Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1986 Heft 05 (05)

Können
die Gewerkschaften
die Erwartungen der
Mitglieder erfüllen?
»Arbeit & Wirtschaft«: Das heißt
aber, daß im allgemeinen die öster¬
reichischen Gewerkschaften die Er¬
wartungen der Mitglieder nach im¬
mer mehr nicht erfüllen können. Viel¬
leicht entsteht daraus der Vorwurf,
der ÖGB sei einesteils mächtig, mi¬
sche sich überall ein, kümmere sich
aber anderseits zuwenig um die In¬
teressen der arbeitenden Menschen,
mache der Regierung die Mauer bei
gewissen Maßnahmen, die gesetzt
werden müssen. Dann hört man wie¬
der, das Bild des ÖGB habe sich ge¬
wandelt. Die Ansicht, daß er bürokra¬
tisch sei, habe sich bei Umfragen von
1975 bis 1985 verstärkt, die Meinung,
daß er schlagkräftig sei, habe sich
geschwächt. Das stand in Publikatio¬
nen, die nicht sehr verbreitet sind,
wurde aber von einem Massenblatt
mit dem Titel »Deutliche Kratzer am
Bild des Gewerkschaftsbundes« auf¬
gegriffen. Das ist doch auch eine ge¬
wisse Gefahr.
Anton Benya: In der Aufbauphase
gab es natürlich sichtbare Erfolge in
kürzeren Abständen, etwa was den
Aufbau eines guten Netzes der So¬
zialversicherung betrifft. Aufgrund
der Erfahrungen in der Ersten Repu¬
blik war es eine unserer wichtigsten
Aufgaben, die arbeitenden Menschen
vor Notfällen des Lebens zu schützen,
durch Sozialgesetze zur Kranken¬
versicherung, Arbeitslosenversiche¬
rung, Pensionsversicherung. In der
Pensionsversicherung dann schritt¬
weise Verbesserungen in der Pen¬
sion, zuerst fallweise in Verhandlun¬
gen und später dann durch eine ge¬
wisse Automatik.
Bewegung in den Betrieben gab es
dann für die Arbeitszeitverkürzung,
und nach langen Verhandlungen
wurde 1959 durch einen Generalkol¬
lektivvertrag die 45-Stunden-Woche
eingeführt. Nach Jahren weiterer
Verhandlungen ging es etappen¬
weise zur 40-Stunden-Woche.
Auch die Urlaubsverlängerung
von zwei Wochen Mindesturlaub auf
drei Wochen, auf vier, jetzt fünf Wo¬
chen, kam nicht von selbst, auch
nicht der 13. und 14. Monatsbezug.
Das sind Erfolge konsequenter Ge¬
werkschaften.
»Arbeit & Wirtschaft«: Zweifellos
sind das bedeutende Erfolge, aber als
jahrzehntelang tätiger, erfahrener
Gewerkschafter weißt du ganz ge¬
nau, daß in demAugenblick, da etwas
erreicht ist, auch schon vergessen ist,
wie es zustande kam.
Anton Benya: Wer die Entwick¬
lungszeit nicht mitgemacht hat - und
das ist gar kein Vorwurf, sondern eine
Feststellung hat das Gefühl, das
steht ihm selbstverständlich zu, denkt
aber nicht daran, daß all das auf das
ständige Drängen der Gewerkschaf¬
ten zurückzuführen ist, wenn es zu
sozialen Verbesserungen kommt.
Beispiele sind etwa die Feiertagsbe¬
zahlung für Arbeiter, die Arbeiterab¬
fertigung, die Entgeltfortzahlung, die
es früher nicht gegeben hat.
Um die Politik
des Möglichen
»Arbeit & Wirtschaft«: Sicher wür¬
digen die arbeitenden Menschen die
Leistungen der Gewerkschaften. Kri¬
tische Stimmen wird es aber dennoch
immer wieder geben.
Anton Benya: Die hat es auch im¬
mer gegeben, aber der ÖGB hat den¬
noch immer eine Politik des Mögli¬
chen betrieben. Als es um die Preis-
und Lohnabkommen ging, die ganz
einfach notwendig waren, gab es
auch Kritik, der Gewerkschaftsbund
betreibe eine falsche Politik, die nur
zur Verelendung der arbeitenden
Menschen führe. Es war in den harten
Auseinandersetzungen, in den harten
Diskussionen nicht leicht, den Men¬
schen zu erklären, daß diese Politik
richtig ist. Sie hat sich aber als richtig
erwiesen.
Auch die Behauptung, der ÖGB
mache der Regierung die Mauer, ist
doch nicht neu, die gab es schon in
den zwei Jahrzehnten der Großen
Koalition! Jedoch der letzte große
Streik, der Streik der Metallarbeiter
von 1962, für den ich damals die Ver¬
antwortung gehabt habe, fiel in die
Zeit der Großen Koalition. Kleinere
Streiks gibt es auch heute, aber wir
haben durch unsere Stärke viele
Dinge mit der Regierung im Verhand¬
lungsweg zustande gebracht, wo
Gewerkschaften in anderen Ländern
auf die Straße gehen müssen. Wenn
der Vorwurf, der ÖGB mache der Re¬
gierung die Mauer, jetzt immer wieder
zum Ausdruck kommt, so hat man
den-wiegesagt-auch inder Zeit der
Großen Koalition erhoben: Weil die
beiden großen Parteien regieren und
im Gewerkschaftsbund ebenfalls die
Vertreter dieser großen Parteien dik¬
tieren, mache der ÖGB der Regierung
die Mauer.
Man konnte aber nicht behaupten,
daß wir zum Beispiel in der ÖVP-
Alleinregierung eine andere Politik
trieben haben. Da gab es zwar vieler-
seits die Meinung, man müßte mehr
verlangen, aber ich habe gesagt, als
Gewerkschafter wollen wir Gewerk¬
schafts- und Wirtschaftspolitik be¬
treiben, denn wir haben dafür zu
sorgen, daß sich das Land in Ruhe
weiterentwickeln kann. Während der
sozialistischen Alleinregierung hat
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Mit Etappenlösung zur 40-Stunden-Woche.
s/se arbeit Wirtschaft 13
        

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