Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1971 Heft 02 (02)

der Gewerkschaftsversammlung benötigt. 48 Stunden
vorher muß allerdings auch noch eine Vorankündigung
an den Arbeitgeber, die Sicherheitspolizei und das
Arbeitsministerium erfolgen. Die Verfassung sieht
weiters vor, daß die Zuhilfenahme des Streiks zur Er¬
reichung politischer oder ähnlicher Ziele im Interesse
der Arbeitnehmer verboten ist. Verständlicherweise
wurde bisher kein einziger Streik zugelassen.
Sozialversicherung: Die Junta bereitet eine Reform
vor, welche die Krankengelder kürzt und die Aufwen¬
dungen für soziale Ausgaben vermindert.
Arbeitszeit: Das Gesetz 515/1970 verlangt nicht
mehr wie in der Vergangenheit eine Genehmigung der
zuständigen Stellen für Überstunden in der Industrie.
Mindestlohn: Bis 1967 wurde der Mindestlohn durch
einen nationalen Kollektivvertrag zwischen dem
GSEE und dem Arbeitgeberverband festgesetzt. Das
Gesetz 186/1967 übertrug die Entscheidung dem
Premierminister und drei Ministerien. Am 1. Okto¬
ber 1968 gab es eine Erhöhung um 7 Prozent, am
1. Mai 1969 eine um 8 Prozent. Seither gab es keine
Erhöhungen, außer in einigen wenigen Branchen.
Abfertigung: Das Gesetz 2112 aus dem Jahre 1920,
das den Arbeitgeber verpflichtete, einem Arbeitnehmer
bei Verlust des Arbeitsplatzes eine Abfertigung zu
zahlen, wurde beseitigt. Dieses Gesetz war eine der
ersten Errungenschaften der griechischen Gewerk¬
schaftsbewegung. Die Arbeitgeber verlangen, daß Ab¬
fertigungen aus einer Sonderkasse getragen werden,
die von den Arbeitnehmern selbst finanziert wird.
Auch andere Maßnahmen richten sich gegen die
Arbeitnehmer, verschiedene Betriebe wurden in die
Kategorie der öffentlichen Versorgungsbetriebe ein¬
gereiht, womit den dort Beschäftigten von vornherein
das Streikrecht entzogen wurde. In den öffentlichen
Betrieben wurden die Rechte der Arbeitnehmer bei
Beförderungen, Einstellungen oder Entlassungen
beschnitten. Die Studienbeihilfen, die früher Arbei¬
terkindern von den Arbeitsämtern gewährt wurden,
sind gestrichen worden. Bei der Eisenbahn wurden die
Überstunden- und Produktivitätsprämien eingestellt.
Abwanderung der Arbeitnehmer
Die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen
bewirkt eine stärkere Abwanderung der Arbeitneh¬
mer ins Ausland, vor allem in die Bundesrepublik
Deutschland, wo zurzeit fast 300.000 Griechen arbei¬
ten. Der Verlust dieser Arbeitskräfte, sowohl aus dem
landwirtschaftlichen wie aus dem industriellen
Bereich, hat bedrohliche Ausmaße angenommen und
bringt für viele Industrien ernsthafte Schwierigkeiten
mit sich. Auch die Handelsmarine spürt es sehr, daß
viele Seeleute wegen der schlechten Arbeitsbedingun¬
gen und der unzureichenden Entlohnung flüchten.
Em weiterer Grund für den Exodus ist der geringe
Unterschied in der Bezahlung von gelernten und un¬
gelernten Arbeitern. Allerdings hat die Emigration
vor allem politische Motive.
Schwacher Widerstand
Unter diesen Umständen fragt man sich, wo der
Widerstand der Arbeiter bleibt und welche Kampf¬
maßnahmen ihnen zur Verfügung stehen. Tatsächlich
sind die Verhältnisse von Beruf zu Beruf verschieden,
und der Unterschied zwischen Arbeitern und Ange¬
stellten bestimmt ihre uneinheitliche Haltung gegen¬
über den Arbeitgebern und dem Regime mit.
Entscheidend ist, ob in einem Wirtschaftszweig vor
der Diktatur eine starke und echte Gewerkschaft
bestanden hat. Das trifft etwa für die Bankangestell¬
ten und Beschäftigten in den gemeinwirtschaftlichen
Unternehmungen zu. Sie folgen damit den Eisen¬
bahnern (POS), den Schiffsleuten (PNO) und den
Tabakarbeitern (KO), die seit 1918 zu den Pionieren
der Gewerkschaftsbewegung zählten und eine kampf¬
bereite Tradition haben. Ihre Rolle wurde aber seit
der Befreiung sehr geschwächt, da ihre Führung in die
Hände der „Arbeiterpatrone" geriet.
Organisationen wie die der Bankangestellten und
der Beschäftigten in den gemeinwirtschaftlichen
Betrieben leben und lebten aber von den freiwilligen
Beiträgen ihrer Mitglieder und nicht von der „Foyer
Ouvrier", was ihnen eine gewisse Unabhängigkeit von
den Behörden gab.
Für die Industriearbeiter existierte in Wahrheit
keine freie Gewerkschaft, und die vielen Verbände
(Chemie, Textil, Mechaniker, Metall, Elektrizität
usw.) dienten sehr oft den Interessen der Arbeitgeber.
Weiters schwächte die große Zahl von 44 Verbänden
im Gewerkschaftsbund die Dynamik der Arbeiter
AUS DUNKLEN TIEFEN TAQEMPOR
STIMMEN DER DICHTER
DER HUNQER
Die Dreschmaschine steht. Der Slaub treibt weg
wie Nebel, die im Herbst sidi lang verspäten,
senkt auf die krummen Rücken, die verdrehten
Hälse sich. Und sie essen. Starr vor Dreck
wird kalt das Hemd am Leib. Der Sdiwciß klebt's
fest.
Her mit dem Brot, den Qurkcn! Mittagsstunde.
Kein Brocken geh verlorn, keine Sekunde!
Nach jedem Biß befiehlt der Hunger: Eßt!
Was sonst geschieht, das haben sie vergessen.
Und Biß trifft Biß. Es kann kein Biß mehr warten.
Dodi kaun sie gut an jedem Stück, dem harten.
Und essend füllen sie, wie blind und taub,
die Bauernlungen sich mit schwarzem Staub.
Sie essen, essen. Reden nicht. Sie essen.
Allila Jözsef, 1905-1937
übersetzt von Stephan Hermlfn
(Verlag Volk und Well, Berlin)
14 | ARBEIT UND WIRTSCHAFT 2/71
        

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