Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1985 Heft 01 (01)

/frit/k-nMi/ssion-ßornmentar
Lohnnebenkosten
Herr Dr. Schwarz hat in Heft
11/84 sehr »überzeugend«
dargelegt, daß der seitens der
Wirtschaft immer wieder in die
Diskussion gebrachte Wert
von 90% und mehr Lohnne¬
benkosten nicht den Tatsa¬
chen entspricht. Dabei sind
ihm allerdings ein paar »klei¬
ne« Fehler unterlaufen. So
dürfte er übersehen haben,
daß er »in Hundert« - und
»von Hundert« - Prozentwerte
großzügig addiert. Bezieht
man aber alle Werte auf den
Lohn für die Anwesenheitszeit
(also auf 84% nach diesem
Beispiel), ergeben sich auch
hier schon Lohnnebenkosten
von fast 85%. Und dies, ob¬
wohl Herr Dr. Schwarz die tat¬
sächlich bezahlten Sozialver¬
sicherungsbeiträge, Sonder¬
zahlungen und freiwilligen
Sozialleistungen (zuletzt für
die Industrie erhoben 1981)
kraß unterschätzt. Es gibt
nämlich neben Weihnachts¬
und Urlaubsgeld bei vielen Be¬
trieben noch weitere Sonder¬
zahlungen, wie Bilanz- und
Jubiläumsgelder, Ertragsbe¬
teiligungen, Prämien usw., be¬
ziehungsweise Betriebspen¬
sionen, freiwillige Familien¬
beihilfen usw. als freiwillige
Leistungen. Die »Freiwillig¬
keit« besteht allerdings häufig
nur darin, daß lediglich kein
gesetzlicher Zwang vorliegt,
die in Frage stehenden Auf¬
wendungen aber sehr häufig
durch Kollektivvertrag oder
Betriebsvereinbarung festge¬
legt und keineswegs einseitig
aufkündbar sind.
Die »Besonderheiten kalku¬
latorischen Rechnens« beste¬
hen auch nicht darin, durch
Manipulation der Bezugs¬
größe das »tatsächliche Aus¬
maß der Kosten weitaus über¬
trieben darzustellen«, wie be¬
hauptet wird, sondern sie sind
einfach in der Tatsache be¬
gründet, daß ein Unternehmer,
um die Kosten eines produ¬
zierten Stücks kalkulieren zu
können, bei gegebenen Ko¬
sten für Roh- und Hilfsstoffe,
Energie, Abschreibungen usw.
wissen muß, was ihn eine ge¬
leistete Arbeiterstunde insge¬
samt kostet. Daß ein Arbeiter
während seines Urlaubs oder
an Feiertagen dem Betrieb
nicht zur Verfügung steht, ist
aber wohl unbestritten.
Auch die Behauptung, daß
die während des Urlaubs lie¬
gengebliebene Arbeit eben
nachher eingeholt werden
müsse, ist leicht zu widerle¬
gen. 1983 lag im Monat August
die Beschäftigtenproduktivität
um gut 12% unter dem Jah¬
resdurchschnitt, im November
aber 9% darüber.
Bezeichnenderweise war
aber die »Stundenproduktivi¬
tät« im November nur 2% hö¬
her als der Jahresdurchschnitt
und im August gleich hoch wie
dieser.
Schließlich noch ein Wort
zum Krankenstand: Bei Ein¬
führung des Entgeltfortzah¬
lungsgesetzes wurden dem
Betrieb dafür, daß er dem Ar¬
beiter während des Kranken¬
stands seinen Lohn fortzahlte,
mehr als 120% refundiert, da
ja auch dieser Lohnanteil mit
Sozialabgaben belastet ist.
Mittlerweile ist die Refundie-
rungsquote auf 80% gesenkt
worden, so daß der Betrieb
zumindest 20% des Aufwands
aus eigenen Mitteln aufbrin¬
gen muß. Bei Angestellten trifft
ihn ohnehin schon seit langem
die volle Last.
Zweifellos hat Dr. Schwarz
recht, wenn er meint, daß vor
allem die absolute Höhe der
Arbeitskosten von Bedeutung
ist, doch sollte man nicht
übersehen, daß bei Einkom¬
mensvergleichen, speziell bei
Arbeitern, gewöhnlich ledig¬
lich die reinen Stundenver¬
dienste, ohne Rücksicht auf
hohe oder niedrige sonstige
Leistungen des Arbeitgebers,
herangezogen werden und bei
vielen Kollegen ein falsches
Bild über ihre tatsächliche
Einkommenssituation erwek-
ken. Ob der in Österreich ein¬
geschlagene Weg einer stän¬
digen Verlagerung des
Schwerpunkts der Arbeitsko¬
sten auf die Lohnnebenkosten
zielführend und sinnvoll ist,
wage ich zu bezweifeln. Be¬
reits beschlossene Maßnah¬
men (Verlängerung des Min¬
desturlaubs, Erhöhung der
Sozialversicherungsbeiträge
usw.) lassen uns jedenfalls
»hoffen«, daß in wenigen Jah¬
ren die Lohnnebenkosten mit
den Stundenlöhnen gleich¬
ziehen.
Dkfm. Günther Herget
(Bundeskammer
der gewerblichen Wirtschaft)
Dazu nimmt
Dr. Bernhard Schwarz
wie folgt Stellung:
Die Argumente von Herrn
Dkfm. Herget gegen meine
Vorgangsweise bei der
Lohnnebenkostenberechnung
in AW 11/84 haben mich in
keiner Weise zu einer Revi¬
sion meiner Auffassungen
veranlaßt, und zwar aus fol¬
genden Gründen:
1. Es dürfte wohl unbestrit¬
ten sein, daß Lohnnebenko¬
sten eine Summe lohnabhän¬
giger Leistungen und Abga¬
ben des Arbeitgebers sind,
Summen können meiner Mei¬
nung nach nur durch Addition
von Einzelposten errechnet
werden.
Zu welch abstrakten Ergeb¬
nissen man ansonsten kommt,
zeigt Herr Dkfm. Herget, wenn
er die von mir in einem Bei¬
spielsfall ermittelten 71 % Ne¬
benkosten zum Anwesen¬
heitslohn auf 85% »hoch¬
rechnet«.
Er verwendet dabei die aus
den Veröffentlichungen der
Bundeswirtschaftskammer
bekannte Methode, deren
Funktionsweise ich kurz mit
einem grob vereinfachten
Zahlenbeispiel zeigen möch¬
te:
1. Schritt:
Von den 52 Wochen des
Jahres werden zehn Wochen
bezahlte Abwesenheitszeit
abgezogen - die verbleiben¬
den 42 Wochen stellen in der
Arbeitgeberrechnung die Aus¬
gangsbasis von 100% Anwe¬
senheitslohn dar.
2. Schritt:
Zu diesen 100% werden nun
nochmals die bezahlten Ab¬
wesenheitszeiten, wie Urlaub
usw., hinzugerechnet, und
zwar diesmal in prozentuellem
Ausmaß. Wenn der Arbeitge¬
ber also im Jahr 52 Wochen¬
löhne zahlt, macht dies nach
dieser Rechnung bereits
124% des Anwesenheitslohns
aus.
3.Schritt:
Jede Kostenbelastung, die
in der Realität natürlich nur in
Relation zum Bruttolohn ent¬
steht, wird nun zu dieser Aus-
gangsbasis von 124% in Be¬
ziehung gesetzt.
Auf diese Weise werden bei¬
spielsweise Abwesenheitszei¬
ten im Ausmaß von 19% der
Jahresarbeitszeit zu 24%
Lohnnebenkosten, ein Anteil
der Arbeitgeberbeiträge zur
Sozialversicherung von 28%
des Bruttolohns geht in die
Nebenkostenrechnung mit
35% ein!
Im Klartext heißt das, daß die
herkömmliche Lohnnebenko¬
stenrechnung aus 28 S realen
Arbeitgeberbeiträgen zur so¬
zialen Sicherheit fiktive 35 S
Lohnnebenkosten macht.
Ich werde mich hüten, diese
Rechnung als Manipulation zu
bezeichnen. Mag sein, daß sie
für gewisse Kalkulationen Be¬
rechtigung hat.
Entschieden bestreite ich
allerdings die Eignung sol¬
cher kalkulatorischer Größen
für die Bezifferung des tat¬
sächlichen Aufwands eines
Unternehmens für die Ar¬
beitskraft. Der Verdacht liegt
nahe, daß die öffentliche Ar¬
gumentation mit solchen
Zahlen der politischen Pro¬
paganda dient, mit der gegen
gewisse sozialpolitische Lei¬
stungen und Forderungen
Stimmung gemacht werden
soll.
1/85 arbeit Wirtschaft 3
        

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