Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1969 Heft 01 (01)

ausgehende moralische Druck wurde aber von den Ge¬
werkschaften geschickt ausgenützt und im Wege eines
für die gesamte gewerbliche Wirtschaft gültigen Rah¬
menkollektivvertrages wurde per 1. Jänner 1959 die
45-Stunden-Woche durchgesetzt.
Für kürzere Arbeitszeit - gegen Überstunden
Der 4. Bundeskongreß des ÖGB (1959) nahm trotz des
erreichten Zwischenerfolges in seiner grundsätzlichen
„Stellungnahme zur Wirtschaftspolitik, Sozialpolitik
und Kulturpolitik" die weitere Arbeitszeitverkürzung
in sein Programm auf:
„Jede Arbeitsleistung ist Energieverbrauch. Während
früher die Arbeitsleistung weitgehend in einer körper¬
lichen Anstrengung bestand, wird bei den modernen
Arbeitsmethoden immer mehr das Nervensystem bean¬
sprucht. Nach den Ergebnissen arbeitsmedizinischer
Forschungen benötigt aber die psychische Anstrengung
weit mehr Erholungszeit als die physische. Zu lange
Arbeitszeiten führen zu Ermüdungsresten, die zu einer
noch größeren Anstrengung und damit zu einer Anhäufung
von Ermüdungsrest und schließlich zu ernsthaften Krank¬
heitssymptomen führen. Die Herz- und Kreislaufstörungen
— meist eine Folge dieser Erscheinungen — sind zu einer
Volkskrankheit geworden.
Auf diesen Tatsachen beruht in erster Linie die Forde¬
rung nach weiterer schrittweiser Verkürzung der Arbeits¬
zeit im Sinne des Aktionsprogramms des Österreichischen
Gewerkschaftsbundes.
Die sozialpolitische Bedeutung der Arbeitszeitverkür¬
zung soll nicht durch ständige Überstundenleistungen ein¬
geschränkt werden. Deshalb ist die Regelung der Arbeits¬
zeit für sämtliche Arbeitnehmer durch ein einheitliches
modernes Gesetz unerläßlich."
Auch der 5. Bundeskongreß des ÖGB (1963) wieder¬
holte neuerlich die Forderung nach weiterer Arbeits¬
zeitverkürzung:
„Zur Einschränkung der Belastung der Arbeitnehmer
muß das Gleichgewicht zwischen Arbeitszeit und Er¬
holungszeit sichergestellt werden. In diesem Zusammen¬
hang wird als besonders dringlich der 3-Wochen-Mindest¬
urlaub sowie die Gleichstellung des Urlaubsrechtes für
alle Arbeitnehmer gefordert. Ebenso wird die gesetzliche
Verankerung der kollektivvertraglich festgelegten 45stün-
digen Arbeitswoche sowie im Rahmen der wirtschaftlichen
Möglichkeiten eine weitere Arbeitszeitverkürzung durch
ein neues, den arbeitswissenschaftlichcn Erkenntnissen
entsprechendes Arbeitszeitgesetz unerläßlich."
Die Erhöhung des Mindesturlaubs oder, anders aus¬
gedrückt, die Verkürzung der Jahresarbeitszeit, erhielt
vor der Verkürzung der Wochenarbeitszeit zunächst die
Priorität. Wieder durch einen die gesamte gewerbliche
Wirtschaft erfassenden Rahmenkollektivvertrag wurde
erstmalig für das Jahr 1965 der Dreiwochenurlaub und
für die Arbeiter die für Angestellte bereits geltende
fünfte Urlaubswoche nach 25 Dienstjähren durch¬
gesetzt.
Das Memorandum von 1966
In einem gemeinsamen Memorandum des Bundes¬
vorstandes des österreichischen Gewerkschaftsbundes
und des Vorstandes des österreichischen Arbeiterkam¬
mertages wurden anläßlich der parlamentarischen
Kräfteverschiebung durch die Märzwahlen 1966 die
dringenden Forderungen der Arbeitnehmervertretun¬
gen an das neue Parlament zusammengefaßt und unter
anderem ebenfalls „ein Arbeitszeitgesetz mit einer
schrittweisen Herabsetzung der wöchentlichen Arbeits¬
zeit auf 40 Stunden sowie die Zusammenfassung der
Sonn- und Feiertagsruhebestimmungen" gefordert.
Dieses einstimmig beschlossene gemeinsame Memo¬
randum wurde von den Abgeordneten Ing. Häuser,
Weisz, Pichler und Genossen aufgegriffen, die am
15. Juni 1966 im Parlament einen Antrag bezüglich
eines Arbeitszeit- und Arbeitsruhegesetzes einbrachten,
mit dem die etappenweise Arbeitszeitverkürzung mit
Erreichung der Vierzigstundenwoche im Jahre 1970 vor¬
gesehen wird. Dieser Entwurf enthält auch die grund¬
sätzliche Tendenz, die Fünftagewoche stärker durchzu¬
setzen. Mit diesem Antrag wurde die Vierzigstunden¬
woche erstmalig auf parlamentarischem Boden in kon¬
kreter Form zur Diskussion gestellt.
Der 6. Bundeskongreß des ÖGB (1967) fixierte in sei¬
ner Schwerpunktresolution unter den sozialpolitischen
Fragen wiederum die Verkürzung der wöchentlichen
Arbeitszeit. Unter dem Titel „Gesundheitssicherung"
heißt es:
„Die Forderung auf diesem Gebiet bildeten schon bisher
einen besonderen Schwerpunkt der Sozialpolitik. Als be¬
sonders dringend wird hervorgehoben:
1. Ein Arbeitszeitgesetz, das, ausgehend von der 45-Stun-
den-Woche, in einem konkreten Arbeitszeitverkürzungs¬
plan bei vollem Lohnausgleich zur Vierzigstundenwoche
führt, die unter Bedachtnahme der wirtschaftlichen Ent¬
wicklung möglichst auf fünf Tage verteilt werden soll."
Die tatsächliche Arbeitszeit
Die tatsächlich gearbeitete Arbeitszeit ist seit der
Festlegung der 45-Stunden-Woche (1959) in der Praxis
teilweise auf Grund von Branchenkollektivverträgen,
teilweise auf Grund von Betriebsvereinbarungen weiter
abgesunken*. Während im Bergbau und in der Industrie
1959 ein Prozent der Betriebe unter 40 Stunden ge¬
arbeitet hat, ist 1967 der Prozentanteil auf 1,9 Prozent
gestiegen.
40 bis 45 Stunden
haben 1959 11,1 Prozent der Betriebe gearbeitet,
1967 bereits 20,2 Prozent
45 Stunden
haben 1959 63 Prozent der Betriebe gearbeitet,
1967 65,9 Prozent
zwischen 45 und 48 Stunden
haben 1959 5 Prozent der Betriebe gearbeitet,
1967 2,9 Prozent
48 Stunden
haben 1959 15,9 Prozent der Betriebe gearbeitet,
1967 2,4 Prozent
Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit der Arbeiter
in Wiener Betrieben der Sachgüterproduktion ist nach
den Statistiken der Arbeiterkammer Wien von 46,2
Stunden im Jahre 1959 auf 43,8 Stunden im Jahre 1967
gesunken.
* Quellen: Statistiken der Arbeiterkammer Wien.
        

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