Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1969 Heft 01 (01)

hindern, wurde zum Beispiel das Fließband eingeführt.
Dies hat jedoch zur Folge, daß mit der Arbeitsdauer die
Anstrengung steigt, wobei die Anstrengung nicht nur
in körperlicher, sondern auch in nervlicher Hinsicht,
insbesondere durch steigende Konzentration, zu ver¬
stehen ist. Bei der Akkord- oder Stückprämienarbeit,
der sehr weit verbreiteten Leistungslohnart, sinkt die
Stückleistung mit der Arbeitsdauer beziehungsweise
die Arbeitszeit steigt mit der Arbeitsdauer pro Stück¬
einheit. Diese Erkenntnis hat schon Prof. Abbe in den
ersten Jahren dieses Jahrhunderts bei Versuchen in
den Zeiss-Werken gewonnen. Er ließ unter denselben
Arbeits- und Produktionsbedingungen in einer Abtei¬
lung abweichend von der mit neun Stunden festgesetz¬
ten Normalarbeitszeit eine andere Abteilung acht Stun¬
den arbeiten und stellte bereits damals die höhere
Arbeitsproduktivität pro Stunde bei der kürzeren
Arbeitszeit fest. Versuche in den USA in umgekehrter
Form, bei denen gegenüber dem Normalarbeitstag von
acht Stunden eine Erhöhung auf zehn Stunden vor¬
genommen wurde, ergaben im letzteren Fall ein Ab¬
sinken der durchschnittlichen Stundenleistung bis zu
16 Prozent. Im übrigen war ein merkbares Ansteigen
der Fehlschichten und Arbeitsunfälle zu verzeichnen.
Schon damals kam die Wissenschaft zu dem Schluß, daß
im allgemeinen bei Arbeitszeitverkürzung die Stunden¬
produktivität steigt (dieser Effekt wird aber um so
geringer, je kürzer die Arbeitszeit an sich bereits ist)
beziehungsweise bei Arbeitszeitverlängerung fällt.
Eine Fallstudie jüngeren Datums, die in dieselbe
Richtung weist, lieferte im Jahre 1960 das Bundeskanz¬
leramt-Verstaatlichte Unternehmungen5. In vier Ver¬
suchen wurden die Auswirkungen verschiedener
Arbeitszeiten geprüft.
Im Versuch 1 bei einer 36-Stunden-Arbeitswoche
an sechs Arbeitstagen sechs Stunden täglich
Im Versuch 2 bei einer 48-Stunden-Arbeitswoche
an sechs Arbeitstagen acht Stunden täglich
Im Versuch 3 bei einer 40-Stunden-Arbeitswoche
an fünf Arbeitstagen acht Stunden täglich
Im Versuch 4 bei einer 60-Stunden-Arbeitswoche
an sechs Arbeitstagen zehn Stunden täglich
Die Studie kam zu folgendem Resultat:
„Sollte eine Produktivitätssteigerung durch Automation
das Sozialprodukt erhöhen und damit eine Realisierung
von Arbeitszeitverkürzung notwendig sein, so sind Arbeits¬
zeiteinteilung mit einer täglichen Arbeitszeit von acht
Stunden in Verbindung mit einem freien Wochenende vor¬
zuschlagen. Begründet wird dieser Vorschlag durch die
Tatsache, daß der Achtstundentag und die 40-Stunden-
Woche belastungsmäßig auf den arbeitenden Menschen
relativ am günstigsten wirkt, obwohl der Produktionsaus¬
stoß bei der 36stündigen Wochenarbeitszeit fast derselbe
war."
Erfahrungen in anderen Ländern
Zu ähnlichen Resultaten kamen auch Studien in
anderen Ländern. So ergibt sich aus einer Studie des
National Bureau of Labor Research6:
„Allgemein gesprochen zeigte die Untersuchung, daß
unter sonst gleichen Umständen der Achtstundentag und
die Vierzigstundenwoche in bezug auf Stundenleistung und
12
Absenzen am günstigsten sind und daß längere Arbeitszei¬
ten weniger befriedigend sind."
Eine sehr eingehende Studie aus Frankreich7, die sich
mit den wirtschaftlichen Auswirkungen einer Arbeits¬
zeitverkürzung befaßt, kommt in dem Teil „Auswir¬
kungen auf die Produktivität" — vor allem gestützt
auf die Beobachtungen von Lehmann (Max-Planck-
Institut, Dortmund) — zu demselben Ergebnis. Der
Übergang von einer zehnstündigen täglichen Arbeits¬
zeit auf eine neunstündige für Arbeiten, die eine mit¬
telmäßige Anstrengung erfordern, verursachte trotz
der Kürzung der Arbeitszeit um 10 Prozent nur
einen Rückgang der Ergiebigkeit von 3,2 Prozent, so
daß die Kürzung der Arbeitszeit mit mehr als 65 Pro¬
zent kompensiert erschien. Dieser Kompensations¬
effekt wird beim Übergang von neun auf acht Stunden
mit 45 Prozent und beim Übergang von acht auf sie¬
ben Stunden mit 36 Prozent angegeben.
Einen weiteren nicht unbeachtlichen Kompensations¬
effekt zeigt die Beobachtung, daß bei Arbeitern und
Technikern, die Maschinen überwachen, eine Vermin¬
derung der Irrtümer und Fehlgriffe, die oft zu hohen
Ausgaben führen, eingetreten ist. Ein weiterer Kom¬
pensationseffekt tritt durch den deutlich sichtbaren
Rückgang an Fehlschichten und Arbeitsunfällen und
sonstigen Abwesenheiten oder Nichtarbeit wegen
Übermüdung ein. So wird zum Beispiel auf Erfahrun¬
gen in Amerika während des Krieges verwiesen:
Unternehmer, die ihre wöchentliche Arbeitszeit fühl¬
bar erhöhten, verzeichneten gleichzeitig eine Steige¬
rung der Absenzen. Ähnliche Beobachtungen kommen
aus Norwegen. Nach einem Bericht des norwegischen
Untersuchungsausschusses hat man in den Jahren
zwischen 1958 und 1960, als die Arbeitszeit auf
45 Stunden reduziert wurde, einen durchschnittlichen
Rückgang der Absenzen um 0,3 Stunden pro Woche
festgestellt. Dieser Rückgang kompensierte die in der¬
selben Zeit erfolgte Kürzung der wöchentlichen Ar¬
beitszeit um 12 Prozent.
Eine weitere sozialpolitische Auswirkung der
Arbeitszeitverkürzung könnte eine Verbesserung der
Frauenbeschäftigung werden. Amerikanische Erfah¬
rungen zeigen, daß zwischen der Dauer der Arbeits¬
zeit und dem Anteil an beschäftigten Frauen ein ge¬
wisser Zusammenhang besteht. Die oben erwähnte
französische Studie kommt zu dem vorsichtigen
Schluß, daß bei einer zehnprozentigen Arbeitszeitver¬
kürzung etwa eine fünfprozentige Zunahme der
Frauenbeschäftigung eintreten könnte. Kürzere
Arbeitszeiten erleichtern auch die Wiedereingliederung
von Körper- und Gehirngeschädigten sowie von älteren
Arbeitskräften.
Schließlich zwingt die bekannte Tatsache der zu¬
nehmenden Automation zu rechtzeitigen Konsequen¬
zen, denn in Zukunft werden immer weniger Men¬
schen immer mehr produzieren. Die Arbeitszeitverkür¬
zung hat daher auch die gesellschaftspolitisch unerhört
wichtige Aufgabe, eine technologische Arbeitslosigkeit
gar nicht erst eintreten zu lassen.
? Untersuchungen über den Zusammenhang von Arbeltszeit und
Leistung von O. Hesse und E. Schiepani, Schriftenreihe des Bundes¬
kanzleramtes. — Verstaatlichte Unternehmungen, Heft 8.
• NBLR, „Hours of Work and Output" (N'Y 1947).
1 Commission de la Main d'Oeuvre, Rapport General.
        

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