Full text: Arbeit & Wirtschaft - 1986 Heft 05 (05)

man gesagt, jetzt macht der Gewerk¬
schaftsbund dieser Regierung die
Mauer, und auch jetzt sagt man, der
Gewerkschaftsbund müßte viel härter
gegen die Regierung kämpfen.
Ich bleibe dabei, was ich vor zwei
Jahrzehnten, beim ÖGB-Kongreß
1967, gesagt habe: Der Österreichi¬
sche Gewerkschaftsbund ist eine
überparteiliche, unabhängige Orga¬
nisation, unabhängig vom Staat, der
Regierung, den Unternehmern, den
politischen Parteien. Unsere Ein¬
stellung wird sich immer danach
richten, was eine Regierung für die
Arbeitnehmer zu tun bereit ist.
Stärke und Schwäche
»Arbeit & Wirtschaft«: Das kann
sich in Wirklichkeit nur eine starke
Gewerkschaftsbewegung erlauben.
Wenn wir jetzt umherblicken, so se¬
hen wir, daß in manchen Ländern mit
alter Gewerkschaftstradition, zum
Beispiel in Großbritannien und in den
USA, im letzten Jahrzehnt die Ge¬
werkschaften ziemlich geschwächt
worden sind, teils durch eine andau¬
ernd hohe Arbeitslosigkeit, teils
durch gewerkschaftsfeindliche Ma߬
nahmen und Gesetze der Regierung.
Vor kurzem ist auch gegen den er¬
klärten Willen und Widerstand des
starken Deutschen Gewerkschafts¬
bundes in der Bundesrepublik
Deutschland ein Gesetz geschaffen
worden, das bei Arbeitskonflikten
den durch Aussperrung mittelbar da¬
von Betroffenen die Arbeitslosenun¬
terstützung wegnimmt und sie auf die
Streikkassen der Gewerkschaften
verweist. Das ist eindeutig eine
Schwächung der deutschen Ge¬
werkschaften, aber auch in Öster¬
reich gibt es immer wieder gewerk¬
schaftsfeindliche Haltungen. Natür¬
lich nicht von der Regierung, aber
von Unternehmern, die sich mit Hän¬
den und Füßen erfolgreich dagegen
wehren, daß ein Betriebsrat installiert
wird.
Anton Benya: Wir haben eine
überparteiliche Organisation, einen
Organisationsgrad von etwas mehr
als 60%, wir sind in den Großbetrie¬
ben zwischen 90 und 100% organi¬
siert, wir haben dort Betriebsratskör¬
per, die aufgrund guter Informatio¬
nen und auch der gewerkschaftli¬
chen Bildungsarbeit imstande sind,
dem Unternehmer in der Diskussion
standzuhalten. Das bedeutet schon
etwas.
Der Österreichische Gewerk¬
schaftsbund wird auch von der Re¬
gierung als gleichrangig mit öffent¬
lich-rechtlichen Körperschaften wie
den Kammern anerkannt. Die Wirt¬
schafts- und Sozialpartnerschaft tut
dazu ein übriges, so daß wir schon
auf dieser Ebene vorbereiten können,
was im Interesse des Gedeihens der
Wirtschaft geschehen soll. Es wäre ja
falsch, würden wir nur auf jene hö¬
ren, die sagen, was kümmert euch
die Wirtschaft, ihr habt euch nur um
ein besseres Sozialrecht und einen
höheren Lohn zu kümmern. All diese
Dinge können wir nur leisten, wenn
wir eine florierende Wirtschaft ha¬
ben. Das hat sich, glaube ich, schon
in den breiten Massen durchgesetzt,
daß wir in der Wirtschaft mitreden, ob
auf Betriebsebene, ob auf der Bran¬
chenebene, ob bei Wirtschaftsfragen,
die von der Bundesregierung behan¬
delt werden. Bis jetzt hat noch jede
Bundesregierung mit den Gewerk¬
schaften Kontakt gesucht, wenn auf
wirtschaftlicher Ebene große Pro¬
bleme zu lösen waren.
Sicher haben auch, bei aller Härte,
die es gibt, die Unternehmer in Öster¬
reich doch erkennen müssen, daß es
wenig Sinn hat, zu meinen, Herr im
Haus bin ich, und nur ich entscheide,
sondern daß es vernünftiger ist, mit
dem Betriebsrat, mit den Gewerk¬
schaften Gespräche zu führen.
»Arbeit & Wirtschaft«: Aber Allge¬
meingut ist das noch nicht gewor¬
den?
Anton Benya: Das stimmt, aber
anderseits stetigen Klassenkampf zu
predigen, wäre auch nicht gut. Man
muß ja den Kampf nicht auf der
Straße führen, wenn man gute Argu¬
mente hat, wenn man überzeugen
kann, wenn auch der andere weiß,
allein kann er das nicht ziehen. Dann
kann man in langen, schwierigen
Verhandlungen viele Dinge durch¬
bringen. Das ist für die Wirtschaft, für
die gesamte Bevölkerung, für das
Land gut. Eine ruhige Entwicklung
bringt auch mit sich, daß Österreich
als stabiles Land die Chance hat, daß
hier Betriebe angesiedelt werden,
weil man sehr wohl weiß, da wird flei¬
ßig gearbeitet, da gibt es gute Fach¬
arbeiter, da ist doch eine ruhige Ent¬
wicklung.
»Arbeit & Wirtschaft«: Merkwürdi¬
gerweise gibt es manches multina¬
tionale Unternehmen, das im Heimat¬
land, zum Beispiel in den Vereinigten
Staaten, absolut gewerkschaftsfeind¬
lich ist, aber wenn es sich in Öster¬
reich ansiedelt, mit den Gewerk¬
schaften kooperiert.
Anton Benya: Das ist sicherlich
nicht von sich aus. Aber wenn ein Un¬
ternehmen die Absicht hat, sich in
Österreich niederzulassen, versu¬
chen wir, von Anfang an dabei zu
sein, so daß sie auch wissen, so
schaut es in Österreich aus. Sie müs¬
sen eben österreichische Gesetze
anerkennen. So haben wir halt dann
in den österreichischen Betrieben
solcher Unternehmen oft eine stär-
Konkurrenz aus Niedriglohnländern.
kere gewerkschaftliche Organisation,
als es sie in den Stammländern gibt.
Letztlich können wir jedoch aus dem
Betrieb nur dann mehr herausholen,
wenn auch eine entsprechende Lei¬
stung da ist. Leistungsfähig ist aber
die österreichische Arbeitnehmer¬
schaft sehr.
Eckzinssatz
und Kapitalmarkt
»Arbeit & Wirtschaft«: Nun einige
Einzelfragen. Es ist immer gesagt
worden, für den kleinen Sparer sei
der Eckzinsfuß entscheidend. Vori¬
ges Jahr wurde der von 4 auf 3,75%
gesenkt. Vor kurzem wurde der Kapi¬
talmarktzinssatz von 7,5% auf 7,75%
erhöht, aber der Eckzinsfuß blieb bei
3,75%. Da hat sogar der Generalse¬
kretär des Verbandes der Landeshy¬
pothekenanstalten erklärt, man hätte
auch den Eckzins um Ys" anheben
können.
Anton Benya: Als der Eckzinsfuß
14 arhcii Wirtschaft 5/86
        

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