Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1967 Heft 06 (06)

Hermann Schnell
Die neunjährigeSchulpflicht -
der Polytechnische Lehrgang
Das Schulgesetzwerk 1962 reformierte das österreichische
Schulwesen an einigen entscheidenden Stellen. Die wich¬
tigste Änderung, von der alle Schüler betroffen werden,
ist aber die Verlängerung der Schulpflicht von acht auf
neun Jahre: Für alle Kinder, die sich dauernd in Öster¬
reich aufhalten, besteht allgemeine Schulpflicht, die mit
dem auf die Vollendung des sechsten Lebensjahres folgen¬
den 1. September beginnt und neun Jahre dauert. Jene
Kinder, die das sechste Lebensjahr zwischen dem 1. Sep¬
tember und dem 31. Dezember vollenden, sind wohl erst
im folgenden Jahr schulpflichtig, können aber auf An¬
suchen ihrer Eltern in die Volksschule aufgenommen wer¬
den, wenn sie schulreif sind und wenn die Unterbringung
in der Schule räumlich möglich ist.
Österreich gehört damit zu jenen europäischen Staaten,
die 20 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg die neunjährige
Schulpflicht einführen, um gerade den Jugendlichen, die
keine weiterführende Schule besuchen, eine Verbesserung
ihrer Grundbildung angedeihen zu lassen, ihnen beim Ein¬
tritt in das Berufsleben zu helfen und um einen behut¬
samen Übergang von der geschützten Welt der Schule zur
Welt der Arbeit zu schaffen.
Von der neunjährigen Schulpflicht werden alle Kinder
in Österreich betroffen. Aber es hat schon vor der Einfüh¬
rung der neunjährigen Schulpflicht eine sehr große Zahl
von Jugendlichen gegeben, die freiwillig ein neuntes oder
sogar ein zehntes, elftes und zwölftes Jahr auf sich ge^
nommen haben, um ein Gymnasium, eine Handelsakade¬
mie oder eine Fachschule zu absolvieren. So besuchten in
Österreich zum Beispiel schon im Schuljahr 1957/58 etwa
45 Prozent des Schülerjahrganges, der im Schuljahr
1949/50 in die erste Klasse eintrat, bis zum vollendeten
15. Lebensjahr eine ganztägige Schule. In Wien lag dieser
Prozentsatz etwa bei 65 Prozent. Seit dem Ende des Zwei¬
ten Weltkrieges gibt es eine steigende Tendenz, daß
Jugendliche nach Vollendung ihrer achtjährigen Schul¬
pflicht in zunehmendem Maße weiterführende Schulen
besuchen. Die Gesetzgebung ging mit dieser Tendenz kon¬
form und führte die neunjährige Schulpflicht ein, von der
aber praktisch nur die Schüler betroffen werden, die nicht
von vornherein die Absicht haben, weiterführende Schu¬
len zu besuchen.
Aus diesen Überlegungen geht hervor, daß man klar
zwischen der Einführung der neunjährigen Schulpflicht
und der Einrichtung des Polytechnischen Lehrganges
unterscheiden muß. Die neunjährige Schulpflicht gilt für
alle Kinder, der Polytechnische Lehrgang wird nur von
denjenigen besucht, die in keine bestehende weiterfüh¬
rende Schule eintreten. An dieser Stelle muß nochmals
darauf hingewiesen werden, daß der Prozentsatz der
Schüler, die im neunten Schuljahr eine weiterführende
Schule besuchen, von Bundesland zu Bundesland sehr
stark wechselt, er ist in Wien am größten und in den Bun¬
desländern mit nur wenigen allgemeinbildenden und
berufsbildenden höheren Schulen am geringste"
Der Schulbesuch im neunten Schuljahr in Wien
Die untenstehende Tabelle gibt Auskunft, welche Schu¬
len von den Fünfzehnjährigen, die sich im neunten Schul¬
jahr befinden, in Wien besucht werden.
In der Großstadt dürfte diese Verteilung auch in den
kommenden Jahren bleiben, und man kann annehmen, daß
die Entwicklung in den Bundesländern in dieselbe Rich¬
tung geht. Hier zeigt sich aber auch sehr deutlich, daß
durch die Verlängerung der Schulpflicht eine nicht ge¬
ringe Zahl von Schülern in weiterführende allgemeinbil¬
dende (Gymnasien und Realgymnasien), berufsbildende
(Höhere technische und gewerbliche Lehranstalten) und in
Fachschulen gedrängt werden. Diese Nebenwirkung der
neunjährigen Schulpflicht kann sich in den kommenden
Jahren für Österreich sehr günstig auswirken.
Von je 100 Fünfzehnjährigen
etwa 50 Fünfzehnjährige allgemeinbildende
und berufsbildende höhere und berufsbil¬
dende mittlere Schulen sowie Bildungsan¬
stalten für Kindergärtnerinnen und Ar¬
beitslehrerinnen.
etwa 25 Fünfzehnjährige
den Polytechnischen Lehr¬
gang.
1
etwa 25 Fünfzehnjährige die Hauptschule
(vorwiegend den II. Klassenzug) und die
Sonderschule weiter oder befinden sich in
einem Polytechnischen Lehrgang, der in
organisatorischem Zusammenhang mit
einer Sonderschule steht.
besuchen
Ii
        

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