Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1966 Heft 06 (06)

Eduard März sind auf ausländische Einflüsse und welche auf Besonder¬
heiten der österreichischen Szenerie zurückzuführen?
Die Ursachen der Abschwächung
Das Abc
der Wachstumspolitik
Zu Anfang der sechziger Jahre ist einmal — in den
Spalten dieser Zeitschrift — die Befürchtung ausge¬
sprochen worden, daß für Westeuropa die „sieben mageren
Jahre" begonnen haben mögen. In der Tat waren in den
meisten westlichen Ländern in den letzten Jahren
Wachstumsraten zu verzeichnen, die nur ausnahmsweise
den Durchschnitt der fünfziger Jahre erreichten oder gar
übertrafen. Die Verlangsamung des westeuropäischen
Wirtschaftswachstums ist um so auffallender, als sich in
der gleichen Zeit in den Vereinigten Staaten die ent¬
gegengesetzte Tendenz durchgesetzt hat.
Die Abschwächung des Wirtschaftswachstums ist frei¬
lich, wie das Beispiel einiger Länder (Belgien, Schweden,
Norwegen, Dänemark usw.) beweist, kein unentrinnbares
Fatum. Wachstumsraten von fünf und mehr Prozent
fallen nicht wie das biblische Manna vom Himmel herab,
sondern müssen mit Hilfe geeigneter wirtschafts¬
politischer Instrumente systematisch erarbeitet werden.
Die verschiedenen Varianten der westlichen Program¬
mierung sind so nichts anderes als ein Versuch, die wirt¬
schaftlichen Hilfsmittel eines Landes in einer für die
optimale Entfaltung der Volkswirtschaft zweckent¬
sprechenden Weise einzusetzen.
Auch in Österreich haben die „mageren Jahre" schon
eine geraume Weile gedauert. Wie die folgenden Daten
zeigen, ist es in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre
zu einer leichten Abschwächung des wirtschaftlichen
Wachstums gekommen. Aber in dieser Periode befand sich
Österreich noch immer in der Spitzengruppe der west¬
europäischen Wachstumsliga. Es war so in der Lage, seinen
Abstand gegenüber den reicheren westeuropäischen
Kleinstaaten schrittweise zu verringern. In den sechziger
Jahren hat sich aber das Expansionstempo der öster¬
reichischen Wirtschaft derart verlangsamt, daß wir Ge¬
fahr laufen, zu Nachzüglern der europäischen Konjunktur
zu werden.
Das Wachstum des österreichischen Bruttonational-
produkts (Jahresdurchschnitt)
1950—1955 1955—1960 1960—1965
6,1% 5,2°/o 4,1%>
Was erklärt die verlangsamte Gangart der österreichi¬
schen Wirtschaft? Welche Ursachen der Abschwächung
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Es bedarf wohl keines näheren Hinweises darauf, daß
der Wiederaufbau der österreichischen Volkswirtschaft
schon zu Anfang der fünfziger Jähre im wesentlichen ab¬
geschlossen war. Auch vom Nachholbedarf gehen seit ge¬
raumer Zeit keine nennenswerten wirtschaftlichen Impulse
mehr aus.
Die Phase, in der die österreichische Volkswirtschaft
starke Wachstumsimpulse aus dem Import der ausländi¬
schen Technologie empfing, dürfte zwar bis tief in die
fünfziger Jahre gewährt haben. Aber diese Impulse
fließen heute viel spärlicher — ein Umstand, der nicht
auf das Versiegen des Stromes von Neuerungen zurück¬
zuführen ist, sondern auf die Schwierigkeit ihrer unmittel¬
baren Anwendbarkeit auf die österreichischen Ver¬
hältnisse. Es ist deshalb klar, daß sich Österreich auf dem
Gebiete der Forschung und Entwicklung einer gewissen
Selbständigkeit und Initiative — etwa nach dem Muster
Schwedens oder der Schweiz — befleißigen müßte. Man
kann auf die Dauer nur dann von den Erfahrungen des
Auslandes profitieren, wenn man einen selbständigen Bei¬
trag zur Erweiterung des internationalen Erfahrungs¬
schatzes leistet.
Zwischen 1951 und 1961 hat sich das Potential der un¬
selbständig Beschäftigten noch sehr erweitert. Es ist in
dieser Zeit um 221.000 Personen, das heißt um zirka
10 Prozent (oder durchschnittlich 1 Prozent im Jahr) ge¬
stiegen. Der Zuwachs an unselbständigen Arbeitskräften
betrug jedoch von 1961 bis 1965 nur noch etwa 60.000
oder 2,6 Prozent (das ist im Jahresdurchschnitt ungefähr
ein halbes Prozent). Die Zunahme der Zahl der Unselb¬
ständigen erfolgte in allen diesen Jahren fast ausschlie߬
lich auf Kosten der Selbständigen und Mithelfenden.
Versucht man das Arbeitskräftepotential nicht in Per¬
sonen, sondern in geleisteten Arbeitsstunden („Arbeits¬
volumen") auszudrücken und setzt man das Arbeits¬
volumen im Jahre 1961 gleich 100, so sprechen gewisse
Anhaltspunkte dafür, daß infolge der allmählichen Ver¬
kürzung der Arbeitszeit das gesamte Arbeitsvolumen der
unselbständig Beschäftigten heute kaum höher ist als vor
vier Jahren. In den nächsten Jahren muß sogar mit einem
Rückgang des Arbeitsvolumens der unselbständig Be¬
schäftigten gerechnet werden.
Auch die Um¬
schichtung von Ar¬
beitskräften aus der
Landwirtschaft in
die übrigen Wirt¬
schaftssektoren ist
eine der wichtigsten
Ursachen für die
stürmische Entwick¬
lung der österrei¬
chischen Volkswirt¬
schaft in den fünf¬
ziger Jahren gewesen. Diesem Umstand kommt in den
sechziger Jahren geringere Bedeutung zu, weil die Land¬
wirtschaft voraussichtlich eine kleinere Zahl von Arbeits¬
kräften freisetzen wird und weil ein steigender Prozent-
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