Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1985 Heft 01 (01)

In diesem aktuellen
A&W-Gespräch werden
eine Reihe von Fragen an¬
geschnitten, die jeden
Gewerkschafter und be¬
sonders die Vertrauens¬
personen berühren (soll¬
ten), denen die Gewerk¬
schaftsbewegung mehr
als der kalte, sture, see¬
lenlose »Apparat« ist, als
der sie mitunter von
Kritikern hingestellt wird.
Das Gespräch spannt ei¬
nen großen Bogen von der
Zeit der Aufbaujahre, in
der die Gewerkschaft
ganz einfach gezwungen
war, sich buchstäblich um
alles zu kümmern, bis zur
Gegenwart, in der sich
eine jüngere Generation,
für die das alles in unend¬
lich weiter Entfernung
liegt, in einer gänzlich an¬
ders aussehenden Welt
zurechtfinden soll.
Die Aufgaben, die heute
die österreichische Ge¬
werkschaftsbewegung zu
bewältigen hat, sind auch
ganz andere, aber bewäl¬
tigt werden können sie
nur, wenn die Gewerk¬
schafter heute genauso
realistisch vorgehen, wie
es ihre Kolleginnen und
Kollegen vor vier Jahr¬
zehnten getan haben.
Der Gewerkschafter darf -
sagt Präsident Benya in
diesem Gespräch - keine
großen Versprechungen
machen, darf aber die
Leute auch nicht mutlos
machen. Er muß es im Ge¬
fühl haben, was er dem
Mitglied sagen kann. Er
braucht ja weder verzwei¬
felte Mitglieder noch Mit¬
glieder, die fragen, was die
Welt kostet.
Gewerkschaftsbund:
Politik für alle machen
»Arbeit & Wirtschaft«: In dieser
raschlebigen Zeit haben viele Leute
längst vergessen, daß es das, was in
letzter Zeit an öffentlichen Angriffen
auf den ÖGB-Präsidenten zuge¬
kommen ist, alles schon - und in weit
ärgerer Form - vor zwei Jahrzehnten
gegeben hat, als wegen eines Radau¬
bruders und Provokateurs gegen An¬
ton Benya eine regelrechte Diffamie¬
rungskampagne geführt wurde.
Kollege Benya, du hast das damals
verhältnismäßig gelassen hinge¬
nommen und glänzend überstanden,
auch jetzt bist du sehr zurückhaltend.
Bei manchen heutigen Äußerun¬
gen scheint es aber, als ob zwar nur
der ÖGB-Präsident angesprochen
sei, die Stoßrichtung aber auf den
ÖGB oder zumindest auf die gesamte
ÖGB-Führung zielt.
Anton Benya: Wenn man die Per¬
son, die eine große Organisation ver¬
tritt und dadurch auch Gewicht bei
Aussagen in der Öffentlichkeit hat, in
den Hintergrund schieben, sie ein
wenig herabsetzen will, ist da und
dort sicher die Absicht damit verbun¬
den, daß das Gewicht des Gewerk¬
schaftsbundes durch seinen Spre¬
cher nicht zu sehr zum Ausdruck
kommt. Dennoch erkennen weite
Kreise der Bevölkerung sehr wohl,
daß die österreichische Gewerk¬
schaftsbewegung eine Politik betrie¬
ben hat und betreibt, die im Interesse
des ganzen Landes liegt.
Wer meint, es sei ja nicht eine Auf¬
gabe für die gesamte Bevölkerung,
der irrt. Man kann nicht Politik für ei¬
nen Kreis, sondern muß Politik für alle
Menschen machen.
»Arbeit & Wirtschaft«: Was steht
da im Vordergrund?
Anton Benya: Wir müssen dafür
sorgen, daß möglichst viele Men¬
schen in Beschäftigung stehen, in In¬
dustrie, Handel und Gewerbe und in
der Landwirtschaft. Wir müssen dafür
sorgen, daß die Menschen, die in Be¬
schäftigung sind, auch verdienen,
damit sie eine entsprechende Kauf¬
kraft haben. Die Arbeitnehmer bezie¬
hen Agrarprodukte, die Landwirt¬
schaft kauft Konsumgüter. Beide
müssen zum Kauf der Ware entspre¬
chende Einkommen haben. Daher
kann man nur eine Politik für alle ma¬
chen. Das hat sich in Österreich be¬
währt.
Offene Worte
»Arbeit & Wirtschaft«: Auslösen¬
des Moment für verschiedene Aussa¬
gen anderer war eine Bemerkung des
Abgeordneten Robert Graf, eines der
gescheitesten Leute auf der anderen
Seite der Sozialpartnerschaft. Eine
gewollte Beleidigung kann man aus¬
schließen, das hat er ja bei einer
Fernseh-Pressestunde ausdrücklich
erwähnt. Man muß aber dazufügen,
daß Robert Graf auch gegenüber
Leuten seiner eigenen Partei nicht
zimperlich ist. So hat er gesagt, die
Idee, das Aluminiumwerk Ranshofen
zuzusperren, halte er für absurd, und
die Behauptung, man müsse von
Vollbeschäftigung und Wirtschafts¬
wachstum Abschied nehmen, sei un¬
erträglich.
Anton Benya: Mit dem Präsidenten
Robert Graf hatte ich immer ein sehr
gutes Verhältnis und habe es auch
heute, das ist keine Frage. Er ist ein
hervorragender Formulierer, und das
geistreiche Spiel mit Worten liegt ihm
ganz besonders. Wenn er ein Wort¬
spiel fand (der Präsident des ÖGB sei
im ÖGB »eingeschränkt«, Anmer¬
kung), konnte das natürlich einer
Herabsetzung schon sehr nahekom¬
men, blieb aber eben ein Wortspiel.
Ansonsten ist Robert Graf ein Mann
der Wirtschaft, der sehr wohl weiß,
daß Österreich sich nur weiterent¬
wickeln kann, wenn wir produzieren,
wenn wir ein entsprechendes Wirt¬
schaftswachstum haben, wenn wir
Produkte erzeugen, die im Ausland
gekauft werden, wenn wir im Frem¬
denverkehr durch ein entsprechen¬
des Serviceangebot Gäste nach
Österreich bringen. Da sind wir auf
der gleichen Linie.
Die Bedeutung
der Energie
»Arbeit & Wirtschaft«: Ein Dauer¬
brenner der letzten Zeit ist die Ener¬
giefrage. Nun haben seit 1948 - das
kann man nachlesen - alle zehn Kon¬
gresse des Gewerkschaftsbundes die
Bedeutung der Energie und der Um¬
weltfragen hervorgehoben, und der
10. Kongreß - 1983 - nahm doch ei¬
gentlich vieles von dem vorweg, was
von sogenannter grüner Seite ver¬
langt wird: So forderte der 10. ÖGB-
Bundeskongreß, daß veraltete kalori¬
sche Kraftwerke erneuert bezie¬
hungsweise Altanlagen durch Einbau
von Kraft-Wärme-Kupplungen und
Entschwefelungsanlagen nach dem
1/85 arbeit Wirtschaft n
        

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