Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1986 Heft 05 (05)

Verdrossenheit trotz
guter Entwicklung?
»Arbeit & Wirtschaft«: Die Lage
der österreichischen Wirtschaft, für
die Gewerkschaften ein ausschlag¬
gebender Faktor, ist im allgemeinen
recht gut, man könnte sagen weit
besser als in manchem anderen
Land. Woher kommt dann eine ge¬
wisse allgemeine Verdrossenheit?
Wirkt sich vielleicht die Parteipolitik,
wie gerade im Wahlkampf der letzten
Wochen, auch auf die Gewerkschaf¬
ten aus?
Anton Benya: Sicher spielen politi¬
sche Auseinandersetzungen eine
große Rolle, denn wenn die Opposi¬
tion versucht, die Regierungspolitik
und damit die gegnerischen Parteien
in Mißkredit zu bringen, dann mußsie
einen Weg suchen, von dem sie
meint, daß er in der Öffentlichkeit
eine große Wirkung hat.
Objektiv gesehen, kann man aber
an der Gesamtlage der österreichi-
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sehen Bevölkerung wenig Kritik
üben, weil es in den letzten Jahren ge¬
lungen ist, trotz weltweiter Schwie¬
rigkeiten, in Österreich eine Wirt¬
schaftsentwicklung mit relativ hoher
Beschäftigung und einer für westeu¬
ropäische Verhältnisse niedrigen Ar¬
beitslosenrate zu haben. Das ist
schon sehr wertvoll. Wenn nun noch
heuer die Inflationsrate zwischen 2
und 2,5% liegen wird, dann ist das
mehr als eine Halbierung der Jahres¬
rate 1984. Auch wenn unsere Lohn¬
politik den wirtschaftlichen Möglich¬
keiten angepaßt und nicht überzogen
ist, ist doch in den letzten Jahren
durch das Absinken der Inflationsrate
auch eine Reallohnsteigerung her¬
ausgekommen. Wird aber erklärt, al¬
les ist schlecht, na dann bekommt der
einzelne das Gefühl, eigentlich
könnte doch alles viel besser sein.
Was die letzte Zeit betrifft, kommt
natürlich dazu, daß wir im Bereich der
verstaatlichten Unternehmungen
Schwierigkeiten haben, speziell im
Eisen- und Stahlsektor. Das ist zwar
international schon seit Jahren der
Fall, aber Österreich wurde von die¬
ser Entwicklung längere Zeit nicht
eingeholt. Ein Jahrzehnt, bis 1981,.
hatten wir Vollbeschäftigung, und
erst in den letzten Jahren ist leider
auch in Österreich die Arbeitslosen¬
rate gestiegen.
Auch in der Zweiten
Republik mußten
Krisen bewältigt werden
»Arbeit & Wirtschaft«: Jetzt ist eine
Generation herangewachsen, die das
Heldenzeitalter der Zweiten Republik,
wenn man so sagen darf, die Jahre
der Aufbauphase nur vom Hörensa¬
gen kennt. Wenn es in der Mitte der
fünfziger Jahre mehrere Beschäfti¬
gungskrisen gab, so war damals von
Vollbeschäftigung keine Rede. Aber
das Ziel der Gewerkschaften war im¬
mer, die Wirtschaftspolitik dorthin zu
bringen, nach möglichst hoher Be¬
schäftigung zu trachten, was dann
auch in die Vollbeschäftigung ge¬
mündet hat, mit einer Arbeitslosen¬
rate zwischen 1,5 und 2,5%, die weit
unter der internationalen Marke der
Vollbeschäftigung lag. Ist aber die
rauhe Wirklichkeit von heute, die ja
auch eines Tages Österreich errei¬
chen hat müssen, so arg, daß dieses
beständige Ziel der Gewerkschaften
in so eine weite Ferne gerückt ist? Wir
sprechen gar nicht mehr von Vollbe¬
schäftigung, sondern nur noch von
möglichst hoher Beschäftigung.
Anton Benya: Sicher streben die
Gewerkschaften international und
auch hier die Vollbeschäftigung an,
von der man bei einer Arbeitslosen¬
rate von 3% und darunter sprechen
kann. Nach dem, was sich weltweit
abzeichnet, dürfte dies aber schwer
erreichbar sein. Wahrscheinlich wird
die Arbeitslosigkeit auf längere Zeit
höher sein.
Man darf auch nicht vergessen, daß
erstens einmal mehr Frauen in den
Arbeitsprozeß eingeströmt sind, weil
es natürlich auch für die Familie an¬
genehmer ist, daß das Familienein¬
kommen vermehrt wird. Die Wirt¬
schaft hat's auch benötigt, da waren
Arbeitskräfte interessant, wir haben
daher auch über 260.000 Gastarbeiter
hereingenommen. Als mehr Österrei¬
cher in den Arbeitsprozeß hineinge¬
wachsen sind, ist die Gastarbeiter¬
quote abgesunken, an die 100.000
wurden durch heimische Arbeits¬
kräfte ersetzt.
Zurückblickend möchte ich auch
sagen, daß in der Aufbauphase für
das Land selbst mehr zu leisten war.
Es mußten die Kriegsschäden besei¬
tigt werden, es wurden Großbauten
errichtet, es wurde in der E-Wirt-
schaft versucht, für die Zukunft ent¬
sprechend Vorsorge zu treffen. Fer¬
ner wurden, als der Verkehr auf der
Straße zunahm, Straßen verbreitert,
Autobahnen angelegt. Das war die
Phase der notwendigen Anpassung
an eine moderne Welt. Jetzt ist nicht
mehr das gleiche Tempo möglich.
Es wäre genug zu tun
»Arbeit & Wirtschaft«: Ist in dieser
Aussage nicht eine gewisse Resigna¬
tion zu erkennen, oder gäbe es nicht,
so wie die Bauarbeiter vor kurzem
erst gesagt haben, auch für die Bau¬
wirtschaft noch genug zu tun?
Anton Benya: Sicher gäbe es ge¬
nug zu tun. Das gehört vielleicht
ganz vorne hin! Nur ist die Frage,
wenn die öffentliche Hand Investi¬
tionen tätigen will, in erster Linie
Kraftwerksbau, Straßenbau, Woh¬
nungsbau, zumindest sozialen
Wohnungsbau, da müssen ja auch
öffentliche Mittel eingesetzt werden.
Wie kommt der Staat, wie kommen
die Gemeinden zu diesen Mitteln?
Österreich muß Waren exportieren,
damit Geld hereinkommt, denn für
uns allein zu erzeugen, da ist die In¬
dustrie zu groß. Das heißt, Österreich
ist ein exportorientiertes Land. Wir
müssen Waren produzieren und ver¬
kaufen, und wir müssen durch gute
Serviceleistungen den Fremdenver¬
kehr ausbauen, damit Gäste nach
Österreich kommen.
Eine hohe Beschäftigung bringt
auch entsprechende Steuereinnah¬
men, also so dreht sich das. Hohe Be¬
schäftigung, starke Exporte, guter
Fremdenverkehr bringen auch Mittel,
mit denen die öffentliche Hand die
Arbeitsplätze schaffen kann, mit de¬
nen die Infrastruktur verbessert wird.
s/se Jirtidt Wirtschaft 11
        

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