Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1969 Heft 01 (01)

In ganz Europa
Die Bewegung zur Verkürzung der Arbeitszeit hat in
den meisten europäischen Ländern, teils auf gesetz¬
licher, teils auf kollektivvertraglicher Ebene, in den
letzten fünfziger Jahren beziehungsweise Anfang der
sechziger Jahre stattgefunden und im allgemeinen zu¬
nächst zu einer Herabsetzung auf 45 Wochenstunden
geführt. In der Bundesrepublik Deutschland ist die Be¬
wegung zur Vierzigstundenwoche teilweise in vielen
Wirtschaftsgruppen bereits abgeschlossen, teilweise
durch kollektivvertragliche Etappen bereits fixiert. In
den meisten EWG-Staaten beträgt die Arbeitszeit
bereits weniger als 45 Stunden. Auch im übrigen euro¬
päischen Rahmen ist die Arbeitszeitverkürzungsbewe¬
gung bereits über die 45-Stunden-Woche hinausgegan¬
gen. Ein vom Deutschen Gewerkschaftsbund veröffent¬
lichter internationaler Arbeitszeitvergleich zeigt in drei
Industriezweigen im Jahre 1964 folgende tarifliche
Wochenarbeitszeiten:
Metall¬ chemische Textil¬
industrie Industrie industrie
Bundesrep. Deutschland . 41,25 42,5 42
Belgien 45 45 45
Niederlande 45 45 45
Italien 46 bis 47 46,5 46
Großbritannien 42 42 42,5
Schweden 45 45 45
Schweiz 44 45 45
Österreich 45 45 45
Die Netto-Normalarbeitszeit betrug pro Woche:
Bundesrepublik Deutschland
Belgien
Niederlande
Italien
Großbritannien
Schweden
Schweiz
Österreich
Sorge um die Volksgesundheit
Die gewerkschaftliche Forderung nach Arbeitszeit¬
verkürzung wird schon im Aktionsprogramm vorwie¬
gend gesundheitspolitisch begründet. Eine 1961 ge¬
meinsam vom österreichischen Gewerkschaftsbund,
österreichischen Arbeiterkammertag und Hauptver¬
band der österreichischen Sozialversicherungsträger
1 Daß es sich bei diesem Phänomen nicht um eine tolerantere
Zuerkennungspraxis handelt, sondern eine echte medizinisch be¬
gründete Invalidität vorliegt, beweist, daß die Invaliditätspensioni¬
sten im Durchschnitt auch eine kürzere Pensionsbezugsdauer auf¬
weisen, als die Alterspensionisten. (Univ.-Doz. Dr. Ludwig Popper
„Beruf und Lebenserwartung im Spiegel der Statistik", Verlag des
ÖGB, Wien 1961, Seite 70: In der Pensionsversicherungsanstalt der
Arbeiter betrug die Bezugsdauer für Alterspensionen bei Männern
9,9, bei Invaliditätspensionisten 6,8 Jahre; in der Pensionsversiche¬
rungsanstalt der Angestellten bei Männern 10,9, bei Berufsunfähig¬
keitspensionisten 10,1 Jahre.
' Univ.-Doz. Dr. Ludwig Popper „Beruf und Lebenserwartung
im Spiegel der Statistik", Verlag des ÖGB, Wien 1961.
durchgeführte Tagung über das Anwachsen der Früh¬
invalidität hat sich eingehend mit dem Phänomen be¬
schäftigt, daß einerseits wohl die durchschnittliche
Lebenserwartung steigt, andererseits aber gleichzeitig
auch die Anzahl der frühzeitig wegen Berufsunfähig¬
keit oder Invalidität aus dem Erwerbsleben Ausschei¬
denden ebenfalls ständig zunimmt1.
In der dieser Tagung vorgelegten Diskussionsunter¬
lage2 werden viele erschütternde Tatsachen aufgezeigt:
Die Krankheitshäufigkeit der Arbeitnehmer ist sowohl
bei Männern als auch bei Frauen im Ansteigen begrif¬
fen. Ebenso steigt damit auch die Anzahl der durch
Krankheit verlorenen Arbeitstage. Als Krankheits¬
ursachen sind vor allem Herz- und Gefäßleiden sowie
die nervlich bedingten Erkrankungen im Vormarsch.
Reihenuntersuchungen in einzelnen Wiener Betrieben
zeigen, daß nur etwa 20 Prozent der Arbeitnehmer völ¬
lig gesund sind, 30 bis 35 Prozent ein chronisches Lei¬
den aufweisen und 2 bis 3 Prozent manifest er¬
krankt sind. Die Untersuchungen Prof. Poppers zeigen
mit erschreckender Deutlichkeit den Zusammenhang
zwischen der Erwerbstätigkeit und der Frühinvalidität
auf. In einzelnen Betriebsklassen sind ständig über¬
durchschnittlich hohe Krankenstände zu verzeichnen.
Eine Sterbefallsuntersuchung beweist, daß beachtliche
Unterschiede in der durchschnittlich erreichten
Lebensdauer in den verschiedenen Berufen auftritt. In
Berufen mit verhältnismäßig kurzer Lebensdauer zeigt
sich auch ein durchschnittlich höherer Prozentsatz von
Frühinvaliden.
chemische Textil¬
Industrie industrie
37,7 bis 38,5 37,3 bis 38,1
41,5 41,5
41,5 41,9
41,6 bis 42,5 41,4 bis 42
38,8 bis 39,3 40
40,1 40,2
38,4 bis 42,5 40,4 bis 42,4
39,9 bis 41,7 39,9 bis 41,7
Von der Tagung wurden auch andere die Gesund¬
heit des Menschen beeinträchtigende Faktoren, wie
zum Beispiel die Luft- und Wasserverunreinigung, der
Lärm, die Lebensverhältnisse usw. diskutiert. Es wurde
jedoch von allen Teilnehmern auf Grund der vorgeleg¬
ten Unterlagen und Referate festgestellt, daß einer der
entscheidendsten Gesundheitsfaktoren die Gestaltung
des Arbeitslebens ist.
Frühinvalidität steigt an
Wenngleich auch keine umfassenden neueren Unter¬
suchungen vorliegen, zeigen jedoch Statistiken neueren
Datums, daß das Phänomen der Frühinvalidität immer
größer wird. So betrug die Gesamtzahl der Pensionen
wegen geminderter Arbeitsfähigkeit am 30. Juni 1959
213.777. Diese Zahl hat sich bis 30. Juni 1968 auf
265.181 erhöht. Der Hauptanteil entfällt hiebei auf die
Metall¬
industrie
37 bis 37,8
41,5
41 bis 41,5
41 bis 43,1
39,7
40,4
39,5 bis 41,5
39,9 bis 41,7
8
        

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