Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1985 Heft 01 (01)

2. Herr Dkfm. Herget wirft
mir vor, ich hätte die den Ar¬
beitnehmern tatsächlich zu¬
kommenden Sozialleistungen
»kraß unterschätzt«, und führt
zum Beleg dieses Vorwurfs
eine Reihe freiwilliger Sozial¬
leistungen an. Ich bestreite
nicht, daß es da und dort sol¬
che Leistungen gibt. Man hört
ja jetzt viel darüber, daß sie
abgebaut werden.
Es gibt aber nicht nur Fälle
überdurchschnittlicher Sozial¬
leistungen, sondern auch sehr
viele Fälle, in denen Leistun¬
gen nicht realisiert werden, die
in der Rechnung enthalten
sind. Gar nicht so wenige Kol¬
lektivverträge sehen bei¬
spielsweise nicht einmal volle
14 Monatsbezüge im Jahr vor;
viele Arbeitsverhältnisse en¬
den ohne Abfertigungsan¬
spruch; durch das Überschrei¬
ten der gesetzlichen Höchst-
beitragsgrundlagen vermin¬
dert sich die prozentuelle Be¬
lastung des Lohns mit Arbeit¬
geberbeiträgen zur sozialen
Sicherheit zum Teil beträcht¬
lich.
Alle globalen Berechnun¬
gen müssen zwangsläufig auf
Durchschnittswerten beru¬
hen, und diesbezüglich bin
ich ganz sicher, mit 3% frei¬
willigen Sozialleistungen, die
in meiner Rechnung enthal¬
ten sind (das ist immerhin fast
ein halber Fünfzehnter im
Jahr), nicht von einer realisti¬
schen Einschätzung abzu¬
weichen.
3. Meine Hinweise im Artikel,
daß entgeltpflichtige Abwe¬
senheitszeiten oft durch den
Arbeitnehmer selbst »einzu¬
arbeiten« sind, haben - weil
zahlenmäßig nicht faßbar - in
meine Lohnnebenkosten¬
rechnung keinen Eingang ge¬
funden.
Wenn aber das von Herrn
Dkfm. Herget angegebene
Produktivitätsminus für den
Urlaubsmonat August tatsäch¬
lich nur 12% beträgt, so wer¬
den damit meine Erwartun¬
gen, was das tatsächliche
Ausmaß der »Einarbeitung«
von Abwesenheitszeiten
durch den Arbeitnehmer
selbst betrifft, weit übertrof¬
fen: Immerhin darf man an¬
nehmen, daß im beliebtesten
Urlaubsmonat August etwa
40% aller Arbeitnehmer ihren
Urlaub verbrauchen - und
dennoch wird nur um 12%
weniger produziert!
Ich selbst nehme diese Zah¬
lenspielerei nicht sehr ernst
und empfehle Herrn Dkfm.
Herget dasselbe für seine
rechnerischen Bezüge zwi¬
schen Produktivität und Ar¬
beitsbelastung des einzelnen.
Wahrscheinlich gibt es Dinge
zwischen Himmel und Erde,
die sich statistisch nicht erfas¬
sen lassen.
4. Der Hinweis Dkfm. Her-
gets, wonach der Erstattungs¬
fonds nur 80% des Kranken¬
entgelts für Arbeiter ersetzt,
stimmt nur für größere Betrie¬
be. In kleineren gilt nach wie
vor die volle Erstattung. Im üb¬
rigen wurde der Entgeltfort¬
zahlungsbeitrag, den die Un¬
ternehmen zu zahlen haben
und der mit Recht in die Lohn¬
nebenkostenrechnung ein¬
fließt, von ursprünglich 3,8%
auf (für 1985) 2,6% gesenkt -
immerhin eine Reduktion die¬
ses Postens der Nebenkosten
um mehr als 30%.
5. Herrn Dkfm. Herget irrt,
Die brutale Praxis von Un¬
ternehmern gegen Arbeiter
in ihren Betrieben, die Ernst
Moravec in »Arbeit & Wirt¬
schaft« Nr. 11/84 zusammen¬
faßte, ist eine sehr aufschlu߬
reiche Auseinandersetzung mit
der sozialpartnerschaftlichen
Realität. Argumente wie Wat¬
schen, Faustschläge, Fußtrit¬
te, Entlassungen, Beschimp¬
fungen usw. sind seitens der
Unternehmer keine Seltenheit.
Besonders der Fall vom 21.
August 1984 in einem Glasbe¬
trieb in Tirol, wo der Unter¬
nehmer Kisslinger einen Be¬
triebsratskandidaten bewußt¬
los schlug und gleich in einem
Aufwaschen einen Teil der Ar¬
beiter mit der Entlassung ter¬
rorisierte, ist ein Fall, bei dem
man nicht zur Tagesordnung
übergehen sollte.
Gut, der rabiate Unterneh¬
mer hat sich im Fernsehen
entschuldigt. Was allerdings
ändert das an den mittelalterli¬
chen Zuständen, die noch in
vielen Betrieben herrschen?
Zwar wird sich der Unterneh¬
mer wahrscheinlich noch vor
Gericht verantworten müssen.
Die Geldstrafe (wenn er eine
solche überhaupt bekommt)
wenn er meint, daß ich einer
Erhöhung der Lohnnebenko¬
sten das Wort rede. Im Gegen¬
teil - es gibt gute Gründe, für
die Finanzierung der sozialen
Sicherheit in Hinkunft nicht
nur Löhne und Gehälter als
Bezugsbasis heranzuziehen.
Die Benachteiligung arbeitsin¬
tensiver Produktionen und
Dienstleistungen ist schon
derzeit nicht zu übersehen.
Computer verursachen
keine Lohnnebenkosten,
wohl aber Ausgaben für Ar¬
beitslosenversicherung, Ar¬
beitsmarktservice und Früh¬
pension durch die Allge¬
meinheit.
Derzeit scheint es noch sehr
viele ideologische Barrieren
auf der Arbeitgeberseite ge¬
gen den Ersatz gewisser
Lohnnebenkosten durch eine
Form von Wertschöpfungs¬
abgabe zu geben. Hoffen wir,
daß diese abgebaut werden.
Bernhard Schwarz
wird er von dem Profit, den er
aus seinen Sklaven heraus¬
holt, sicherlich leicht bezahlen
können. An der Tatsache, daß
ein Teil der »Mitarbeiter« be¬
reits entlassen wurde bezie¬
hungsweise um rechtliche An¬
sprüche prozessieren muß,
wird sich nichts ändern.
Wenn man von solchen
Willkürakten erfährt, und wie
Kollege Moravec erinnert,
handelt es sich beileibe um
keine Einzelfälle, so muß man
sich schon fragen, was das
ganze Gefasel von der angeb¬
lich so wertvollen Sozialpart¬
nerschaft wirklich wert ist.
Wenn eine Einrichtung, um
die uns angeblich fast die
ganze Welt beneidet, nicht in
der Lage ist, mit solchen Aus¬
wüchsen fertig zu werden, so
muß daran doch wohl etwas
faul sein. Früher, vor den sieb¬
ziger Jahren, hat man sich
sehr gern auf die Koalition und
das »schwarze Gewicht« aus¬
geredet. Jetzt, nach gut einem
Dutzend Jahren SP-Regie-
rung, sollten aber solche Un¬
ternehmerpraktiken der Ver¬
gangenheit angehören. Und
wenn ein sogenanntes
schwarzes Schaf wirklich
Der Affe
und der Spiegel
Ein Buch ist ein Spiegel, wenn
ein Affe hineinsieht, so kann
kein Apostel herausgucken.
Wenn ein Kopf und ein Buch
zusammenstoßen, und es tönt
hohl, muß es dann allemal ein
Buch sein? (Georg Christoph
Lichtenberg, deutscher Philo¬
soph, 1742-1799)
einmal Amok läuft, dann
müßte das Gesetz doch für alle
gleich angewendet werden.
Was wäre wohl, um beim an¬
geführten Beispiel zu bleiben,
mit dem Arbeiter Kiener ge¬
schehen, wenn er den Unter¬
nehmer Kisslinger niederge¬
schlagen hätte, und dieser
wäre tagelang mit einer Ge¬
hirnerschütterung und Verlet¬
zung des Halswirbels im Spital
gelegen?
Meiner Meinung nach tun
die zuständigen Gewerkschaf¬
ten bei Bekanntwerden sol¬
cher Unternehmerübergriffe
zuwenig. Anprangern und
Rechtsschutz ist gut, aber ak¬
tive Solidarität aus den Betrie¬
ben wäre besser. Wenn die
Unternehmer merken würden,
daß derartige Übergriffe nicht
isoliert behandelt, sondern zu
einem Anliegen der gesamten
Arbeiter gemacht werden, so
würde das möglicherweise die
diversen Festreden der So¬
zialpartner etwas stören, aber
dafür das Solidaritätsbewußt¬
sein der Arbeiterschaft stär¬
ken. Hans Resch, Wien 5
BTX-Verwirrung
Im Novemberheft (Seite 9, 2.
Spalte) hat sich im Beitrag
»BTX« ein ärgerlicher Zeilen¬
salat ergeben, der den Sinn
unverständlich machte. In die¬
sem Beitrag von Helga Hauser
soll es über BTX richtig heißen:
»als interesseaktives Medium
ist es, solange es noch nicht
abberufen ist oder wird, sozu¬
sagen inexistent. Es verlangt
vom Benutzer auch mehr Akti¬
vität als von einem Zeitungsle¬
ser, der vielleicht nur >en pas-
sant< sein Journal durchblät¬
tert. BTX kann nur konsumie¬
ren", wer eine minimale Pro¬
grammzielstrebigkeit aufzu¬
bringen gewillt ist; also sucht,
immer wieder Entscheidungen
trifft, um zu einem Ergebnis zu
kommen, das genaue Gegen¬
teil von passiver Erduldung.«
Die Redaktion ersucht um
Nachsicht.
Solidaritätsbewußtsein
der Arbeiter gegen Terror
von Unternehmern stärken
4 arbeit Wirtschaft 1/85
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.