Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1966 Heft 06 (06)

Lehrgebäude bildeten, passen sie in die verschiedensten
geistigen Schubladen. In Amerika war es das soziologische
Instrumentarium, das mit größter Bereitschaft aufgenom¬
men wurde, während das demokratische Leitmotiv in den
Hintergrund gedrängt wurde. Zudem vertrug sich dieses
Instrumentarium ausgezeichnet mit einer ganzen Reihe
von zentralen Interessen der amerikanischen Soziologie,
wie zum Beispiel mit der Gruppendynamik und mit dem
in der theoretischen Sozialwissenschaft vorherrschenden
Trend des Funktionalismus.
Im englischen Pluralismus bezieht die „Gruppe", als
Idealtyp gesehen, ihre Legitimität aus ihrer gesellschaft¬
lichen Funktion und aus ihrer Fähigkeit zur Selbstbestim¬
mung, die amerikanische pluralistische Soziologie fragt
nicht nach der Legitimität, sondern begnügt sich mit dem
Nachweis der Existenz. Sie interessiert sich nicht für
Ordnungsprinzipien einer künftigen Gesellschaft, sondern
für die gegebenen Interessengruppen, Machtblöcke und
wirtschaftlichen Verfügungsgewalten, die sie alle als
„soziale Teilmächte" gleicher Ordnung und gleicher Exi¬
stenzberechtigung betrachtet. Auf diese Weise konnte der
Nachweis nicht schwerfallen, daß etwa die amerikanischen
Machtverhältnisse mit ihrem starken föderalistischen und
lokalistischen Einschlag, ihren wohlorganisierten Unter¬
nehmerverbänden, Gewerkschaften, einflußreichen Zweck¬
organisationen, Lobbies usw. schon heute weitgehend dem
pluralistischen Modell der „Machtdiffusion" entsprechen.
Ja sogar die großen Konzerne selbst scheinen in manchen
dieser Darstellungen als Machtträger im pluralistischen
Sinn auf. Es ist ein Pluralismus, der auf das Prinzip des
Interessenausgleichs zwischen Machtblöcken reduziert ist.
Man kann darüber diskutieren, wieweit in diesen
Analysen die Wirklichkeit der modernen kapitalistischen
Industriegesellschaft enthüllt und wieweit sie verhüllt
wird. Unübersehbar aber ist der apologetische Charakter
eines großen Teils der Literatur, die sich auf ihre Ergeb¬
nisse stützt. Was hier propagiert wird, ist letztlich eine
nüchtern-harte Managerideologie, die sich übrigens — und
auch das darf nicht unerwähnt bleiben — mit kleinen
Akzentverschiebungen für sozialistische Manager ebenso
gut eignet wie für kapitalistische.
Gegen diesen Pseudopluralismus polemisierend, weist
H. Kariel3 mit Recht darauf hin, daß gerade jene priva¬
ten Verbände, die nach ursprünglicher pluralistischer
Auffassung das Individuum gegen den Machtmißbrauch
durch den Staat schützen sollten, heute selbst Zwangs¬
charakter angenommen haben und nicht selten tyran¬
nischer sind als der Staat. So sei heute in Amerika, im
Gegensatz zu dem, was Laski dachte, die persönliche Frei¬
heit bei der Zentralgewalt besser aufgehoben als bei den
lokalen Gewalten und den Verbänden. Diese Warnung vor
einer allzu undifferenzierten Idealisierung der „Auto¬
nomie" privater Gruppen ist sicher nicht unberechtigt. Es
gibt keine demokratische Institution, die ohne demokra¬
tische Gesinnung funktionieren kann.
Klassengesellschaft und Wirklichkeit
Daß die Zielvorstellungen einer pluralistischen Demo¬
kratie — und nur von dieser ist hier die Rede — nicht als
<3
Immer noch die weite Spanne von Luxus und Elend: Hoff¬
nungslose Bewunderung vor einem Pariser Schaufenster.
antisozialistisch verworfen werden können, sollte nach
dem Gesagten hinreichend klar sein. Ebenso klar dürfte es
sein, daß sie in entscheidenden Punkten im Gegensatz zur
klassischen marxistischen Tradition stehen. Vielleicht am
deutlichsten tritt die Scheidung der Geister — wie bereits
mehrfach angedeutet wurde — in der Frage nach dem
Klassencharakter unserer Gesellschaft und nach der Per¬
spektive einer „klassenlosen Gesellschaft" zutage. Dabei
steht natürlich die Tatsache, daß den Klassengegensätzen
im allgemeinen und dem Gegensatz zwischen Unter¬
nehmern und Arbeitern im besonderen überragenda
Bedeutung für die Analyse der gesellschaftlichen Realität
zukommt, außer Streit. Was dem pluralistischen Ansatz
widerstrebt, ist jedoch die dem Marxschen Denken imma¬
nente Reduktion aller Gegensätze auf den einzigen großen,
alle übrigen gesellschaftlichen Beziehungen durchdringen¬
den Klassengegensatz zwischen Proletariern und Kapi¬
talisten sowie die damit verbundene Konzentration auf die
Eigentumsverhältnisse als Hebel zur Aufhebung der
Klassengesellschaft. So steht die marxistische Gretchen¬
frage an den Pluralisten: „Wie hältst du's mit der Klassen¬
gesellschaft?" zu Recht. Leider kann die Antwort nicht so
einschichtig unkompliziert sein wie die der Frage zugrunde
liegenden Vorstellungen.
Geht man von Marxschen Definitionen aus, gehen alle
Gleichungen des Systems auf. Eigentümer von Produk¬
tionsmitteln bilden die kapitalistische Klasse, Verkäufer
ihrer Arbeitskraft oder Lohnempfänger die Arbeiterklasse.
Zwischen ihnen ist, wenn wir von der schwindenden
Klasse der kleinen Warenproduzenten absehen, nichts.
Bauer? Arbeiter? Gewerbetreibender? „Kapitalist" oder „Prole¬
tarier"? Die Zuordnung wird nicht leicht fallen. (Auf der
Wiener Messe.)
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