Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1978 Heft 07-08 (07-08)

Worauf deutet
der langfristige Trend?
Kommen wir auf den langfristigen
Trend der Arbeitslosigkeit zurück.
Deutet er auf ein sich verschlimmern¬
des Strukturproblem der amerikani¬
schen Wirtschaft? Ist er mit schwer -
wenn überhaupt - zu bewältigenden
technologischen Entwicklungen ver¬
bunden? Namhafte Wirtschaftsexper¬
ten haben das immer wieder abgestrit¬
ten. Die beiden wichtigsten Gründe für
dieses Abstreiten sollen kurz betrach¬
tet werden.
Erstens, so die Beweisführung der
Fachleute, lassen die Arbeitslosenzah¬
len für einzelne Berufs- und Indu¬
striegruppen keinen Schluß über eine
tendenzielle Zunahme strukturbeding¬
ter Stellenverluste zu. Sie leugnen
natürlich nicht ab, daß solche Stellen¬
verluste ein dauerndes Element der
Arbeitslosigkeit sind — nur daß es im
Verhältnis unverändert bleibt. Struk¬
turbedingte Stellenverluste werden
durch neue Arbeitsplätze in »struk¬
turgerechten«, expandierenden Indu¬
strien aufgewogen und überwogen.
Die Globalstatistik der Beschäfti¬
gung bekräftigt diese Ansicht. Die An¬
zahl amerikanischer Erwerbstätiger ist
während der Nachkriegsjahre um fast
drei Fünftel gestiegen (sie betrug
90,5 Millionen 1977). Der Anstieg wur¬
de zwar während fünf Rezessionsjah¬
ren unterbrochen, überflügelte lang¬
fristig aber trotzdem den in vergleich¬
baren Altersgruppen stehenden Bevöl¬
kerungszuwachs. Er wurde von tiefen
Veränderungen in der Berufs- und
Industriebeschäftigungsstruktur ge¬
kennzeichnet.
So zum Beispiel fiel der Anteil der
gewerblichen Industrie an den Arbeits¬
plätzen von 33% in 1950 auf 24% in
1977; der der dienstleistenden Indu¬
strien, eingeschlossen der öffentliche
Dienst, stieg dagegen von 25 auf 37%.
In allen Industrien wuchs der Anteil
der Angestellten auf Kosten der
Arbeiterschaft - von 18 auf 28% in
den gewerblichen Industrien, von
11 auf 21% beim Baugewerbe und von
7 auf 12% beim Groß- und Einzel¬
handel.
1976 war die Hälfte aller amerika¬
nischen Arbeitsplätze von Angesteil-
Redaktionsschluß für das Septem¬
berheft ist der 3. August, für das
Oktoberheft der 24. August und für
das Novemberheft der 22. Septem¬
ber 1978.
14 nrtxil wirtsduill 7/8/78
ten besetzt, verglichen mit 38% im
Jahr 1950. Die größte Ausdehnung
erfuhren die wissenschaftlich-tech¬
nischen Berufe und die verantwort¬
licheren Bürostellen sowie die unte¬
ren Stufen von Büro- und Verwaltungs¬
stellen. Der Anteil angelernter Arbei¬
ter an den Arbeitsplätzen ging dage¬
gen scharf zurück (von 20 auf 12%);
bei der Arbeiterschaft im Ganzen
wuchs bloß der Anteil dienstleistender
Arbeitsplätze, und das war auf die
zunehmende Bedeutung des Gesund¬
heitswesens zurückzuführen.
Der Verlust an Arbeitsplätzen für
angelernte und auch ungelernte Ar¬
beiter, zusammen mit der steilen Sen¬
kung der landwirtschaftlichen Er¬
werbstätigkeit — hier fiel der Anteil
von 13% in 1950 auf 3% in 1976 —,
liegt zweifellos an der Wurzel des
Problems der hohen Arbeitslosigkeit.
Wenn jener Verlust auch nicht mit
Arbeitslosigkeit gleichbedeutend ist,
so weist er doch auf Freisetzung vie¬
ler Männer, Frauen und Jugendlicher,
deren Anstellung durch technologi¬
sche Entwicklungen, Standortver¬
schiebungen, Mangel an Ausbildung
und oft auch persönliche Anpas¬
sungsschwierigkeiten behindert wird.
So eindrucksvoll die Beschäftigungs¬
ausweitung der Nachkriegsjahre war,
ihr gegenüber steht die noch schnel¬
lere Erhöhung der Arbeitslosigkeit:
diese verdreifachte sich fast zwischen
1947 bis 1949 und 1975 bis 1977 (von
durchschnittlich 2,7 Millionen auf
7,3 Millionen Personen). Das Anwach¬
sen einer dauernden und großteils
strukturellen Arbeitslosigkeit ist also
nicht leicht abzustreiten.
Aber es besteht ein zweiter wich¬
tiger Grund, aus dem die Experten
über eine wachsende Bedeutung der
strukturellen Arbeitslosigkeit streiten.
Sie führen nämlich an, daß die langfri-
stiae Zuwachsrate der Arbeitsproduk¬
tivität des Privatbereiches (für den
öffentlichen Bereich werden solche
Raten nicht berechnet) keine Be¬
schleunigung, im Gegenteil, seit 1965
eine Verlangsamung aufweise. Zwi¬
schen 1947 und 1965 betrug die Zu¬
wachsrate 3,2% pro Jahr; zwischen
1965 und 1976 1,7%. Also muß sich
die technologische Entwicklung ver¬
langsamt und als Quelle der Arbeits¬
platzverdrängung vermindert haben.
Das heißt, in der erstgenannten Nach¬
kriegsperiode war die rapide techno¬
logische Entwicklung zwar ein Faktor
der Arbeitsplatzverdrängung, sie wur¬
de aber großteils vom hohen Zuwachs
des Produktionsvolumens und somit
der Neuschaffung von Arbeitsplätzen
ausgeglichen. In der letztgenannten
Periode wird die Verlangsamung des
Zuwachses am Produktionsvolumen
und an den Arbeitsplätzen zur Ur¬
sache der Arbeitslosigkeit und kann
überdies die Auswirkung der techno¬
logischen Entwicklung auf die Ar¬
beitsplätze nicht wettmachen. Das ist
eine sehr vereinfachte, aber sicherlich
zutreffende Aussage. Wir können uns
hier nicht näher mit ihrer Problematik
befassen, auch nicht mit der Frage,
inwiefern die Produktivitätszuwachs¬
rate die technologische Entwicklung
»mißt«.
Im Spätkapitalismus — im Kapitalis¬
mus der Großkonzerne und hoher
staatlicher Forschungsausgaben —
schreitet die technologische Entwick¬
lung weitgehend unabhängig von den
Schwingungen im Produktions¬
volumen fort. Die »technologische«
Komponente der Produktivitätszu¬
wachsrate ist also schwer festzustel¬
len, und es bleibt fraglich, ob und
inwiefern diese jene mißt.
Die Produktivität
ist nicht gesunken
Der im Vergleich zur früheren Nach¬
kriegsperiode gesenkte Produktivi¬
tätszuwachs der letzten 10 bis 12 Jah¬
re wird manchmal dem angeblichen
Mangel an Fleiß und Arbeitssinn der
jüngeren Arbeitergeneration zuge¬
schoben, aber dafür lassen sich keine
stichhaltigen Beweise erbringen. Öf¬
ters wird vermutlich verlangsamter
technologischer Fortschritt als Grund
des verlangsamten Produktivitätszu¬
wachses angegeben, aber auch dafür
liegen keine eindeutigen Unterlagen
vor.
Wahrscheinlich beruht der Haupt¬
grund auf unzureichender Auslastung
der Industriekapazität, bei gleichzei¬
tiger Vorsicht bei Entlassungen (die¬
se sind kostspielig geworden). Der
Einfluß des unzureichenden Produk¬
tionsvolumens auf die technologische
Entwicklung wird gewöhnlich über¬
schätzt (das zeigen übrigens Studien
der Krisenzeit der dreißiger Jahre).
Wir können die Frage nicht weiter be¬
handeln, führen hier aber eine Tabelle
auf, die Veränderungen in der Anstel¬
lung mit Veränderungen im Produk¬
tionsvolumen ausgewählter Industrien
zwischen 1967 und 1976 vergleicht.
Die Tabelle zeigt, daß bei der über¬
wiegenden Anzahl von Industrien die
Anstellung zwischen den Stichjahren
entweder zurückging, während die
Produktion stieg (Gruppe 1); oder daß
sie meist langsamer als die Produk¬
tion stieg (Gruppe 2); oder daß sie
mehr als diese fiel (Gruppe 3).
        

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