Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1971 Heft 10 (10)

Jeder dritte Arbeiter in Vorarlberg ist ein Gastarbei¬
ter. Die Wiener Wirtschaft würde — wie auch die
Wirtschaft Österreichs überhaupt—zurückfallen, wür¬
den wir nicht genügend Gastarbeiter beschäftigen.
Habe ich vorerst versucht, die menschlichen Aspekte
des Gastarbeiterproblems zu beleuchten, so möchte
ich mich nun der wirtschaftlichen Seite zuwenden.
Unsere Wirtschaft, besser gesagt jede Wirtschaft,
läuft nach einem bestimmten Zyklus ab. So ist unsere
Wirtschaft zum Beispiel konsumorientiert, das heißt,
auf einen einfachen Nenner gebracht, daß der Bedarf
nach Konsumgütern groß ist.
Dieser Bedarf (Nachfrage) verlangt eine verstärkte
Produktivität. Je mehr produziert wird, um so
mehr Waren können auf dem Markt zur Bedarfs¬
deckung angeboten werden. Von dieser Wechselbezie¬
hung zwischen Angebot und Nachfrage wird auch der
Preis der Waren bestimmt. Nur ein verstärktes An¬
bieten von Waren kann bei gleichbleibender Nach¬
frage, die als gegeben anzusehen ist, niedrige Waren¬
preise bewirken. Erhöhte Produktivität sichert uns
allen nicht nur Vollbeschäftigung, sondern bringt uns
auch Wohlstand. Die Produktion hat nun ihrerseits
einen großen Arbeitskräftebedarf, der auch nur durch
ein verstärktes Anbieten von Arbeitskräften gedeckt
werden kann.
Ganz entschieden muß etwaigen Bedenken bezüglich
des eigenen Arbeitsplatzes entgegengetreten werden.
Die Beschäftigung von Gastarbeitern bringt nicht den
eigenen Arbeitsplatz in Gefahr, denn nur eine florie¬
rende Wirtschaft sichert den Arbeitsplatz, und unsere
Wirtschaft braucht zum Glück mehr Arbeitskräfte, als
der inländische Arbeitsmarkt aufbringen kann.
Wir sind also auf die ausländischen Arbeitskräfte
angewiesen. Diese ausländischen Arbeitskräfte ermög¬
lichen uns ja erst zum Teil durch ihre Arbeit unseren
Wohlstand. Nicht nur ihre quantitative Leistung soll
hier besprochen werden, sondern auch die qualitative.
Werden doch gerade jene Arbeiten von den ausländi¬
schen Arbeitskräften verrichtet, die sich für Inländer
vielfach als nicht attraktiv genug darstellen. Besteht
doch das Bedienungspersonal im Gast- und Schank-
gewerbe, das Reinigungspersonal sowie das indu¬
strielle und baugewerbliche Hilfspersonal zu einem
beträchtlichen Teil aus Gastarbeitern.
Laut der aus dem Konjunkturbericht für das Jahr
1971 zu entnehmenden Statistik verteilen sich die
ausländischen Arbeitskräfte hauptsächlich auf fol¬
gende Berufsgruppen: Metall, Fremdenverkehr, Be¬
kleidung, Bauwesen, Handel, Chemie und Textil.
Insgesamt fanden in Wien im Monat März 1971
49.900 Gastarbeiter Beschäftigung. Zum Vergleich da¬
zu gab es im Monat Feber 1971 in Wien noch immer
14.448 offene Stellen.
Im gleichen Monat des vorigen Jahres betrug die
Zahl der offenen Stellen 12.843. Aus dieser Steigerung
der Anzahl der offenen Stellen um 12,5 Prozent ist
die Expansion und der damit verbundene Arbeits¬
kräftemangel der Wiener Wirtschaft erkennbar. Ver¬
anschaulicht wird diese Tendenz auch dadurch, wenn
man nun die Zahl der Arbeitssuchenden vergleicht.
Gab es im Feber 1970 noch 12.841 Arbeitssuchende, so
sank diese Zahl im Feber 1971 auf 11.377, also eine
Verringerung um 11,7 Prozent. Verschärft wird der
Arbeitskräftemangel noch durch die Zahl der soge¬
nannten Auspendler, das sind diejenigen Personen, die
zwar in Wien wohnhaft sind, aber ihren Arbeitsplatz
außerhalb Wiens haben. Diese Zahl belief sich im
Jahre 1970 immerhin auf 22.000 Personen.
Diese Zahlen untermauern zweifelsfrei die Notwen¬
digkeit und die Bedeutung der Gastarbeiter für die
Wirtschaft der Bundeshauptstadt. Ohne Einsatz von
ausländischen Arbeitskräften wäre das Wirtschafts¬
wachstum und die damit verbundene Steigerung des
Nationalproduktes unmöglich. So konnte zum Beispiel
das österreichische Bruttonationalprodukt im Jahre
1970 im Vergleich zum Jahre 1969 nominell um 12 Pro¬
zent beziehungsweise 7,1 Prozent real gesteigert wer¬
den.
Auch ein eventuelles Zurückgreifen auf die stillen
Arbeitskraftreserven, nämlich durch Erfassung der
zirka 215.000 nicht berufstätigen in Wien lebenden
Frauen, kann nicht den akuten Arbeitskräftemangel
beheben, da dieser Vorgang mit Rücksicht auf die
damit verbundenen familiären Probleme nur zum Teil
gangbar erscheint.
Gastarbeiter sind auch Konsumenten
Die Beschäftigung der Gastarbeiter darf aber nicht
nur von der Produktion her betrachtet werden, son¬
dern muß auch im Hinblick auf die Konsumation gese¬
hen werden. Die Gastarbeiter sind ihrerseits Konsu¬
menten, die ihren Bedarf nach Gütern haben, also
einen zusätzlichen Absatzmarkt für die heimische
Wirtschaft darstellen. So fließt ein Teil des von den
Gastarbeitern verdienten Geldes wieder in die heimi¬
sche Wirtschaft zurück.
Das angeschnittene Thema stellt sich derart viel¬
schichtig dar, daß man noch einen weiteren Aspekt in
Betracht ziehen muß, nämlich den bevölkerungspoliti¬
schen. War Wien einst Hauptstadt eines Staates mit
einer Bevölkerung von zirka 52 Millionen Menschen
und einer Flächenausdehnung von zirka 677.000 qkm,
so ist Wien heute die Bundeshauptstadt eines nur
knapp 84.000 qkm umfassenden Staates, mit einer Be¬
völkerung von etwas über 7 Millionen Menschen. Er¬
hielt Wien früher seinen Bevölkerungszuwachs durch
den Zuzug aus den damaligen Ländern der Donau¬
monarchie, so können wir derzeit nur aus einem ver¬
hältnismäßig kleinen Einzugsgebiet auf Bevölkerungs¬
zuzug rechnen. Infolge der zurzeit rückläufigen Ge¬
burtenanzahl nimmt die Bevölkerungszahl Wiens
jährlich ab.
Sicherlich wird sich diese Tendenz wieder beruhigen,
wobei das Manko zum Teil durch den Zuzug aus den
Bundesländern sowie auch durch den Verbleib von
Gastarbeiterfamilien wettgemacht werden kann.
Zur Völkerverständigung beitragen
Nicht unerwähnt soll auch der Umstand bleiben, daß
die Eindrücke, die die Gastarbeiter von unserer Stadt
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