Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1967 Heft 05 (05)

kratie kann nur bedeuten, daß Unternehmer und Arbeit¬
nehmer gleichberechtigte Partner sind." Und auf der
Seite 29 dieser Broschüre heißt es weiter: „Der öster¬
reichische Gewerkschaftsbund hält die Verwirklichung
folgender wirtschaftspolitischer Ziele für besonders vor¬
dringlich: Vollbeschäftigung, Beschleunigung des wirt¬
schaftlichen Wachstums, solidarische Einkommenspolitik
und Verwirklichung der Wirtschaftsdemokratie."
Objektiverweise muß dazu festgestellt werden, daß die
österreichische Gewerkschaftsbewegung in den inzwischen
vergangenen acht Jahren zwar viele Anstrengungen im
Sinne einer Politik der Vollbeschäftigung und des be¬
schleunigten Wirtschaftswachstums unternommen hat, daß
aber die Frage der Wirtschaftsdemokratie, insbesondere
V
im Sinne einer gleichberechtigten Partnerschaft zwischen
Unternehmer und Arbeitnehmer, nach wie vor Neuland ist,
das wir offenbar kaum zu betreten wagen.
Natürlich mag zunächst die Sorge um die Vollbeschäfti¬
gung und eine erfolgreiche Lohn- und Sozialpolitik schwe¬
rer wiegen, aber es gibt doch zwischen diesen Problemen
und jenen der Betriebsdemokratie einen ursächlichen Zu¬
sammenhang. Denn es geht heute nicht mehr allein um die
Sicherung des Arbeitsplatzes, nicht mehr allein um das
höhere Einkommen, sondern ebenso auch um den arbei¬
tenden Menschen im Betrieb, der nicht als „Mitarbeiter"
tituliert sein will, ohne es tatsächlich zu sein. Was nützen
alle Erkenntnisse der Betriebspsychologie, die das Be¬
triebsklima verbessern sollen, wenn die Widersprüche zwi¬
schen der hierarchischen Führung des Betriebes und der
zunehmenden Vergesellschaftung der Arbeit nicht aufge¬
hoben werden? Die freie Entfaltung der menschlichen
Persönlichkeit kann nicht erst nach getaner Arbeit am
Feierabend, in einer mehr oder minder sinnvoll gestalte¬
ten Freizeit einsetzen, sondern braucht als ihr wesentlich¬
stes Betätigungsfeld den Arbeitsplatz. Längst ist die Zeit
vorüber, in der die uneingeschränkte Autorität der leiten-
Gildenbücher
und -schallplatten:
AUSGEZEICHNET und PREISWERT
den Einzelperson im Betrieb begründet war. An ihre Stelle
trat das Teamwork der Spezialisten, die fortgesetzte Ar¬
beitsteilung in vielen Verantwortungsbereichen. Die Wis¬
senschaft und die Technik waren der Motor zu einer Ent¬
wicklung, die eine Verfeinerung der Produktionsmethoden
zum Ergebnis hat. Die Ansprüche an die Arbeitskräfte
wachsen dementsprechend unaufhörlich. Der Ruf nach
ihrer umfassenderen und besseren Ausbildung ist ver¬
ständlich.
Hingegen haben wir es mit überholten Traditio¬
nen in den Produktionsverhältnissen zu tun, so daß ein
wachsender Widerspruch zwischen ihnen und den Produk¬
tivkräften daraus resultieren muß. Dieser Widerspruch
kann nicht dadurch aufgehoben werden, daß man etwas
mehr Information für die Betriebsräte und eine „stärkere"
Vertretung der Arbeitnehmer in den Aufsichtsräten for¬
dert, wie das auf einer Enquete der Bundesfraktion
christlicher Gewerkschafter zum Thema der Mitbestim¬
mung im Oktober des Vorjahres das Mitglied des wirt¬
schaftspolitischen Ausschusses des ÖAAB Dr. Manfred
Drenning tat. Das hieße nämlich, sich auch weiterhin auf
das „Mitwirken" der Betriebsräte zu beschränken, ohne
eine Mitbestimmung im Sinne einer gleichberechtigten
Partnerschaft herbeizuführen.
Verwirklichung in Etappen
Selbstverständlich wäre eine gesetzlich verankerte und
laufende Information über die wirtschaftliche Entwicklung
und Problematik des Betriebes an seine Betriebsräte ein
erstes Etappenziel auf dem Weg zur betrieblichen Mitbe¬
stimmung. Diese qualifizierte Information wäre eine kon¬
sequente Ergänzung des Rechtes, das den Betriebsräten
nach dem Betriebsrätegesetz die Einsichtnahme in die Bi¬
lanz gewährt. Ein zweites Ziel auf dem Wege der Mit¬
bestimmung wäre die Forderung: Keine Personalmaßnah¬
men der Unternehmensführung ohne vorhergegangene
Einvernahme mit den Betriebsräten. Allein in der Durch¬
setzung dieser Teilaspekte der Mitbestimmung würde ein
Fortschritt liegen, der nicht zu unterschätzen wäre und der
es lohnen würde, sich beharrlich dafür einzusetzen.
Daß in den Arbeitnehmern schöpferische Kräfte vorhan¬
den sind, die für ein weiteres Wirtschaftswachstum mobili¬
siert werden könnten, beweist auch das da und dort ent¬
wickelte betriebliche Vorschlagswesen, das jedoch an und
für sich mit der betrieblichen Mitbestimmung nichts zu tun
hat, sondern lediglich auf das Vorhandensein dieser schöp¬
ferischen Kraftreserven hinweist. So zum Beispiel langten
bisher jährlich bei den Österreichischen Stickstoffwerken
durchschnittlich 300 Vorschläge ein, deren errechneter Er¬
folg sich auf mehr als 10 Millionen Schilling bemißt.
Der sozialistische Abgeordnete zum Nationalrat Karl
Czernetz schrieb in seinem Buch „Vor der Entscheidung":
„Wir haben ein hohes Maß sozialer Sicherheit erreicht und
die Grundlagen eines Wohlfahrtsstaates errichtet. Aber
dürfen wir die Augen vor der Tatsache verschließen, daß
die demokratische Selbstverwaltung in unserem Wohl¬
fahrtsstaat noch unzureichend entwickelt ist? Unsere
Demokratie ist im staatlichen Bereich immer noch formal,
im wirtschaftlichen kaum existent. Staat und Wirtschaft
stehen weitgehend unter der Herrschaft der Bürokratie
und des Managertums ..
Er hat recht! Die Wirtschaftsdemokratie auszubauen, ist
wahrlich ein dringendes Gebot unserer Zeit.
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