Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1971 Heft 02 (02)

teilt, einschließlich der Empfehlung, bestimmte Per¬
sonen wegen mangelnder Eignung nicht ausbilden zu
lassen.
Bereits in diesem Zeitpunkt können zwei Fehler¬
quellen wirksam werden: Erstens sind Tests (über
deren Problematik schon viel geschrieben wurde) nie¬
mals eine hundertprozentig sichere Entscheidungs¬
grundlage. Zweitens aber bleibt es dem kaufenden
oder mietenden Unternehmen überlassen, trotz un¬
genügenden Testergebnisses auf der Ausbildung eines
bestimmten Mitarbeiters für die Arbeit am Computer
zu bestehen: Die Computerfirma akzeptiert dies,
wenn auch zumeist ungern, als Kundenwunsch.
Die Ausbildung selber erfolgt in den Schulungs¬
abteilungen der Computerfirmen. Je nach installierter
Anlage (Kartenanlage, Band und/oder Platten¬
system, verwendete Programmiersprache, System mit
oder ohne Datenfernverarbeitung usw.) hat der Aus¬
zubildende einen oder mehrere Kurse von meist zwei¬
wöchiger Dauer zu absolvieren. Daß die Schüler hier,
möglichst lebenslang, auf das jeweilige Fabrikat „ein¬
geschworen" werden, versteht sich von selbst: Die
Vorteile der eigenen Marke und die Nachteile der
anderen sind nachher jedem bestens bekannt.
... und zur Last
Bisher war diese Schulung als Kundendienst kosten¬
los, man spricht jedoch bei allen Firmen schon seit
längerem davon, die Schulungskurse getrennt in Rech¬
nung zu stellen. Die enormen Schülerzahlen (bei der
IBM-Österreich zählte man im November 1970 den
zehntausendsten Schüler) machten modernste Schu¬
lungseinrichtungen notwendig, manche Firmen ver¬
frachten ihre Schüler sogar in Ausbildungszentren im
Ausland. Diese Geschenke an die Kunden wird man
sich auf die Dauer nicht mehr leisten können, wegen
des Mangels an anderen Ausbildungsmöglichkeiten
braucht man das auch nicht.
Die erfolgreichen Absolventen dieser Hersteller¬
kurse sind in der Regel mittel- bis hochqualifizierte
Fachkräfte, mit deren Hilfe das Instrument der EDV
— bei zweckmäßiger Gesamtorganisation und Inte¬
gration der EDV im Gesamtunternehmen — sinnvoll
eingesetzt werden kann. Es wäre jedoch ein Irrtum zu
glauben, daß diese Fachkräfte voll über die Funk¬
tionsweise, Möglichkeiten oder Grenzen eines Com¬
puters Bescheid wissen.
Ein Grund dafür liegt natürlich in der möglichst
kurz zu haltenden Ausbildungszeit, ein Punkt, in dem
sich kostenmäßige Überlegungen sowohl der Com¬
puterfirmen als auch der mietenden Unternehmen
treffen. Ein zweiter Grund, der schon eher im Inter¬
esse der Computererzeuger liegt, ist die ständige Er¬
findung neuer und immer einfacherer und dadurch
zeitsparender Programmiersprachen.
Ursprünglich programmierte man in Maschinen¬
sprache, heute in „problemorientierten" Program¬
miersprachen (COBOL, FORTRAN, PL 1, ALGOL
usw.). Kurz ein Beispiel zur Erklärung:
Möchte ich, daß jemand sich niedersetzen soll, hieße
das in Maschinensprache: „Beuge den Oberkörper
30 Grad vorne — spanne die Bauchmuskel — hebe
die Arme 45 Grad aufwärts — beuge langsam die
Knie bei gespannten Oberschenkeln, bis Kontakt mit
Sitzfläche vom Ge¬
hirn gemeldet —
Anspannung der
Bauch- und Schen¬
kelmuskeln lockern
— Arme entspannen
— Oberkörper um
30 Grad aufrichten."
In einer höheren
Programmiersprache
heißt das ganz ein¬
fach: „Setzen"!
Neues System — neue Kosten
Der Vorteil dieser Art von Programmierung ist
offensichtlich. Was aber infolge dieses einen Befehls
im Computer geschieht, davon hat der Programmierer
oder Systemanalytiker, der nur noch eine höhere Pro¬
grammiersprache gelernt hat, keine Ahnung. Dieses
Nichtwissen um die Funktionsweise bedingt aber auch
im gewissen Sinn ein Nichtwissen über Funktions¬
möglichkeiten.
Erfindet ein Computererzeuger eine neue Pro¬
grammsprache, was bestimmte Änderungen in der
Bauweise eines Computers zur Folge hat, so hat er
nur noch wenig Interesse daran, die älteren Pro¬
grammsprachen zu unterrichten, auch wenn alle bis¬
herigen Kunden diese verwenden. Die neu auszubil¬
denden Fachkräfte werden dann nach Möglichkeit
in der alten Sprache nicht mehr unterwiesen, die alten
werden nach und nach umgeschult, und die Unterneh¬
men stehen über kurz oder lang vor der Notwendigkeit,
auf ein neues System überzugehen.
Das erwähnte Beispiel der Programmsprachen ist
nur eine von mehreren Möglichkeiten, den Verkauf
neuer Systeme — die selbstverständlich auch ein bes¬
seres „Preis-Leistungs-Verhältnis" bieten — anzukur¬
beln. Die Grundlage für derartige Verkaufsstrategien
(ein besseres „Preis-Leistungs-Verhältnis" allein ist
offenbar kein zwingendes Argument, auf ein neues
System umzusteigen) aber ist das Ausbildungsmono¬
pol der Erzeuger. Eine westdeutsche Studie schreibt
dazu:2
„(Die) Aktivität... auf dem Gebiet der Ausbildung
entspringt der Erkenntnis, daß die wirtschaftliche
Entwicklung ... durch Ausbildung stark beeinflußt
werden kann und daß weiterhin die Einführung neuer
technischer Systeme nur dann erfolgreich wird, wenn
auch ausreichend qualifizierte Arbeitskräfte vorhan¬
den sind. Diese können aber nur durch eine planmäßige
und systematische Ausbildung bereitgestellt werden."
' Rolf Berke: Ausbildung für datenverarbeitende Berufe, ADI-
Verlag, Kiel, Herausgeber: Deutsches Institut für angewandte Da¬
tenverarbeitung (DIFAD), in der Arbeitsgemeinschaft für elektro¬
nische Datenverarbeitung und Lochkartentechnik e. V. (ADL),
Seite 89 f.
8 j ARBEIT UND WIRTSCHAFT 2/71
        

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