Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1969 Heft 01 (01)

kurzem, einem bekannten Industriellen, Chef eines
der größten devisenbringenden Unternehmen Öster¬
reichs, hätten die Betriebsräte seiner Werke ihre
Sorge wegen einer etwaigen Arbeitszeitverkürzung
ausgedrückt. Die Arbeiter und Angestellten hätten
schon jetzt Schwierigkeiten, ihre lange Freizeit und
die sich daraus ergebenden Bedürfnisse zu finanzieren.
In der Fernsehsendung vom 6. Dezember behauptete
ein Unternehmer, der in Wien etwa hundert Einzel¬
handelsgeschäfte betreibt, seine Angestellten seien
gegen die Forderung nach der Vierzigstundenwoche.
Benya: Im ersten Fall wäre es interessant, wenn
„Die Industrie" den Betrieb beim Namen genannt
hätte, im zweiten Fall wäre es interessant, wenn der
Fernsehreporter nicht den Unternehmer nach der
Einstellung seiner Angestellten gefragt hätte, son¬
dern die Angestellten selbst. Die vom ÖGB geforderte
Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf vierzig Stun¬
den wird in den Betrieben nicht nur lebhaft disku¬
tiert, sondern hat unter den Arbeitnehmern ein sehr
positives Echo gefunden.
Das ergab eine Untersuchung, die von der Arbeits¬
gemeinschaft für Sozialforschung in den letzten
Wochen bei einem repräsentativen Querschnitt der
österreichischen Arbeitnehmer durchgeführt wurde.
Auf die Frage: „Wie stehen Sie persönlich zur Ver¬
kürzung der Arbeitszeit?" antworteten 52 Prozent
„Die Vierzigstundenwoche hätte längst eingeführt
werden müssen", 22 Prozent antworteten: „Die Vier¬
zigstundenwoche soll etappenweise eingeführt wer¬
den", 19 Prozent antworteten: „Es gibt zur Zeit wich¬
tigere Probleme" und nur 7 Prozent antworteten:
„Die Vierzigstundenwoche ist aus wirtschaftlichen
Gründen noch nicht zu verantworten."
Die nähere Befragung jener, die vehement für die
Arbeitszeitverkürzung eintreten, zeigte, daß sie auch
auf ihrem eigenen Arbeitsplatz eine Arbeitsersparnis
durchaus für möglich halten, vorausgesetzt, daß die
Arbeit entsprechend koordiniert und rationalisiert
wird.
Arbeit und Wirtschaft: Kritiker der Gewerkschafts¬
forderung verweisen darauf, daß dies in einigen
wesentlichen Wirtschaftszweigen — zum Beispiel im
Gastgewerbe — gar nicht möglich sei.
Benya: Schon bei der Einführung der Fünfundvier¬
zigstundenwoche wurde für einige Wirtschaftszweige
diese Behauptung aufgestellt. Die Praxis zeigte aber,
daß sich nach einer gewissen Übergangsperiode die
neue, kürzere Arbeitszeit als durchaus tragbar her¬
ausstellte. Nach Kriegsende betrug im Gastgewerbe
die Arbeitszeit noch 60 Wochenstunden! Die Ver¬
kürzungen auf 48 und später 45 Stunden wurden aber
verkraftet, und bei einigem guten Willen wird auch
die neue schrittweise Verkürzung aufgefangen wer¬
den.
Auch im Gastgewerbe ist — zum Beispiel durch
Einrichtung von Selbstbedienungsrestaurants in Bal¬
lungszentren des Fremdenverkehrs — eine gewisse
Rationalisierung durchaus möglich. Das Fremdenver¬
kehrsgewerbe wird auch Arbeitnehmern aus jenen
Industriezweigen, in denen Personalreduktionen vor¬
genommen werden müssen, neue Arbeitsplätze bieten
können, denn die steigenden Übernachtungszahlen
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wird man auf die Dauer ohnehin mit dem gleichen
Personal nicht bewältigen können.
Ausnahmen für einzelne Wirtschaftszweige wären
schon deshalb ungünstig, weil sich dann die Abwande¬
rung in andere Berufe mit besseren Arbeitsbedingun¬
gen verstärken würde.
Arbeit und Wirtschaft: Die Forderung nach schritt¬
weiser Verkürzung der Arbeitszeit wird also grund¬
sätzlich für alle Berufsgruppen erhoben.
Benya: Die Forderung wird grundsätzlich für alle
erhoben, wenn wir auch wissen, daß es leider heute
noch gewisse Arbeitnehmergruppen gibt, die zwangs¬
weise längere Arbeitszeiten aufweisen als der Durch¬
schnitt. Wie sich die Verkürzung der Arbeitszeit im
einzelnen auswirken würde, untersucht ja zur Zeit der
Beirat für Wirtschafts- und Sozialfragen. Das Ergeb¬
nis dieser Untersuchung wird bald vorliegen, worauf
es sicherlich zu weiteren Gesprächen zwischen Bun¬
deswirtschaftskammer und Gewerkschaftsbund kom¬
men wird.
Arbeit und Wirtschaft: Vor zehn Jahren wurde die
Arbeitszeitverkürzung durch einen Generalkollektiv¬
vertrag zwischen Bundeswirtschaftskammer und Ge¬
werkschaftsbund erreicht, und gesetzliche Bestim¬
mungen gab es dann nur für den öffentlichen Dienst.
Warum verlangt der Gewerkschaftsbund dieses Mal
eine Regelung im Rahmen eines Arbeitszeitgesetzes?
Benya: Auch die Forderung nach einem modernen
Arbeitszeitgesetz ist nicht neu, sondern wird von den
Gewerkschaften seit Jahr und Tag erhoben. So steht
in Österreich immer noch die „Reichsdeutsche Arbeits¬
ordnung" mit ihrer Achtundvierzigstundenwoche in
Geltung. Ja, zwei der obersten Gerichtshöfe, der Ver¬
fassungsgerichtshof und der Verwaltungsgerichtshof,
sind sich nicht einmal darüber einig, ob die kriegswirt¬
schaftliche Ausnahmeverordnung, welche den zehn¬
stündigen Arbeitstag und die sechzigstündige Arbeits¬
woche brachte, noch gilt oder nicht.
Die Gewerkschafter betrachten es ganz einfach als
eine Schande, daß in Österreich 23 Jahre nach Ende
des Zweiten Weltkrieges noch Bestimmungen der
Nazizeit gelten sollen, die in der Bundesrepublik
Deutschland schon längst abgeschafft worden sind.
Darum fordern die Gewerkschafter, daß dieser Ana¬
chronismus abgeschafft werde.
Ein neues, modernes österreichisches Arbeitszeit¬
gesetz soll aber nicht nur die bestehende Fünfundvier¬
zigstundenwoche in unserer Rechtsordnung ver¬
ankern, es soll auch den etappenweisen Übergang zur
Vierzigstundenwoche vorsehen. Das soll jedoch nicht
nur für die starken Arbeitnehmergruppen der Fall
sein, die sich diesen Fortschritt auf jeden Fall auch
auf kollektivvertraglichem Wege erkämpfen könnten,
sondern für alle österreichischen Arbeiter, Angestell¬
ten und Beamten.
Arbeit und Wirtschaft: In der Diskussion um die
Arbeitszeitverkürzung taucht immer wieder das
Argument auf, die Arbeitnehmer wüßten mit ver¬
mehrter Freizeit ohnehin nichts Rechtes anzufangen
oder sie würden jede Stunde neu gewonnener freier
Zeit für Pfuscharbeiten und Nebenbeschäftigungen
verwenden.
Benya: Diese Behauptung ist nicht bewiesen, aber
        

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