Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1969 Heft 01 (01)

Seit dem Aktionsprogramm 1955 gehören die Ge¬
sundheitsprobleme zu den Schwerpunkten der gewerk¬
schaftlichen Sozialpolitik. Abgesehen von den erwähn¬
ten Erfolgen der Einführung der 45-Stunden-Woche
und des 3-Wochen-Urlaubs konnten insbesondere in
der Sozialversicherung mehr und neue Maßnahmen
der prophylaktischen Betreuung der Versicherten ein¬
geführt werden. Der Erfolg all dieser Maßnahmen läßt
sich nicht in Ziffern ausdrücken. Es kann jedoch sicher
angenommen werden, daß die erschreckende Entwick¬
lung der Frühinvaliditätsziffern noch bedrückender
wäre, wenn solche Maßnahmen nicht bestünden.
Arbeitsbedingungen und Gesundheit
Mediziner wurden um ihr Urteil gefragt, welchen
Einfluß die Arbeitsbedingungen auf die Gesundheits¬
verhältnisse besitzen. Nahezu übereinstimmend wurde
festgestellt, daß die modernen Arbeitsmethoden, die
zunehmende industrielle arbeitsteilige Produktion und
damit die Auflösung der Arbeitsvorgänge in wenige
Handgriffe sowie die zunehmende Einführung auto¬
matischer Produktionsverfahren die Belastungen des
Menschen zwar einerseits in mancher Beziehung ver¬
ringern, aber andererseits neue Belastungen zur Folge
haben. Viele Arbeitskräfte werden während des
Arbeitsganges nur sehr einseitig, etwa durch ständig
gleichbleibende Handgriffe, belastet. Bei vielen
Arbeitskräften hat sich die Belastung von der physi¬
schen auf die psychische Anspannung verschoben. Im
allgemeinen wird der industrielle Arbeitnehmer wäh¬
rend seiner Arbeitsleistung immer weniger bewegt.
Die vom Körper verlangte gleichmäßige Anspannung
geht während der Arbeitstätigkeit verloren. Die Be¬
schleunigung der einzelnen Arbeitsvorgänge und die
damit meist verbundene höhere Konzentration sowie
oftmals der Wegfall von Arbeitspausen führen zu einer
stärkeren nervlichen Anspannung und damit auch zu
einer stärkeren Belastung des zentralen Nerven¬
systems. Daraus ist auch zu erklären, daß in der Früh-
invaliditäts-, aber auch in der gesamten Krankheits¬
statistik die Herz- und Gefäßerkrankungen sowie die
nervlich bedingten Erkrankungen eine immer größere
Bedeutung erlangen.
Der Autor hat sich mit diesen Fragen schon vor län¬
gerer Zeit beschäftigt und hiezu ausgeführt4:
Ermüdung und Gesundheit
„Jede Arbeit ist Energieverbrauch. Bis zu einer gewissen
Grenze ist ein solcher für den Körper erforderlich, er be¬
günstigt die Erneuerung und Kräftigung der Organe.
Innerhalb dieser Grenze ist mit wenig Aufwand ein günsti¬
ger Arbeitserfolg zu erzielen. Der vollkommen ausgeruhte
Arbeiter braucht sogar einige Zeit, um in Schwung zu
kommen. Bei längerer Dauer der Arbeit treten aber Er-
müdungs- und Erschöpfungszustände ein, die auch die
Arbeitsleistung absinken lassen. Während die Arbeit beim
ausgeruhten Körper zunächst zu einer Erweiterung der
Blutgefäße führt, tritt bei Übermüdung eine Verengung
ein. Das Herz muß mehr Kraft aufwenden, um den Mus¬
keln Blut zuführen zu können. Der Übermüdung kann in
' Weißenberg: „Warum Verkürzung der Arbeitszeit?", Arbeit
und Wirtschaft, Mai 1966.
gewissem Umfang durch die Einführung von Kurzpausen
entgegengewirkt werden, die in ihrer Wirkung vor allem
auf den Ausgleich von partiellen Ermüdungen gerichtet
sind. Der Arbeitsprozeß führt aber nicht nur zur Bean¬
spruchung einzelner Körperteile, sondern nimmt den ge¬
samten Körper in Beschlag. Er braucht nach der Anstren¬
gung genügend Zeit, um sich erholen zu können. Die Dauer
der Arbeitszeit und der Ruhezeiten ist deshalb so zu be¬
messen, daß Verbrauch und Ergänzung der Körperaufbau¬
stoffe im richtigen Verhältnis zueinander stehen.
Das tägliche Arbeitsvermögen ist begrenzt durch die
Möglichkeit, dem Körper die notwendigen Aufbaustoffe
zuzuführen. Wird ein Körper übermüdet und steht ihm
nicht genügend Zeit zur Erholung zur Verfügung, so wer¬
den Übermüdungsreste von einem auf den anderen Tag
hinübergeschleppt. Die Ermüdung am folgenden Tag tritt
früher ein und führt rascher zu Erschöpfungszuständen.
Der Produktionserfolg sinkt unter den gewöhnlichen
Durchschnitt; bei Leistungslöhnen sinkt damit auch der
Verdienst. Die Arbeiter werden bemüht sein, mit größerer
Willens- und Körperanstrengung den Verdienstabfall zu
vermeiden oder auszugleichen, so daß der Ermüdungszu¬
stand noch mehr vergrößert und schließlich zu einem
Dauerzustand wird, der zum Zusammenbruch oder zu¬
mindest zum frühzeitigen Verfall der körperlichen Kräfte
führen muß.
Das neue Übel: Die Monotonie
Man mag nun einwenden, daß alle diese Erkenntnisse
schon im Kampf um den 8-Stunden-Tag vorgebracht wur¬
den, aber durch die Zunahme der Technisierung heute
überholt sind. Tatsächlich wurde die schwere körperliche
Arbeit durch die Maschine weitgehend abgelöst. Aber
gerade die Technisierung hat neue Probleme entstehen
lassen, die den alten Erkenntnissen neue Aspekte ver¬
leihen. Während die Arbeitsleistung der Vergangenheit
aus einer Vielfalt von Arbeitsvorgängen bestand und ab¬
wechslungsreich war, haben die bis ins kleinste gehende
Arbeitsteilung und die Technisierung und Rationalisierung
des Arbeitsprozesses den modernen Industriearbeiter zur
Eintönigkeit, zur Monotonie der Arbeit verurteilt.
Natürlich mußte auch früher der Arbeiter wachsam sein,
um Unfälle zu verhüten und die Güte des Produktes nicht
zu beeinträchtigen. Während ihn aber die Vielfalt und
Abwechslung seiner Tätigkeit anregte und in Spannung
erhielt, kann der monoton beschäftigte Arbeiter seine Auf¬
merksamkeit nur mit hoher Willensanstrengung aufrecht¬
erhalten. Wer hat es nicht schon selbst an sich erfahren,
daß er bei einem langweilig und monoton gehaltenen Vor¬
trag eingeschlafen wäre, wenn er sich nicht gezwungen
hätte, doch zuzuhören. In diesem Falle ist man aber an
seiner Aufmerksamkeit selbst interessiert, während der
Arbeiter in der Regel seiner Tätigkeit doch nur das Inter¬
esse abgewinnt, den Arbeitsplatz und den Lohnverdienst
zu erhalten. Die Monotonie der Arbeit beherrscht heute
ein weites Gebiet unserer Produktion und wird insbeson¬
dere dort zu finden sein, wo an Stelle des Facharbeiters
die angelernte Arbeitskraft getreten ist. Aus diesem
Grunde sind auch besonders die Frauen gefährdet, die zum
Großteil als angelernte Arbeiter tätig sind.
Die Willenskonzentration belastet die Nerven. Natürlich
werden diese nicht nur durch den Arbeitsprozeß ange¬
griffen, sondern es wirkt die gesamte Umwelt auf sie ein.
Um so größere Bedeutung kommt aber gerade deshalb der
Belastung durch die Arbeitsdauer zu, die ja einen Großteil
des wachen Lebens ausmacht. Auch hier müssen, wie bei
der körperlichen Belastung, Verbrauch und Erholung in
das richtige Verhältnis gelangen. Zur psychischen Er¬
holung ist aber eine längere Dauer als zur physischen er-
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