Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1967 Heft 05 (05)

Friedrich Adler vor dem Ausnahmegericht
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Am 21. Oktober 1916 hat Friedrich Adler den österreichischen Minister¬
präsidenten Grafen Stürgkh in einem Wiener Restaurant erschossen. Wenn
man vom zaristischen Rußland und dessen besonderen Verhältnissen
absieht, waren diese Revolverschüsse der einzige Akt individuellen
Terrors in der mehr als hundert Jahre langen Geschichte des demokrati¬
schen Sozialismus. Diese Schüsse wurden auch nicht von einem radikalen
Extremisten abgegeben, nicht von einem unbeherrschten, die Folgen sei¬
nes Handelns nicht bedenkenden Fanatiker, sondern von einem scheuen
Stubengelehrten, einem selbstlosen, gütigen, jeder Gewaltanwendung
abholden Idealisten, mit dessen ganzem Wesen eine individuelle Aktion
dieser Art im Grunde unvereinbar schien.
Was ihn bewegte und was ihn zum Attentat auf Österreichs Regierungs¬
chef veranlaßte, hat Friedrich Adler in den beiden großen Reden erklärt,
die er am 18. und am 19. Mai 1917 vor dem Ausnahmegericht in Wien
gehalten hat. Nachstehend ein Auszug aus einer dieser Reden, entnommen
aus dem soeben im Europa Verlag erschienenen Buch „Friedrich Adler vor
dem Ausnahmegericht". Man kann sich heute kaum noch die ungeheure,
revolutionierende Wirkung vorstellen, die von den Anklagereden Friedrich
Adlers ausging, der das Forum des Ausnahmegerichtes meisterhaft zur
Verbreitung der Wahrheit über das Habsburgerreich im Ersten Weltkrieg
benützte. Sein Auftreten vor dem Gericht, das ihn pflichtgemäß zum Tode
zu verurteilen hatte, war eine entscheidendere Tat als die Schüsse aus
Protest gegen Kriea. und Absolutismus, zu denen Adler sich entschlossen
hatte.
Wir Sozialdemokraten, und nicht nur
ich — der viel schlimmer ist als die
anderen Sozialdemokraten —, sondern
die ganze Partei hat sich immer zu
dem Grundsatz bekannt: Österreich
wird ein demokratischer Nationalitä¬
ten-Bundesstaat sein, oder es wird
nicht sein. Entweder kann sich Öster¬
reich zu jenen Formen der Demo¬
kratie entwickeln, die in der kapi¬
talistischen Epoche nötig sind, wo die
Bürger nicht mehr als Untertanen be¬
handelt und nicht mehr regiert wer¬
den können von einer Obrigkeit oder,
wenn das nicht möglich sein sollte,
dann wird und muß es schließlich
eben doch zugrunde gehen. Wir Sozial¬
demokraten sind der Meinung ge¬
wesen, es ist möglich, daß sich Öster¬
reich zur Demokratie entwickle, und
gerade die Sozialdemokraten haben
sich die größte Mühe gegeben, immer
wieder zu beweisen, wie man sich
auf dem Boden der Demokratie in
diesem Staate einrichten, wie die Völ¬
ker miteinander auskommen könnten.
Aber, meine Herren, das waren un¬
sere Wünsche. Heute wissen wir nicht,
was aus diesem Staate im Kriege noch
werden wird, wissen wir nicht, wie
der Krieg endet. Vor allem wußte ich
am Anfang des Krieges nicht, ob
Österreich liquidiert werden oder ob
es weiter bestehen wird. Ich stand
und stehe auf dem Standpunkt, daß
wir mit beiden Eventualitäten zu
rechnen haben. Ich habe keine dieser
Eventualitäten gefördert, sondern ich
habe mich auf den Standpunkt der
striktesten Neutralität gegenüber
Österreich gestellt. Ich habe gesagt,
unsere Sache, die Sache des Sozialis¬
mus, ist eine so große Sache, eine so
viel größere als die irgendeines
temporären Staatsgebildes, daß wir
ihr Schicksal nicht verknüpfen oder
es gar kompromittieren dürfen durch
die zu enge Verflechtung mit dem
Schicksal eines Staates ...
So sehr ich aber bestreite, daß es
sich bei der Begründung dieser An¬
klage irgendwie um die Frage der
staatlichen Existenz Österreichs han¬
deln kann, und sowenig ich an¬
dererseits den Anspruch erhebe,
„Patriot" genannt zu werden und in
keiner Weise darauf reflektiere, so
sehr spielt Österreich in meinen
Motiven eine Rolle. Allerdings nicht
Österreichs staatliche Existenz, son¬
dern seine moralische Existenz! Der
österreichische Geist, der spielt, wie
Sie sehen werden, in meinen Motiven
eine wirklich große und erhebliche
Rolle! Schon im Gymnasium war mir
klar und tief und innerlich ergreifend
das wahrhaft heilige Wort der Schrift,
daß die größte Sünde, jene Sünde, die
nicht vergeben werden kann, die
Sünde gegen den Geist ist. Diese
größte Sünde, das ist die in Österreich
landesübliche Sünde ...
Es ist ein Staat, in dem man stets
Verachtung für die Überzeugung des
Menschen hatte, es ist ein Staat, wo
man niemals anerkannte, daß das ein¬
zelne Individuum nach seiner Uber¬
zeugung handeln soll...
Meine Herren, dieses Abgleiten von
jeder Überzeugungstreue, diese Prin¬
zipienlosigkeit ist es, die mir immer
den tiefsten Haß, nicht gegen Öster¬
reich als Staatsgebilde, sondern gegen
Österreich als unmoralisches Gebilde
eingeflößt hat.
Friedrich Adler vor dem Ausnahme¬
gericht. Herausgegeben und eingeleitet
von I. W. Brügel. Europa Verlag, Wien
1967. 280 Seiten, Leinen, S 138.—.
        

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