Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1967 Heft 06 (06)

Bedrich Levcik
gegenwärtige Zivili¬
sation nimmt ständig
dynamischere For¬
men an, da sie stän¬
dig mehr durch die
Wissenschaft, diesen
„launenhaftesten
Faktor der Zeitge¬
geschichte" (J. R.
Forbers), beherrscht
wird. Stabilisierte
Bindungen und Rela¬
tionen, auf die sich
bisher alle wissen¬
schaftlichen Progno¬
sen der Zukunft ge¬
stützt haben, werden
umgewälzt. Auf diese
Weise wird die reale
Basis für die plan¬
gemäße Bewegung
und Entwicklung
unserer Zivilisation
untergraben. Und
trotzdem: Je schwieriger und komplizierter die Abschät¬
zung der zukünftigen Entwicklung wird, um so hart¬
näckiger versuchen die Menschen mittels neuer wissen¬
schaftlicher Methoden die Zukunft zu ergründen und die
Möglichkeit ihrer planmäßigen Beeinflussung zu finden.
Dieser Widerspruch unserer heutigen Zivilisation hat
anscheinend gemeinsame Wurzeln: Je mehr die Wissen¬
schaft in das System der Produktivkräfte
eindringt, desto mehr eröffnen sich die
Voraussetzungen für eine rationelle Erfas¬
sung und planmäßige Beherrschung aller
Zivilisationsprozesse, aber zugleich ver¬
mehren sich die Alternativen und die
Dynamik, die eine Folge neuer wissen¬
schaftlicher Erkenntnisse sind.
Die Frage, ob die Zukunft geplant wer¬
den kann, hängt also hauptsächlich von
unseren Fähigkeiten ab, die Prozesse,
welche bereits heute objektiv vor sich
gehen, zu erfassen, sie in ihrer historischen
Bedingtheit zu begreifen und ihren Ablauf
planmäßigen Eingriffen zu unterwerfen.
Aber diese Möglichkeiten ergeben sich
erst dort, wo die gesamte Zivilisations¬
grundlage bereits das Ergebnis hochent¬
wickelter gesellschaftlicher Produktiv¬
kräfte ist und wo auch die Voraussetzun¬
gen rationeller Eingriffe im gesamtgesell¬
schaftlichen Interesse vorhanden sind. Und
hier sind es gerade gesellschaftliche Be¬
dingungen, welche menschliches Verhalten
der gesellschaftlichen Kontrolle unterstel¬
len und damit einen höheren Grad ratio¬
neller Steuerung gewährleisten können.
Die ungeplante Zukunft
führt zur Katastrophe
In unserer gemeinsamen Forschungs¬
arbeit sind wir zu dem Ergebnis gekom¬
men, daß wir in einer Epoche ähnlicher
grundlegender Veränderungen aller Zivilisationsprozesse
stehen, die der industriellen Revolution der vergangenen
Jahrhunderte in nichts nachstehen. Es zeigt sich, daß
gerade diese Zeit der Umwälzung, die wir wissenschaftlich¬
technische Revolution nennen, zu einer Periode der Be¬
mühungen um eine zielbewußte Steuerung der Zivili¬
sationsprozesse und der langfristigen Planung der Zukunft
überhaupt geworden ist. An Stelle der früheren, relativ
kurzen Zeithorizonte der Fünfjahrespläne, deren Ablauf
wesentlich durch die Dauer der Investitionszyklen der
Industrialisierungsepoche bestimmt ist, treten die lang¬
fristigen Termine der Perspektivplanung, die weitgehend
durch den Zyklus wissenschaftlicher Erkenntnisse und der
Bildungsdauer hochqualifizierter Kräfte beeinflußt sind.
Aber verlassen wir für einen Augenblick die Frage der
Möglichkeit der Zukunftsplanung und stellen wir uns
vielmehr die Frage der Alternative, der spontanen, un¬
gesteuerten Entwicklung im Zeitalter der wissenschaft¬
lich-technischen Revolution. Die unerhörte Macht der
gegenwärtigen Wissenschaft und Technik gibt unserer
Zeitgeschichte eine neue Dimension. Zwischen Mensch
und Natur steht nicht mehr nur der Arbeitsgegenstand,
das Instrument, welches er beherrscht, sondern ein in sich
geschlossener, sich zum großen Teil selbst regulierender,
also automatischer Produktionsprozeß, der sich der Macht
des einzelnen entzieht, seine eigenen Gesetzmäßigkeiten
und inneren Tendenzen hat und der nur durch die Kräfte
der Wissenschaft beherrschbar ist. Und so ist die moderne
Technik nicht nur imstande, die Kräfte des Menschen für
seine eigene Entfaltung freizustellen, sondern zugleich
auch die Menschheit zu vernichten.
Bauwerk der Zukunft: Der englische Pavillon auf der EXPO 1967, Montreal.
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