Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1967 Heft 05 (05)

Eduard Stark
Aus dem Soll und Haben
der Krankenversicherung
In Österreich wirkten im Jahre 1965 (ohne die Bauern¬
krankenversicherung, die seither in Funktion getreten ist)
39 Krankenversicherungsträger, die — als (9) Gebietskran¬
kenkassen, (10) Betriebskrankenkassen, (9) Landwirt¬
schaftskrankenkassen, (3) Versicherungsanstalten für Bun¬
desangestellte und sonstige Spezialgruppen, (8) Meister¬
krankenkassen — ihrer Riskenlage und ihrer sozialrecht¬
lichen Position nach verschiedene Personenkreise in den
Schatz der gesetzlichen Krankenversicherung einbeziehen.
Die Summierung der finanziellen Ergebnisse der einzelnen
Versicherungsträger und aus ihnen berechnete Durch¬
schnitte ergeben daher ein — wenn auch mathematisch
richtiges, so doch wirklichkeitsfremdes Bild. Der Verschie¬
denheit der Risken und ihrer Bedürfnisse entsprechen
Unterschiede im Leistungssystem, die nicht leicht auf eine
vergleichbare Basis gebracht werden können. Man muß
daher die Finanzlage und die Gebarungsentwicklung der
Krankenkassen unter Bedachtnahme auf die verschiede¬
nen Arten, Größenordnungen und Systeme betrachten, die
sich aus der personellen Grundlage ergeben. Globalsum¬
men sind wichtig und richtig; allein sagen sie aber zuwenig.
Von den mit einem aktiven Saldo von 212 Millionen
Schilling (bei 7,1 Milliarden Schilling an Einnahmen und
6,9 Milliarden Schilling an Ausgaben) abschließenden
Krankenversicherungsträgern waren im Jahre 1965
30 aktiv, 9 aber passiv; das bedeutet einen Überschuß in
der Gebarung von 3 Prozent der Gesamteinnahmen, was
bewirkte, daß die in der Bilanz ausgewiesene Summe
der Rücklagen aller Krankenversicherungsträger im
Jahre 1965 von 1,3 Milliarden Schilling auf 1,5 Milliarden
Schilling anstieg. Wäre die Krankenversicherung finanziell
nach dem Grundsatz des Umlageverfahrens aufgebaut, bei
dem die Einnahmen nicht starr von vornherein gegeben
sind und sich jeweils den Ausgaben — mögen diese auch
gesetzlich fixiert sein — anpassen, würde ein 3prozentiger
Überschuß in die Grenzen des Normalfalls fallen; wie die
Dinge aber liegen und angesichts der Gebundenheit auf
der Einnahmenseite könnte eine einzige Grippeepidemie
nicht nur die laufende Gebarung bedrohen, sondern auch
das ganze Finanzsystem in Unordnung bringen. Denn bei
der Starrheit der vom Gesetz geforderten Aufgaben und
der durch Gesetz möglichen Einnahmen ergibt sich meist,
daß gerade in Zeiten, in denen die Aufwendungen steigen,
die Einnahmen sinken. Daß die gesetzliche Krankenver¬
sicherung es vorwiegend mit gebundenen Einnahmen und
gebotenen Ausgaben zu tun hat und ihr daher die Beweg¬
lichkeit in der Gebarung fehlt, die das Wesen der Betriebs¬
wirtschaft im privaten Wirtschaftsbereich ausmacht, ist
keine Feststellung von so ungefähr; es ist geradezu das
zentrale Problem. Denn in der Formung der öffentlichen
Meinung über die Krankenversicherung spielen zwei Vor¬
gänge eine große Rolle: Auf der einen Seite verwehrt man
der Krankenversicherung die zur Erfüllung ihrer gesetz¬
lichen Aufgaben notwendigen finanziellen Mittel, die nicht
betrieblich erreicht, sondern nur durch überbetriebliche
Maßnahmen gesichert werden können; auf der anderen
Seite überfordert man das Budget der Krankenkassen
durch Ansprüche und Erwartungen, die unter gegebenen
Umständen nicht erfüllbar sind. Zwar sind es nicht immer
die gleichen Kreise, die die Krankenversicherung von den
Einnahmen her verhungern lassen, sie in den Ausgaben
aber überfordern, doch wirken beide Attacken in der
Richtung einer weiteren Anspannung der mit einem 3pro-
zentigen Gesamtüberschuß gekennzeichneten Finanzlage.
Die Frage, ob die Krankenkassen gut „geführt" sind, ist
daher wohl wichtig; sie verblaßt aber an Bedeutung gegen¬
über der (nur überbetrieblich zu lösenden) Frage, ob die
Sicherung der Funktion der Krankenversicherungsträger
durch die Herstellung richtiger Relationen zwischen Mit¬
teln und Aufgaben gegeben ist.
Mehr und mehr allgemeiner Gesundheitsdienst
Die finanzielle Situation des Komplexes der Kranken¬
versicherung kann nur bei Aufgliederung der Systeme
nach Art und Umfang des geschützten Personenkreises
verstanden werden. Von den (rund) sieben Millionen
Österreichern liegt nun bei (rund) sechs Millionen die Be¬
treuung im Krankheitsfall in den Händen der gesetzlichen
Krankenversicherung. Wie die Aufstellung am Schluß
dieses Artikels zeigt, ist in einem einzigen Jahrzehnt — ins¬
besondere aber seit Einführung der Bauernkrankenver¬
sicherung — die gesetzliche Krankenversicherung immer
mehr in die Rolle eines allgemeinen Gesundheitsdienstes
gekommen. Selbst ohne die im Kommen begriffene
Bauernkrankenversicherung betreute die gesetzliche
Krankenversicherung im Jahre 1965 fast 5,8 Millionen
Österreicher, wozu noch die (rund 130.000) Personen kom¬
men, deren gesundheitliche Betreuung als Gemeinde¬
bedienstete, Gemeindepensionisten oder deren Angehörige
einem gemeindlichen Sozialinstitut übertragen ist, das nur
wegen der dienstherrlichen Konstruktion von Gesetz und
Statistik nicht als Krankenversicherungsträger bezeichnet
wird, seiner soziologischen Natur nach es aber ist. Das
heißt, daß rund 80 Prozent der Bevölkerung Ansprüche im
Krankheitsfall an die gesetzliche Krankenversicherung
hatten, mögen
diese Ansprüche
sich auch, ent¬
sprechend der
Verschiedenheit
des Riskenkreises,
im Leistungs¬
umfang (nicht
aber im Leistungs¬
system) unter¬
scheiden. Hervor¬
gegangen aus der g
Arbeiterkranken-
18
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.