Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1967 Heft 06 (06)

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Die Zukunft hat schon begonnen: 47 Meter lang und 300 Tonnen
schwer ist die russische „Wostok"-Rakete, die viele Satelliten
auf ihre Umlaufbahn gebracht hat. Sie wurde Ende Mai in Le
Bourget (Paris) bei der großen Luft- und Raumfahrtausstellung
gezeigt.
Tendenzen auskommen. Erst die Ausarbeitung einer wis¬
senschaftlichen Synthese, der inneren Relationen und
Bindungen, die zu einem Modell der neuen Zivilisations¬
prozesse führen, sind die Voraussetzung für das Verste¬
hen der gegenwärtigen empirischen Fakten, die zwei ver¬
schiedene Typen und Stadien der Entwicklung wider¬
spiegeln. Deshalb sprechen wir in dieser Beziehung von
einer Scheidelinie der Geschichte. Das Wesen der wissen¬
schaftlich-technischen Revolution kann am kürzesten in
ihrer Analogie zur industriellen Revolution klargelegt
werden — als eine radikale und universelle Veränderung
der Struktur und der Dynamik der Produktivkräfte, auf
denen das menschliche Leben beruht.
Die Anwendung der Kategorie Produktivkraft ist von
entscheidender Bedeutung für das Begreifen der Perspek¬
tiven dieser Veränderungen. Wir können nämlich das
Wesen der wissenschaftlich-technischen Revolution nicht
verstehen, wenn wir in ihr nur die Umwälzungen inner¬
halb der Technik betrachten. Diese einseitige Orientierung
ist jedoch verständlich, wenn wir bedenken, daß im tra¬
ditionellen Industriesystem gerade dies den Pol der Pro¬
duktivkräfte darstellte, die ständigen Veränderungen
unterlagen, während Arbeitsgegenstand und noch mehr
der arbeitende Mensch eine passive Rolle spielten. For¬
schungen, die jedoch auch bei der Untersuchung der neuen
Erscheinungen die Stellung des Menschen in der Welt
der Produktivkräfte vernachlässigen, bleiben die Antwort
auf die Frage schuldig, wonach denn eigentlich beurteilt
werden soll, ob die heutigen technischer! Errungenschaften
wirklich einen revolutionären Charakter haben.
Erst wenn die neuen Erscheinungen vom Standpunkt
der grundsätzlichen Veränderungen im gesamten System
der gesellschaftlichen Produktivkräfte beobachtet und
analysiert werden, die grundsätzlich die Stellung des
Menschen in der von ihm geschaffenen Welt verändern,
können wir die einzelnen empirisch untersuchten Kompo¬
nenten erfassen und in die Gesamtkonzeption einreihen.
Dann erst werden wir begreifen, daß das Eindringen der
neuen Technik nach und nach die beschränkten physi¬
schen und mentalen Kräfte des Menschen aus der unmittel¬
baren Produktion verdrängt, so daß die Produktion eine
innere technische Einheit erlangt, die die Grundlage für
die Anwendung des — wie wir es nennen — automatischen
Prinzips bildet, das auf der Verbindung neuer techno¬
logischer Prozesse mit der modernen Rechentechnik be¬
ruht. In demselben Maß, in dem die einfache menschliche
Bedienung von Maschinen durch das Maschinensystem
ersetzt wird, dringt die Wissenschaft als neue und ent¬
scheidende gesellschaftliche Produktivkraft in den Pro¬
duktionsprozeß ein.
Das Wichtigste — Investitionen in den Menschen
Um die zu unterscheidenden Epochen zu charakterisie¬
ren, kann jnan von den beiden Grundfaktoren des Wachs¬
tums, dem Kapital und der Arbeit, ausgehen. In der
Epoche der Industrialisierung resultiert das Wirtschafts¬
wachstum vorrangig aus einem steigenden Aufwand von
lebendiger und vergegenständlichter Arbeit, wobei im
Laufe des Industrialisierungsprozesses der Anteil des
Kapitals auf Kosten der Arbeit immer größer wird. Das
Ansteigen der totalen Produktivität beider Produktions¬
faktoren bleibt im Verhältnis zum Wachstum des gesell¬
schaftlichen Produkts mehr oder minder konstant, die
Kapitalkoeffizienten2 weisen eher eine steigende Tendenz
auf.
Die gegenwärtigen wissenschaftlich-technischen Um¬
wälzungen hingegen zeugen von einer rapid zunehmenden
totalen (integralen) Produktivität aller Faktoren. Bereits
Marx wies in seinen „Theorien über den Mehrwert" dar¬
auf hin, daß das Produkt der Arbeit, das von wissen¬
schaftlichen Elementen durchdrungen ist, immer niedriger
bewertet wird, als es seinem Wert entspräche. Die zu sei¬
ner Reproduktion notwendige Arbeitszeit ist nämlich bei
weitem nicht proportional zur Arbeitszeit, welche für
ihre ursprüngliche Produktion — wir würden heute sagen
zur Entwicklung des Prototyps — erforderlich ist.
Es geht hier um ein neues Wachstumsmodell. Die
Investitionen in die Produktionsmittel verschieben sich in
bedeutendem Maß in Investitionen in den Menschen, der
den wissenschaftlich-technischen Fortschritt weitgehend
beeinflußt. Die Kapitalkoeffizienten steigen nicht mehr
unbedingt. Wenn nun die Akkumulationsrate nicht mehr
die Tendenz zum Ansteigen hat, dann muß das Anwachsen
des Verbrauchs nicht mehr hinter dem Wachstum des
Produkts zurückbleiben.
Ein derartiges Modell kann sich natürlich erst auf einer
bestimmten, der vollendeten Industrialisierung nachfol¬
genden Entwicklungsstufe durchsetzen. Die Gesellschaft
muß über ein genügendes Reservoir von moderner Tech¬
nik, von Forschungskapazitäten und von Wissenschaft-
? Verhältnis von Investitions- und Produktionszuwachs.
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