Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1966 Heft 06 (06)

? Gewerkschaftliche Rundschau
fertigt hohen Lohnsteuerprogression.
Dies solle vor allem durch höhere Frei¬
beträge für Arbeitnehmer geschehen.
Die Gewerkschafter haben nichts
gegen sogenannte Wachstumsgesetze
einzuwenden, da ja die Forderung nach
größerem Wirtschaftswachstum an der
Spitze der wirtschaftlichen Wünsche
des Gewerkschaftsbundes stehe. Nur
wenn wir alle mehr schaffen, können
wir durch unsere Mitbestimmung einen
entsprechenden Anteil am größeren
Sozialprodukt erreichen. Aber die
Wachstumsgesetze dürften nur echte
Investitionen fördern.
Zu den angekündigten Erhöhungen
des Benzinpreises und der Bahntarife
meinte Benya, er befürchte, daß daraus
eine neue Welle von Preiserhöhungen
entstehen könnte. Die Gewerkschaften
müßten jedenfalls die kommende Ent¬
wicklung auf diesem Gebiet sehr ge¬
nau im Auge behalten.
Unter den sozialpolitischen Forde¬
rungen der Gewerkschafter hob Benya
die Forderung nach einem modernen
Arbeitszeitgesetz hervor, das auch die
schrittweise Herabsetzung der Wochen¬
arbeitszeit auf vierzig Stunden enthal¬
ten solle.
Segensreicher Kraftfahrerfonds
Den Tätigkeitsbericht erstattete Zen¬
tralsekretär Anton Peham. Während
die Erfüllung eines der wichtigsten
sozialpolitischen Wünsche der Gewerk¬
schaft, die Angleichung der sozialen
Bestimmungen für Arbeiter an die der
Angestellten, wohl noch einige Jahre
brauchen werde, habe die Gewerkschaft
in dieser Frage schon einige Erfolge er¬
zielt. So konnte im vergangenen Jahr
kollektivvertraglich für Handelsarbei¬
ter erstmals eine Abfertigung erreicht
werden. Gewisse Erfolge, zum Beispiel
beachtliche Pensionszuschüsse, konn¬
ten aber auch in anderen Berufsgrup¬
pen erzielt werden.
Große Erfolge für die Mitglieder er¬
zielte die Gewerkschaft auf dem Gebiet
des Rechtsschutzes. Zum Teil durch das
Arbeitsgericht, zum Teil durch Inter¬
ventionen kamen von 1962 bis 1965
mehr als 1,7 Millionen Schilling herein.
Das sind aber bloß die statistisch er¬
faßten Beträge! Als äußerst segensreich
habe sich die Tätigkeit des Kraftfah¬
rerfonds erwiesen. (Er schützt vor
allem vor den materiellen Folgen im
Falle von Rechtskonflikten.) Die Ab¬
sicht, den Tätigkeitsbereich des Kraft¬
fahrerfonds über den Kreis der Be¬
rufskraftfahrer hinaus zu erweitern,
sei aber leider am Widerstand der Auf¬
sichtsbehörde gescheitert.
Besonders stolz sei die Gewerkschaft
auf die Leistungen aus dem Karl-
Weigl-Fonds. (Übrigens war Karl
Weigl selbstverständlich Ehrengast des
Gewerkschaftstages.) Aus dem Fonds,
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Delegierte aus Oberösterreich stimmen
ab
der seinen Namen trägt, werden alten
Kollegen und Kolleginnen, die sich oft
ihr Leben lang für die Organisation
eingesetzt haben, Landaufenthalte
finanziert.
Schließlich kam Kollege Peham auch
auf den Mitgliederstand zu sprechen,
der von 1962 bis 1965 um rund 300 auf
25.611 gesunken ist. Er wies darauf hin,
daß in einigen Berufszweigen die Be¬
schäftigtenzahl zurückgegangen ist, be¬
dauerlicherweise gerade bei solchen,
wo die Gewerkschaft eine ausgezeich¬
nete Organisation besitzt. Die Gewerk¬
schaft müsse dies durch verstärkte
Werbe- und Aufklärungsarbeit unter
den Unorganisierten auszugleichen
trachten.
Wenn nach neuen Formen der Wer¬
bung gesucht werde, so sei dabei nicht
daran gedacht, die kommerzielle Wer¬
bung nachzuahmen. Es werde auch
notwendig sein, zu studieren, wie in
anderen Ländern für die Gewerkschaft
geworben wird.
Behinderte sind keine
Almosenempfänger
Auf ein offenes Problem der Sozial¬
politik wies der leitende Angestellte des
Hauptverbandes der österreichischen
Sozialversicherungsträger, Dr. Reinhold
Melas, hin, als er über die sozialpoli¬
tische Entwicklung referierte. Es han¬
delt sich um die körperlich oder geistig
Behinderten. Österreich habe dabei
ein denkbar primitives System, indem
es solche Behinderte, wenn sie nicht
sozialversicherungspflichtig waren, ein¬
fach der Fürsorge zuweise. Wie man
dieses Problem lösen könne, zeige in
vorbildlicher Weise Holland, wo die
geistig oder körperlich Behinderten
nicht als Almosenempfänger gelten,
sondern wo in 200 geschützten Werk¬
stätten an die 30.000 von ihnen produk¬
tive Arbeit leisten.
Schwerste Bedenken erhob der Vor¬
tragende gegen die Absicht, größere
Mittel der Krankenversicherung für
Zwecke der Spitalserhaltung abzu¬
zweigen. In der Regierungserklärung
gebe es einen orakelhaften Satz, dem
man diese Absicht entnehmen könne.
Die Erhaltung der Spitäler sei jedoch
Aufgabe der öffentlichen Gesundheits¬
verwaltung. Wenn die Krankenver¬
sicherung größere Beträge dafür auf¬
bringen müßte als bisher, so müßte sie
bei den Ärztehonoraren, bei den Aus¬
gaben für Medikamente und bei den
freiwilligen Leistungen bedeutende
Einschränkungen vornehmen.
Preisauftrieb eindämmen
Eine Resolution des Gewerkschafts¬
tages enthielt wirtschaftliche und
sozialpolitische Wünsche. Im ersten
Teil wurden vor allem Maßnahmen
gegen den Preisauftrieb, für die Siche¬
rung der Vollbeschäftigung und Ge¬
rechtigkeit für die Lohnsteuerzahler ge¬
fordert. Der zweite Teil der Resolution
verlangte unter anderem die Aufhe¬
bung der Ruhensbestimmungen nach
§ 94 des ASVG, besseren Entlassungs¬
schutz für länger kranke Arbeiter,
Kündigungsschutz für Ersatzbetriebs¬
räte während der ganzen Funktions¬
dauer und Personalvertretungsvor¬
schriften für öffentliche Unterneh¬
mungen.
Zum Vorsitzenden wählte der Ge¬
werkschaftstag Johann Roposs, zum
ersten Vorsitzendenstellvertreter (und
gleichzeitig zum Geschäftsführer) Karl
Hosztynek, zum zweiten Vorsitzenden¬
stellvertreter Anton Wladar und zum
dritten Vorsitzendenstellvertreter Fried¬
rich Geihsler.
Unter den aus den Leitungsorganen
der Gewerkschaft scheidenden Kollegen
waren auch Oskar Deubler und Wil¬
helm Svetelsky, der zwölf Jahre lang
die Funktion des Vorsitzenden inne¬
gehabt, aber schon vor geraumer Zeit
seinen Abschied angekündigt hatte.
Beiden Kollegen bereitete der Gewerk¬
schaftstag herzliche Beifallskund¬
gebungen. f. d.
Berichtigung
Im Artikel „Erinnerung an die
Wiener Arbeiterhochschule", Arbeit
und Wirtschaft 2/66, Seite 24, wurde
das Geburtsjahr von Major Eifler irr¬
tümlich mit 1890 angegeben. Richtig ist
1888.
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