Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1966 Heft 06 (06)

sehen Geist, wenn auch nicht dem marxistischen Buch¬
staben folgend.
Otto Bauer — ein verhinderter Pluralistt
Es ist leicht erklärlich, daß die pluralistischen Ideen
in der kontinentalen Sozialdemokratie der Zwischen¬
kriegszeit nur ein schwaches Echo hervorriefen. Die
herrschende Tradition war staatssozialistisch fixiert, das
theoretische Ansehen der nichtmarxistischen Labour-
Party nahezu null Dazu kam bald die Verschärfung der
politischen Lage, die dem Verständnis für diese auf
altem demokratischem Boden gewachsenen Fragestellun¬
gen alles andere als günstig war. Und doch gab es Aus¬
nahmen. Einer von denen, die den ganz und gar unmar¬
xistischen Cole mit seinen teilweise naiven Vorstellun¬
gen nicht beiseite schoben, sondern im Gegenteil sehr
ernst nahmen, war Otto Bauer.
Bauers Interesse für den „Gildensozialismus" rührte
aus seiner Beschäftigung mit den Erfahrungen der rus¬
sischen Revolution, die ihm die ganze Tragweite des un¬
gelösten Staatsproblems im Sozialismus zum Bewußtsein
brachten. Er erkannte, daß jeder Versuch einer Organi¬
sation der gesamten Wirtschaft durch eine staatliche
Bürokratie in den Massen nur Haß gegen einen solchen
„allmächtigen, alle Lebensregungen des einzelnen regle¬
mentierenden, alle persönlichen Freiheiten beengenden
Staat" erwecken könne2. Die Reaktion gegen den
Staatssozialismus würde in der Arbeiterschaft einen
neuen Pendelschlag zum überwunden geglaubten Syndi¬
kalismus auslösen, der aber ebenfalls keiner Lösung der
wirtschaftlichen Organisationsprobleme des Sozialismus
fähig sei. Der „Gildensozialismus" schien ihm der frucht¬
barste Ansatzpunkt zur Überwindung des Dilemmas
Staatssozialismus — Syndikalismus zu sein. Ebenso akzep¬
tierte er den Grundsatz, daß man auch in einer sozialistisch
regierten Demokratie den Interessenvertretungen der
Minderheiten — etwa der Bauern, Gewerbetreibenden,
freien Berufe — politischen Einfluß und volle Organisa¬
tionsfreiheit einräumen müsse. Wäre Bauers Lebenswerk
unter einem freundlicheren Stern gestanden, hätte ihm die
Geschichte den Ausblick auf eine Perspektive der fried¬
lichen demokratischen Entwicklung vergönnt, ist es viel¬
leicht nicht abwegig zu vermuten, daß er der führende
österreichische Theoretiker des Pluralismus geworden
wäre. Das Schicksal wollte es anders. Doch lassen sich erste
pluralistische Tastversuche sehr deutlich in dem mit sei¬
ner Hilfe erarbeiteten gemeinwirtschaftlichen Konzept der
österreichischen Sozialdemokraten mit seinem dreiglied¬
rigen Aufbau (Mitspracherecht der Öffentlichkeit, der
Arbeiterschaft und der Konsumenten) erkennen. Im Pro¬
gramm der SPÖ aus dem Jahre 1958 wurden diese Ver¬
suche weitergeführt und systematisiert.
Pluralismus der Machtblöcke
Wie es häufig in der Geschichte der Ideen zu geschehen
pflegt, strahlten auch die pluralistischen Ideen in die ver¬
schiedensten Richtungen aus und gingen die verschieden¬
sten Kombinationen mit der Soziologie und Ideologie unse¬
rer Zeit ein. Da sie nie ein geschlossenes System oder
1 Die hier behandelten Gedanken sind, wie auch das Zitat, Otto
Bauers Schrift „Bolschewismus und Sozialdemokratie" (1921) entnom¬
men.
8 Henry S. Kariel, »The Decline of American Pluralism", Stanford,
1961.
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