Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1971 Heft 10 (10)

ÖGB ist initiativ"
Die Problematik der Beschäfti¬
gung von rund 155.000 ausländi¬
schen Arbeitskräften in Österreich
begegnet uns auf Schritt und Tritt.
Selbstverständlich ist auch der
Osterreichische Gewerkschaftsbund
als Interessenvertretung der Ar¬
beitnehmer damit konfrontiert.
Über Maßnahmen und Pläne des
ÖGB sprach Ernst Moravec mit
dem für Organisation und Koordi¬
nation zuständigen Leitenden
Sekretär des ÖGB, Abg. Erich
Hofstetten
Arbeit und Wirtschaft: Was be¬
trachtet der ÖGB als seine wichtig¬
sten Aufgaben in bezug auf die
Gastarbeiter?
Hofstetter: Grundsätzlich müssen
wir dafür sorgen, daß ihre arbeits-
und sozialrechtlichen Ansprüche
gewahrt werden, die ihnen gesetz¬
lich ebenso wie den österreichi¬
schen Kollegen zustehen. Im Be¬
trieb setzen sich die Betriebsräte
d:ifür ein, bei über den Betrieb
hinausgehenden Fragen stehen un¬
sere Beratungsstellen in den Be¬
zirkssekretariaten und in den Ge¬
werkschaften zur Verfügung.
Außerdem bekommen die Gast¬
arbeiter von uns — über Betriebs¬
räte und Bezirkssekretariate — ein
zweisprachiges Informationsblatt
mit den wichtigsten Auskünften
über ihre Rechte. Ein großes Ar¬
beitsgebiet sind natürlich Ma߬
nahmen, die sich auf die Freizeit
der Gastarbeiter beziehen.
Arbeit und Wirtschaft: Nützen
die Gastarbeiter die Möglichkeit,
sich in den Beratungsstellen des
ÖGB Information zu holen?
Hofstetter: Nach unseren bisheri¬
gen Erfahrungen: ja. Dies resultiert
vor allem schon daraus, daß der
Organisationsgrad der Gastarbeiter
befriedigend ist und sie den Ge¬
werkschaften meist sehr positiv ge¬
genüberstehen.
Arbeit und Wirtschaft: Um auf
den Freizeitsektor zurückzukom¬
men — was tut oder plant der ÖGB
in dieser Hinsicht?
Hofstetter: Wir wollen vielleicht
zwei Gebiete voneinander trennen:
Maßnahmen, die den Gastarbeitern
ermöglichen sollen, sich in ihrem
Gastland wohl zu fühlen, und Ma߬
nahmen, die ihnen weiterhelfen sol¬
len. Zu letzterem Punkt zählen alle
Möglichkeiten einer Weiterschu¬
lung, die vom ÖGB unterstützt
werden. Zur Überwindung der
Sprachbarrieren werden vom ÖGB
Deutschkurse der Volkshochschulen
angeregt. Die Werbung für diese
Kurse wird von den Betriebsräten
und den Bezirkssekretariaten
durchgeführt, das Material für die
Sprachkurse müßte zur Verfügung
gestellt werden.
Arbeit und Wirtschaft: Und wie
steht es mit der sogenannten Frei¬
zeitgestaltung?
Hofstetter: Vor allem muß man
klarstellen, daß es hier nicht ein¬
fach darum geht, Möglichkeiten für
den Zeitvertreib zu schaffen. Ge¬
rade in seiner Freizeit hat es der
Gastarbeiter am schwersten, schwe¬
rer als im Betrieb. Wir müssen ihm
die Grundlage dafür bieten, daß er
sich wohl fühlt, daß er sich in Öster¬
reich als Mensch fühlen kann. Das
ist für die Beziehung zwischen Her¬
kunftsland und Gastland, dafür,
was man in Jugoslawien oder in der
Türkei über unser Land denkt und
spricht, ungeheuer wichtig. Wir hal¬
ten mit den Gewerkschaftsverbän¬
den Jugoslawiens und der Türkei
ständig Kontakt, erhalten dadurch
Anregungen und Hilfe bei der
Organisierung von kulturellen Ver¬
anstaltungen wie zum Beispiel Hei¬
matabenden mit namhaften Kräf-
len etwa des Zagreber Rundfunks.
Die organisatorische Durchführung
übernimmt der ÖGB, die Kosten
werden durch den Verkauf von
Eintrittskarten gedeckt. Ein we¬
sentlicher Punkt ist auch die För¬
derung von Freizeitklubs. Der ÖGB
hat mehreren Gruppen, die sich zu¬
sammengefunden haben, Lokalitä¬
ten, Einrichtung und Material für
die Freizeitbeschäftigung zur Ver¬
fügung gestellt. Das kann und soll
aber nur eine Starthilfe sein. In der
Folge müssen sich die Klubs im
wesentlichen selbst verwalten und
auch die laufenden Ausgaben aus
den Klubbeiträgen der Mitglieder
bestreiten. Eine Arbeitsgemein¬
schaft dieser Vereinigungen, die die
Aktivitäten der einzelnen Klubs
koordiniert und verbessert, wäre
sicherlich nützlich.
Arbeit und Wirtschaft: Gibt es
eine Zusammenarbeit zwischen
ÖGB und anderen Institutionen?
Hofstetter: Wir stehen in ständi¬
gem Kontakt mit den Arbeits¬
ämtern und den Wirtschaftskam¬
mern, mit denen ja auch die Kon¬
tingente vereinbart werden. Auch
mit öffentlichen Dienststellen des
Bundes, der Länder und Gemein¬
den haben wir Kontakt. Gemein¬
same Informationsstellen — oder
besser: Servicestellen — sind im
Gespräch, wo der Gastarbeiter über
alle Fragen Rat und Auskunft er¬
halten kann. Damit sollen langwie¬
rige Laufereien von einem Amt
zum anderen vermieden werden.
Die rechtliche Situation würde
durch ein bereits geplantes moder¬
nes Ausländerbeschäftigungsgesetz
wesentlich übersichtlicher werden.
Derzeit gilt noch immer die reichs-
deutsche Verordnung über auslän¬
dische Arbeitnehmer vom 23. Jän¬
ner 1933, die 1938 auch in Öster¬
reich in Kraft gesetzt worden ist.
Sie entspricht natürlich den heuti¬
gen Anforderungen nicht mehr.
Arbeit und Wirtschaft: Plant der
ÖGB organisatorische Verbesserun¬
gen?
Hofstetter: Wir wollen den Kon¬
takt mit den Gastarbeitern dadurch
verbessern, daß wir zentral einen
serbokroatisch sprechenden Funk¬
tionär einsetzen werden. Dieser
Mann könnte auch Materialien aus¬
arbeiten, die die Landesexekutiven
und Gewerkschaften benötigen.
Auch eine entsprechende Beilage in
der „Solidarität" wäre günstig.
Arbeit und Wirtschaft: Kollege
Hofstetter, das klingt alles sehr
positiv. Vielleicht zu positiv, wenn
man bedenkt, welche Mißstände es
in der Praxis gibt?
Hofstetter: Alles, wovon wir bis¬
her gesprochen haben, bezieht sich
natürlich nur auf jene Gastarbeiter,
die auf Grund von Beschäftigungs¬
und Aufenthaltsgenehmigung ar¬
beitete; die uns allen bekannten
schrecklichen Mißstände, etwa bei
Quartierfragen, betreffen hingegen
meist illegale Einwanderer, „Touri¬
sten", die ohne Aufenthaltsgeneh¬
migung einreisen und ohne Be¬
schäftigungsgenehmigung arbeiten.
In diesen Fällen ist der ÖGB
machtlos, hat er keine Möglichkei¬
ten, helfend einzugreifen. Allge¬
mein kann man aber feststellen:
wo Gastarbeiter legal beschäftigt
werden, wo es agile Betriebsräte
und starke Gewerkschaftsorganisa¬
tionen gibt, dort gibt es auch die
wenigsten Mißstände und Schwie¬
rigkeiten.
Arbeit und Wirtschaft: Wir dan¬
ken für das Gespräch.
4 J ARBEIT UND WIRTSCHAFT 10/71
        

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