Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1967 Heft 05 (05)

Chancen und Risken werden also in Belgien mit der Ent¬
schlossenheit akzeptiert, die dem großartigen Konzept die¬
ses modernen europäischen Kleinstaates das Gepräge
geben. Belgien hat auch die erheblichen finanziellen Opfer
nicht gescheut, die mit der Durchführung der Weltausstel¬
lung 1958 verbunden gewesen sind, und damit die Gele¬
genheit wahrgenommen, der städtebaulichen Ausgestal¬
tung seiner Hauptstadt einen souveränen Ausdruck zu
geben.
Chancen und Risken für Wien
Es erhebt sich zum Schluß die Frage, ob und in Welchem
Ausmaß ähnliche Voraussetzungen in Österreich gegeben
sind. ? r*.
Unbestreitbar ist die Tatsache, - daß die Bundeshaupt¬
stadt Wien etwas Einzigartiges an sich hat: sie-befindet sich
nämlich an dem einzigen Punkt der Erdoberfläche, an dem
nach 1945 die monolithischen Blöcke in Ost undWest so viel
Raum gegeben Jiäben, daß zwischen den Blöcken der vor
1938 bestandene Staat frei, ungeteilt und unabhängig wie¬
derentstehen konnte. In einer Welt, in der es die Staats¬
kanzleien in Ost und West mit mehr Unruheherden zu tun
haben, als ihnen lieb ist, bietet sich Wien geradezu als ein
Clearing-Platz internationaler Beziehungen an.
Darnach eignet sich aber Wien wie keine andere Stadt
der Welt zur Ansiedlung von internationalen Organisatio¬
nen, zumal solcher, die auf der Basis der UNO bestehen.
Vor zehn Jahren war die Ansiedlung der Internationalen
Atomenergie-Organisation ein zaghaft begonnener Ver¬
such, dessen Prinzip Jahre hindurch nicht ernsthaft wei¬
terverfolgt worden ist. Erst in jüngster Zeit ist es den kon¬
sequenten Bemühungen der österreichischen Vertretung
bei der UNO neuerdings gelungen, die Ansiedlung einer
UNO-Organisation in Österreich vorzubereiten.
Bei dem Vorvertrag, den Finanzminister Dr. Schmitz
und Vizebürgermeister Slavik zum Zweck der Ansiedlung
der UNIDO in Wien geschlossen haben, wird das Prinzip
einer neuen Zusammenarbeit bei Teilung der Verantwor¬
tung und der Kosten sichtbar. Die Stadt Wien wird dar¬
nach den dritten Teil aller mit dem Projekt verbundenen
Kosten auf sich nehmen und beträchtliche Vorbereitungen
erbringen müssen. Diese Lösung ist (von dem augenblick¬
lichen praktischen Effekt abgesehen) deswegen von so
grundsätzlicher Bedeutung, weil sie das Modell einer rich¬
tigen Koordinierung der Interessen und der Leistungen
des Bundes und der Bundeshauptstadt ist und außerdem
die Basis dafür, daß der weltstädtische Charakter Wiens
erneut zum Tragen kommt.
Der politische Himmel, der über der Ära dieses Ereignis¬
ses hängt, ist nicht wolkenfrei. Das Integrationsproblem
hat für den Raum Wien ein beträchtliches Maß verschie¬
dener kalkulierter Risken; die Ost-West-Spannung, die im
Zusammenhang mit dem Arrangement Österreich-EWG
sichtbar wird, geht Wien ungleich stärker an als jeden
anderen Punkt unseres Landes.
Das System der künftigen Regionalplanungen in Öster¬
reich läßt noch nicht erkennen, ob damit verhängnisvolle
Fehler, wie sie anläßlich der beiden Weltkriege entstanden
sind, verfestigt und neue dieser Art hinzukommen wer¬
den, oder ob sich darnach das innerösterreichische Span¬
nungsverhältnis lösen wird; die Große Wohnungsreform,
die auf dem Verhandlungstisch liegt, berührt aber das der¬
zeitige Thema 1 unserer Stadt, nämlich Wohnungen und
Mieten, so wie das oben geschildert worden ist, geradezu
existenziell.
Die Untersuchungen dieses Aufsatzes müssen die Tat¬
sachenschilderung an einem Punkt der Entwicklung ab¬
brechen, an dem die Vorausberechnung der Zukunft Wiens
eine Rechnung mit einigen unbekannten Größen ist. So
wenig in einer Lage wie dieser eine visionäre Wissen¬
schaftlichkeit über Zukunftsrisken hinweghilft, so wenig
würde der Stadt und ihrer Bevölkerung eine provisorische
Daseinshaltung nützen.
Man sagt den Wienern nach, sie wären ein genußfrohes,
zuweilen willensschwaches oder gar ängstliches Volk; und
doch haben an diesem Punkt zwischen 1848 und der
Gegenwart die Auseinandersetzungen zwischen dem revo¬
lutionären und dem konservativen Prinzip der Politik mit
einer ungeheuren Entschlossenheit und unter schwersten
Opfern stattgefunden. Wenn es gelingt, diesen kämpferi¬
schen Selbstbehauptungswillen einer Bevölkerung nicht ia
kriegerischen Handlungen zu erschöpfen, sondern an posi¬
tiven Leistungsaufgaben zu orientieren, dann wird es sich
ereignen, daß die krisenhaften Ereignisse, die im letzten
halben Jahrhundert unsere Stadt getroffen haben, nicht
nur Quellen ihrer Kraft zum versiegen, sondern auch
andere zu einem neueren und tieferen Aufquellen bringen
werden. Das Bewußtsein dessen ist aber der Grund dafür,
warum derzeit in Wien das Wort „Zusammenarbeit" nicht
nur mit größeren Lettern geschrieben, sondern mit größe¬
rer Überzeugung praktiziert wird als an anderen Orten.
„Kaiserliche Pracht" in der Wiener Staatsoper.
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