstod" und
„Vernegerung" prophezeiht hatten, hinaufschnellen und
zeitweilig den mitteleuropäischen Durchschnitt weit über¬
schreiten lassen. Jetzt können die französischen Bevölke¬
rungspolitiker darauf hinweisen, daß die starke Über¬
alterung bis spätestens 1980 (unveränderte Gesundheits¬
verhältnisse vorausgesetzt) ausgeglichen sein wird, und
sie gehen nun daran, die bisherigen Maßnahmen durch
eine aktive Alterspolitik zu ergänzen, deren Grundlagen
in einem sehr umfassenden Bericht einer ministeriellen
Untersuchungskommission herausgearbeitet wurden. Vor¬
gesehen sind — und diese Empfehlungen könnten selbst¬
verständlich auch für unsere Situation gelten:
a) Vorbeugung der Alterskrankheiten durch Gesundheits¬
überwachung und durch Belehrung, die sich sowohl
auf die Ärzte wie auf die Patienten zu erstrecken hätte;
b) medizinische und fürsorgerische Maßnahmen, ein¬
schließlich Heimhilfe;
c) Spezialambulatorien und Tagesspitäler;
d) geriatrische Kliniken und Abteilung für Betreuung der
Kranken sowie für Ausbildung geeigneten Personals
und für Forschung;
e) Rehabilitationsmaßnahmen in viel weiterem Umfang
als bisher.
Rentenproblem und Frühinvalidität
Hier begeben wir uns auf ein besonders heißumstrit¬
tenes Gebiet: was für den einen Sozialleistungen sind,
sind für den anderen Soziallasten. Über die Frage, wo
hier die Grenzziehung zu erfolgen hat, wird heftig
debattiert und man hört die eigenartigsten Ansichten so¬
wohl über die Festsetzung des normalen Rentenalters
als auch über die Frühinvalidität, über die Tatsache also,
daß eine größere Anzahl von Menschen schon mehr oder
weniger lange vor Erreichung der im Gesetz vorgesehenen
Altersgrenze aus dem Arbeitsprozeß ausscheiden.
Ein bekannter deutscher Sozialmediziner und Medi¬
zinalstatistiker hat vor einiger Zeit in einem Radiovor¬
trag gemeint, die Frühinvalidität sei im wesentlichen eine
Frage der Arbeitslust (wenn jemand also nicht mehr
arbeitsbereit sei, so strebe er eine Rente an), und die
Arbeitslust, die nicht nur von äußeren Umständen beein¬
flußt werde, sondern selbstverständlich auch von ererbten
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