Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1963 Heft 03 (03)

Internationale Umschau
Viereinhalb Jahre nachher
Am 14. Juli 1953 stürzte General Abd
el-Kerim Kassem im Irak die Monar¬
chie. Nun erlitt er das gleiche Schick¬
sal wie damals König Feisal II. Über
den Sender Bagdad versprach seiner¬
zeit Kassem dem Volk ein Leben frei
von Ungerechtigkeit und Rückständig¬
keit. Die Militärdiktatur wurde jedoch
mit den wirtschaftlichen und politischen
Problemen des zwischen dem Iran, der
Türkei, Syrien, Jordanien, Saudiara¬
bien und Kuweit liegenden Landes
nicht fertig.
Besonders abscheulich war die Form
des Kampfes gegen den freiheitslieben¬
den Volksstamm der Kurden. Da die
Armee die in ihren Bergen kaum be¬
siegbaren Kurden nicht bezwingen
konnte, ließ Kassem die von Kindern,
Frauen und alten Männern bewohnten
Dörfer mit modernen Kampfflugzeugen
angreifen.
Nun meldete Radio Bagdad den Tod
des Tyrannen. Das Fernsehen zeigte,
um jeden Zweifel am Tod Kassems aus¬
zuschalten, in Großaufnahme den er¬
schossenen General. Ein Gericht hatte
ihm vor dem Todesurteil lediglich eine
lange Liste von Namen gezeigt und ge¬
fragt, warum er all diese Männer habe
töten lassen.
Ein Jahrhundert Technik
überspringen
Am 5. Februar war in Genf die erste
Arbeitssitzung einer Konferenz der Ver¬
einten Nationen über Fragen der Wis¬
senschaft und Technik. Dabei erklärte
der Generaldirektor der Internationalen
Atomenergie Organisation (IAEO), Sig-
bard Eklund, der Energieverbrauch pro
Kopf der Bevölkerung sei ein guter
Maßstab für den Entwicklungsstand
eines Landes. In einigen Entwicklungs¬
ländern betrage der Energieverbrauch
pro Kopf der Bevölkerung noch immer
weniger 'als ein Hundertstel des Ver¬
brauches in den hochindustrialisierten
Ländern.
Die Weltreserven an herkömmlicher
Energie (Kohle, Erdöl, Erdgas, Wasser¬
kraft und Holz) könnten in der zwei¬
ten Hälfte des nächsten Jahrhunderts
erschöpft sein. Große Kernkraftwerke
werden aber noch während dieses Jahr¬
zehnts gegenüber den herkömmlichen
Kraftwerken wirtschaftlich konkurrenz¬
fähig werden. Gegen Ende unseres
Jahrhunderts werde — meinte Eklund
— ein großer Teil der Energie durch
Kernspaltung gewonnen werden. Die
Entwicklungsländer hätten es nicht
nötig, auf ihrem Weg zur Industriali¬
sierung dem von den fortgeschrittenen
Ländern vorgezeichneten Pfad zu fol¬
gen. Der Flugverkehr könne eine Eisen¬
bahnlinie überflüssig machen, eine
Kurzwellenverbindung könne geeigne¬
ter sein als eine Telephonlinie.
Sorgen der Staatsdiener
in Deutschland
Vor einigen Wochen versuchten in der
Bundesrepublik Deutschland die Post¬
beamten und die Eisenbahner durch „Ar¬
beit genau nach Vorschrift" ihren ge¬
werkschaftlichen Forderungen ein wenig
stärkeren Nachdruck zu verleihen. Die
Aktionen „Igel" und „Adler" warfen eine
Streitfrage auf. „Dürfen Beamte strei¬
ken?" fragte Theodor Eschenburg in der
Wochenzeitschrift „Die Zeit". Er forderte,
„daß rechtzeitig organisatorische, tech¬
nische, administrative und gesetzgebe¬
rische Maßnahmen vorbereitet und ge¬
troffen werden müssen, damit Kampf¬
aktionen gleicher oder ähnlicher Art von
vorherein verhindert werden können".
Das einzig freundliche an diesem Artikel
war der Hinweis darauf, daß die passive
Resistenz im öffentlichen Dienst unter
dem Motto „Diensterfüllung streng nach
Vorschrift" wahrscheinlich eine österrei¬
chische Erfindung aus der Zeit vor dem
ersten Weltkrieg sei.
Argentinien
Ein Erlaß der argentinischen Regie¬
rung, vom 4. September verbietet Streiks
im öffentlichen Dienst. Gewerkschafts¬
führer, die sich der Zwangsschlichtung
nicht unterwerfen, können abgesetzt
werden. Die IBFG forderte die argen¬
tinische Regierung auf, die Gewerk¬
schaftsrechte wieder herzustellen.
Italien
Fast alle unter den 46.000 Regierungs¬
bediensteten, gegen die wegen ihrer Be¬
teiligung am Streik von 1960 ein Dis¬
ziplinarverfahren eingeleitet wurde, sind
wieder eingestellt. Es waren mehr als
2000 Bedienstete und mehr als 2000
Hilfsangestellte entlassen worden. Aus
dem Streik haben sich 244 strafrechtliche
Verfolgungen wegen Aufruhrs, Gewalt¬
tätigkeit oder Einschüchterung ergeben.
Offiziellen Angaben zufolge betrugen die
Verluste der Streikenden und ihrer An¬
hänger fünf Tote und 48 Ver¬
letzte. Unter den Opfern der Gegen¬
seite befanden sich 172 Polizisten und
29 Freiwillige.
Indien
Die Indische Bundesregierung kündete
an, sie werde dem Parlament demnächst
eine Gesetzesvorlage über die Schaffung
von Paritätischen Verhandlungsaus¬
schüssen im Regierungsdienst vorlegen.
Von solchen Ausschüssen erhofft sich die
indische Regierung friedliche Arbeitsbe¬
ziehungen im Bundesdienst. Von dem
Plan, ein gesetzliches Streikverbot für
Regierungsbedienstete zu verlangen, ist
die Regierung abgekommen.
Kein Streikverbot
Die indische Gewerkschaftszentrale
INTU erklärte auf ihrem dreizehnten
Kongreß in Kalkutta im Juni: Streiks
können niemals durch Gesetzgebung ver¬
mieden werden, sondern nur dadurch,
daß man sie überflüssig macht, und zwar
indem man andere Möglichkeiten auf¬
zeigt. Das kann dadurch geschehen, daß
man Konflikte durch in aufrichtiger Hal¬
tung geführte Verhandlungen beigelegt
oder, falls diese nicht zum Ziele führen,
durch ein Schlichtungs- und Schieds-
wesen. Die heutige Gesetzgebung sieht
bereits solch ein Verhandlungswesen
vor. Was jetzt nötig ist, ist eine Gesin¬
nungsänderung auf beiden Seiten und
die Bereitschaft der Regierung, von be¬
reits vorhandenen gesetzlichen Einrich¬
tungen Gebrauch zu machen, wenn sich
Konflikte nicht auf dem Verhandlungs¬
wege lösen lassen. Die Bediensteten
würden dies einem Streik vorziehen, der
damit sinnlos wäre.
Vermischtes
4111 neue Leben
In der ganzen Welt zitterten während
des Algerienkrieges Mütter um ihre mit
Gewalt und List oder Versprechungen
zur französischen Fremdenlegion „ge¬
worbenen" Söhne. Tausenden Müttern
half der algerische Rückführungsdienst
für Fremdenlegionäre, der Deserteure
aus der Fremdenlegion auf sicheren Pfa¬
den in die Heimat führte. Im Verlauf
seiner sechsjährigen Tätigkeit brachte
der Rückführungsdienst 4111 Fremden¬
legionäre nach Hause. Darunter waren
2783 Deutsche und auch 31 Österreicher.
Streiks
Der Streik der Hafenarbeiter an der
amerikanischen Ostküste und am Golf
von Mexiko ging Ende Jänner nach
einer Dauer von mehr als einem Monat
mit einem Teilerfolg zu Ende. Der Ar¬
beitskonflikt, der das Erscheinen der
neun großen New-Yorker Tageszeitun¬
gen verhindert, dauert bei Redak¬
tionsschluß noch an.
700 Millionen
Noch immer zählt die Welt 700 Mil¬
lionen Erwachsene, die nicht lesen und
nicht schreiben können. Zwei von fünf
erwachsenen Bewohnern der Erde sind
noch immer Analphabeten.
Fred Duval
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