Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1969 Heft 01 (01)

schnitt, um ihn mit Fleisch füttern zu
können. Irgendwo muß man die Leh¬
rer für das zusätzliche Schuljahr ab¬
zwacken, entweder von der Betreu¬
ung der bisherigen acht Jahre oder
von dem Zuwachs an neuen
Schülern.
Aber die wichtigere Frage —
darin stimmen wir überein — ist eher
die pädagogische. Was würden Ernst
Mayer und Hermann Schnell zu
einem Baumeister sagen, der darüber
klagt, daß er heute Schichten von
schlechteren Arbeitern heranziehen
muß, und daß er deshalb für den Bau
einer Schule viel länger brauche als
etwa in der Zwischenkriegszeit? Sie
würden ihm doch wohl zu bedenken
geben, daß die Zeitläufe ihm nicht
nur neue Schwierigkeiten, sondern
auch Erleichterungen gebracht ha¬
ben, etwa bessere Maschinen und
neue Methoden. Ist es beim Unter¬
richt etwa anders? Wir haben nicht
nur den programmierten Unterricht,
den der Pädagoge nicht verachten
darf, weil er den Schüler zur Aktivi¬
tät führt, von der ihn die herkömm¬
liche Schule abgehalten hat; wir ha¬
ben außerdem eine Fülle von Lehr¬
mitteln, die früher praktisch nicht er¬
reichbar waren. Viel wichtiger noch
als diese rein technischen Möglich¬
keiten ist die verbesserte didaktische
Darstellung des Materials etwa der
Mathematik und der Naturwissen¬
schaften, die uns heute zur Ver¬
fügung steht. Der Unterschied zwi¬
schen den besten Einführungen in
verschiedene naturwissenschaftliche
Gebiete (man denke an die vielen
Bücher von Gamov) und den her¬
kömmlichen Lehrbüchern in unseren
Schulen ist unermeßlich. Eine Mobi¬
lisierung der großen „Produktions¬
reserven" der Pädagogik erfordert
aber vor allem ein Umdenken der
Bildungsinhalte und eine Neugestal¬
tung der Schule vom Anfang bis zum
Ende, nicht nur der Höheren Schulen,
sondern auch der Grundschule, die
man heute nicht mehr isoliert be¬
trachten kann.
Eine solche Aufgabe, auf die die
Schulbehörden personell kaum vor¬
bereitet sind, erfordert freilich auch
eine demokratische Zusammenarbeit
mit den Lehrern, also praktizierte
Demokratie, die in Österreich, ach,
so unüblich ist! Das 13. Schuljahr
erscheint mir deshalb so verab-
scheuungswürdig, weil es ein Aus¬
weichen vor all diesen Aufgaben dar¬
stellt, ein Papier, mit dem man den
Mist zudeckt, um wieder jahrelang so
zu machen, als ob alles zum besten
stünde. Die Schüler müssen nach¬
sitzen, damit es den Schulpolitikern
erspart bleibt, nachzudenken. Das ist
eine zweifach schlechte pädagogische
Maßnahme.
GEWERKSCHAFTLICHE RUNDSCHAU
7. Gewerkschaftstag der gastgewerblichen Arbeitnehmer
Am 19. November wurde im
Franz-Domes-Heim der Wiener
Arbeiterkammer der 7. Gewerk¬
schaftstag der gastgewerblichen
Arbeitnehmer eröffnet. Außer den
rund 90 Delegierten aus ganz Öster¬
reich waren viele Ehrengäste aus
dem Ausland erschienen.
Kritische Worte
Kritische Gedanken äußerte der
Gewerkschaftsvorsitzende Fritz Sai-
ler in seiner Eröffnungsrede. Wir sol¬
len — sagte Sailer unter anderem —
neben den materiellen Zielen nicht
die ideellen aus den Augen verlie¬
ren. So sind die Zurückhaltung und
das Nicht-in-Selbstgefälligkeit-Ver¬
fallen gemeint! Wir können und wir
dürfen uns nicht zufriedengeben, was
die Schulung unserer Mitglieder an¬
langt! Hand aufs Herz: Auf dem Feld
der gewerkschaftlichen Bildungs¬
arbeit waren wir bei weitem nicht so
erfolgreich wie im Kollektiv¬
vertragswesen, in der Lohnpolitik,
dem Arbeitsrecht und der Sozial¬
versicherung.
Dieses Minus an gewerkschaft¬
licher Schulung fällt in eine Epoche
30
technischer, wirtschaftlicher und ge¬
sellschaftlicher Umwälzungen, für
die der herkömmliche Lehrstoff
schon unzulänglich wird! Die stete
und rasante Weiterentwicklung ist
es, die ein Mehr an Lernen und Wei¬
terbilden als unerläßliche Voraus¬
setzung erfordert, damit die nach¬
rückende Generation die gewandel¬
ten Probleme ihrer Zeit zu meistern
vermag.
Trotz aller materiellen Verbesse¬
rungen sollen wir nicht den techni¬
schen Fortschritt und das Zuwenig
an Schulung aus den Augen verlie¬
ren.
Bildungsarbeit tut not. Wir müs¬
sen uns auf diesem Arbeitsfeld noch
viel mehr anstrengen als bisher! Ich
denke nicht allein an das Vortrags¬
und Kurswesen in den Jugendgrup¬
pen. Von schicksalhafter Bedeutung
für unsere Zukunft ist die Schulung
der zwanzig- und dreißigjährigen
Gewerkschaftsmitglieder, der jun¬
gen Betriebsräte und Funktionäre.
Von Jahr zu Jahr vergrößert sich
der Bedarf an jungen, überzeugten
und hingebungsbereiten Mitarbei¬
tern in der Gewerkschaftsbewegung,
um die Lücken zu füllen, die durch
das Ausscheiden der alten Funktio¬
näre kontinuierlich entstehen.
Gewiß, wir haben auch drückende
materielle Sorgen. Aber in der
Arbeiterbewegung darf niemals das
Gelddenken die erzieherischen Ver¬
pflichtungen an die Wand drücken
— auch wenn das Ringen gegen die
Trägheit des Geistes und des Her¬
zens einer Sisyphusarbeit gleich¬
kommt.
Bürgermeister Bruno Marek stellte
fest, die Gewerkschaft der gast¬
gewerblichen Arbeitnehmer sei zwar
nur eine kleine Gruppe, verfüge aber
über eine stolze Tradition. Im wirt¬
schaftlichen Leben nehme sie eine
Sonderstellung ein. Die Gewerk¬
schaft habe nicht zuletzt die Auf¬
gabe, die gastgewerbliche Arbeitneh¬
merschaft in den meist noch
patriarchalisch geführten Betrieben
zu Selbstbewußtsein und Stolz auf
die eigene Leistung zu erziehen.
ÖGB-Vizepräsident Abgeordneter
Erwin Altenburger überbrachte die
Grüße des Österreichischen Ge¬
werkschaftsbundes. Dabei wies er
auf einige Fragen hin, die die Ge-
        

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